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Wir sind viele: Den Metaorganismus jenseits von Disziplinen denken

Neues digitales Diskussionsformat des SFB 1182 „Entstehen und Funktionieren von Metaorganismen“ an der CAU reflektiert breitere Bedeutung des Forschungsfeldes

Ungewöhnliche Zeiten verlangen nach neuen Ideen der Zusammenarbeit. Die Erforschung des Metaorganismus hat sich längst zu einem Forschungsgebiet entwickelt, das neben den Naturwissenschaften auch die Sozial- und Geisteswissenschaften miteinbezieht. Was bedeutet das Zusammenwirken von Wirtslebewesen mit ihren symbiotischen Mikroorganismen für unsere Vorstellung von „Selbst“ und die Definition des Individuums? Muss der Mensch neu gedacht werden nachdem man weiß, dass er ohne symbiotische Partner gar nicht funktionieren kann? Welche Auswirkungen hat der vom Menschen verursachte globale Wandel auf das Konzept des Metaorganismus?

Um solche und ähnliche Fragen weiterzuentwickeln, braucht es in Zeiten von Reise- und Kontaktbeschränkungen neue Formate der interdisziplinären Kommunikation. Der Sprecher des Sonderforschungsbereichs (SFB) 1182 „Entstehen und Funktionieren von Metaorganismen“ an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU), Professor Thomas Bosch, lud daher kürzlich zu einer virtuellen Diskussionsrunde „Integration von biologischen, philosophischen und sozialen Wissenschaften“ ein. In diesem neuen Format einer Podiumsdiskussion diskutierte Bosch mit der Historikerin Professorin Hannah Landecker von der University of California, Los Angeles, dem Philosophen Professor Thomas Pradeu von der Universität Bordeaux und dem Anthropologen Professor Tobias Rees vom Berggruen Institute über die disziplinübergreifende Bedeutung des Metaorganismus-Konzepts.

Computergrafik einer Diskussionsrunde

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Das Metaorganismus-Konzept jenseits der Biologie


Mikroben sind an einem Großteil der biologischen Aktivitäten auf unserem Planeten beteiligt. Sie waren die ersten Lebewesen auf der Erde und sind an der Evolution aller folgenden Lebensformen beteiligt. Der menschliche Körper besteht aus 1,3 mal mehr Mikroorganismen als aus eigenen Körperzellen. Diese Gemeinschaft von Mikroorganismen und Körper, der Metaorganismus, hat beispielsweise Einfluss darauf, wie wir unsere Nahrung verdauen, wie aktiv unser Immunsystem ist und auch darauf, ob wir eher ängstlich oder neugierig sind. Diese Beispiele aus der aktuellen Metaorganismus-Forschung zeigen, wie das Verständnis des Zusammenspiels von Wirtslebewesen und Mikroorganismen auch das Denken auf breiterer philosophischer Ebene beeinflusst: Da Lebewesen heute als eine Einheit von Körper und vielfältigen Mikroorganismen gesehen werden, verändert dieses neuartige Konzept unsere bisherigen Auffassungen zum Beispiel über die menschliche Natur, Individualität, Identität oder das Selbstsein.

Damit gewinnt die Metaorganismus-Forschung eine Bedeutung weit über die Naturwissenschaften hinaus. Sie hat auch die Sozial-, Geschichts- und philosophischen Wissenschaften erreicht. Deren Konzepte müssten im Lichte der weitreichenden Bedeutung der engen Verflechtung von Körper und Mikroorganismen ebenfalls neu überdacht werden: „Es ist an der Zeit, die Gedanken von Expertinnen und Experten aus den Sozial- und Geschichtswissenschaften und der Philosophie in unsere Versuche einzubeziehen und dadurch die vielschichtigen Auswirkungen des Metaorganismus-Konzepts über biologische und medizinische Aspekte hinaus zu verstehen“, beschreibt Bosch den Impuls zum Auftakt der neuen Veranstaltungsreihe im SFB 1182.

"Die im zwanzigsten Jahrhundert entstandenen biologischen Konzepte wie die Aufteilung des Körpers in verschiedene Systeme werden heute als gegeben akzeptiert. Dadurch denken wir, dass diese Konzepte repräsentieren, wie die Welt tatsächlich organisiert ist", betont die Historikerin Landecker. "Während wir zu verstehen beginnen, dass es alle möglichen Entitäten gibt, die wir vorher nicht wahrgenommen haben, ist es wichtig zu reflektieren, woher diese Konzepte ursprünglich gekommen sind", so Landecker weiter.

Meine Arbeit dreht sich genau um die Unzulänglichkeiten der aktuell bestehenden Disziplinen. Der Begriff Metaorganismus ist für mich erfreulich unpräzise.

Professor Tobias Rees

„Er ist vor allem ein Indikator für die Notwendigkeit, viele Konzepte zu revidieren, die wir selbstverständlich für wahr hielten: Dies ist ein Individuum, dies ist ein Selbst, dies ist ein Organismus und so grenzt er sich von seiner Umwelt ab“, beschreibt Rees seine Wahrnehmung des derzeitigen Paradigmenwechsels.

„Es ist möglich, dass Metaorganismen als solche existieren und reale Entitäten in der Natur darstellen. Metaorganismen müssen jedoch nicht zwangsläufig als solche existieren, aber dennoch wären sie nützliche Einheiten, um über biologische Interaktionen nachzudenken“, beschreibt der Philosoph Pradeu, wie sich biologische Konzepte weiterentwickeln.

Große Veränderungen geschehen, wenn Menschen nicht mit den grundlegenden Annahmen der Gemeinschaft übereinstimmen. Das ist extrem produktiv, wenn es das Ziel ist, die Wissenschaft zu verändern - nicht nur Wissenschaft zu betreiben.

Professor Thomas Pradeu

Verstehen, wie sich Wissenschaft weiterentwickelt

Diese Denkanstöße aus den verschiedenen Perspektiven der interdisziplinären Runde richten sich ausdrücklich nicht nur an ein Fachpublikum. Die Diskussionsveranstaltung steht auch der interessierten Öffentlichkeit als Aufzeichnung zur Verfügung, die sich von den Reflektionen zu den vielschichtigen Verflechtungen neuartiger Sichtweisen in den Lebenswissenschaften mit anderen Wissenschaften aber auch der Gesellschaft insgesamt anregen lassen kann. Der Kieler SFB 1182 möchte mit diesem und anderen Formaten die Chancen der Digitalisierung nutzen, um einerseits den so wichtigen wissenschaftlichen Austausch weiterhin zuzulassen. Andererseits soll eine Plattform entstehen, die es auch der Öffentlichkeit erlaubt, dem wissenschaftlichen Diskurs zu folgen und Einblicke in die Weiterentwicklung der Lebenswissenschaften und die damit verbundenen Auswirkungen auf viele andere Wissenschafts- und Lebensbereiche zu gewinnen. Dementsprechend planen die Forschenden des Kieler SFB 1182 künftig weitere Veranstaltungen, die an das neue Format anknüpfen sollen.

Portrait einer Frau
© Spencer Lowell

Professorin Hannah Landecker, Department of Sociology / Institute for Society and Genetics, UCLA.

 

Portrait eines Mannes
© ERC IDEM

Professor Thomas Pradeu, Wissenschaftsphilosoph an der Universität Bordeaux.

Ein Mann bei einem Vortrag
© Christian Urban, Uni Kiel

Professor Tobias Rees, Programmdirektor “Transformations of the Human” am Berggruen Institut, Los Angeles.

 

Über den SFB 1182:
Der Sonderforschungsbereich 1182 „Entstehen und Funktionieren von Metaorganismen“ ist ein interdisziplinäres Netzwerk unter Beteiligung von rund 80 Forschenden, das die Interaktionen spezifischer Mikrobengemeinschaften mit vielzelligen Wirtslebewesen untersucht. Es wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) unterstützt und beschäftigt sich mit der Frage, wie Pflanzen und Tiere einschließlich des Menschen gemeinsam mit hoch spezifischen Gemeinschaften von Mikroben funktionale Einheiten (Metaorganismen) bilden. Ziel des SFB 1182 ist es, zu verstehen, warum und wie mikrobielle Gemeinschaften diese langfristigen Verbindungen mit ihren Wirtsorganismen eingehen und welche funktionellen Konsequenzen diese Wechselwirkungen haben. Im SFB 1182 haben sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus fünf Fakultäten der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU), vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel, dem Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie Plön, der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, dem Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und der Mathematik und der Muthesius Kunsthochschule zusammengeschlossen.

Weitere Informationen:

Kontakt:

Prof. Thomas Bosch
Sprecher SFB 1182 „Entstehen und Funktionieren von Metaorganismen“, CAU
0431-880-4170
tbosch@zoologie.uni-kiel.de

Pressekontakt:

Christian Urban
Wissenschaftskommunikation
„Kiel Life Science", CAU
0431-880-1974
curban@uv.uni-kiel.de