Rückkehr ins Feld: Der SFB „TransformationsDimensionen“

International in Standort und Beteiligung

Nach einer erfolgreichen internationalen Ausschreibung zu Beginn dieses Jahres führt der Sonderforschungsbereich (SFB) 1266 „TransformationsDimensionen“ derzeit in fünf Ländern Feldforschungen mit Studierenden der Universität Kiel und internationalen Partnern durch. Als grundlegendes Element der archäologischen und paläoökologischen Erforschung vergangener Gesellschaften und ihrer Umwelt ermöglichen diese Feldforschungsprojekte nicht nur die Gewinnung neuer Daten und die Ausweitung ihrer Untersuchungen zu vergangenen Transformationsprozessen.

„Es ist so wichtig, endlich wieder im Feld zu sein. Für Archäologiestudenten ist die Feldarbeit im Ausland in der Regel die erste Gelegenheit, internationale Netzwerke zu knüpfen, die oft ein ganzes Berufsleben lang halten“, sagte Dr. Nicole Taylor, wissenschaftliche Koordinatorin des SFB 1266. Heute sei es wichtiger denn je, diese sozialen Verbindungen zu erhalten und zu stärken. „Da vergangene Transformationsprozesse wie Bevölkerungskonzentration, Klimaveränderungen oder neue Handels- und Kommunikationswege – und ihre weitreichenden Auswirkungen – selten den heutigen Landesgrenzen folgen, ist es unerlässlich, dass die Forschenden des SFB 1266 ihre Untersuchungen weiträumig durchführen können.“

Graben, Bohren, Sieben und Zählen

Im Rahmen der verschiedenen Feldarbeitskampagnen finden vielfältige Aktivitäten statt. In Rumänien bringt die „Sultana Summer School“ Wissenschaftler aus Kiel, Bukarest und Belgien sowie Studierende aus Italien, der Ukraine, England und den Niederlanden zusammen. Viele Fachgebiete wurden zusammengeführt, um zu untersuchen, warum die kupferzeitlichen Gemeinschaften im unteren Donauraum zusammenbrachen, während sich nicht weit entfernt sogenannte „Megasiedlungen“ bildeten. An den interdisziplinären Untersuchungen sind Spezialistinnen und Spezialisten für archäologische Fundanalyse, archäologische Ausgrabungen, Geophysik, Archäobotanik und Geoarchäologie beteiligt. In der Siedlungslandschaft von Sultana, die auf ca. 4500-4100 v. Chr. datiert wird, werden der Siedlungshügel, ein Gräberfeld und eine offene Siedlung ausgegraben. Mit einer schwimmenden Bohrplattform wurde ein Pollen- und Sedimentkern aus der nahen gelegenen Mostiştea-See entnommen. Dr. Marta Dal Corso, Archäobotanikerin am CRC 1266, setzt große Hoffnungen in diesen Kern: „Zusätzlich zu den prähistorischen Pflanzenresten, die mit Hilfe der komplexen Schwimmanlage gesammelt wurden und die uns quantifizierbare botanische Daten über Subsistenzstrategien und die Umwelt liefern werden, hoffen wir auch, dass der Seekern Umweltarchive liefern wird, die für Südostrumänien bisher fehlen“, sagte sie. „Die Seesedimente werden es uns ermöglichen, die Signale der Tellsiedlung am Seeufer in die langfristige Vegetationsentwicklung zu integrieren“, so Dr. Ingo Feeser (ebenfalls SFB 1266).

Die nahegelegene Tellsiedlung von Chiselet wird ebenfalls erforscht. Die geomagnetische Vermessung ergab etwa 20 gut erhaltene Häuser, die durch Vermessung und Kernbohrungen im Gelände gefunden wurden. Der bemerkenswerte Fund eines Satzes von Miniaturmöbelmodellen konnte zeigen, wie die Innenräume der Häuser ausgesehen haben könnten und liefert Informationen, die in der Urgeschichte normalerweise fehlen. Einen weiteren Einblick in die kupferzeitliche Inneneinrichtung und das tägliche Leben lieferte ein zusammengebrochenes Regal - einschließlich des Geschirrs -, das auf einem der Hausböden gefunden wurde. „So etwas wird in Mitteleuropa selten gefunden und gehört zu den Sternstunden der Archäologie“, so der SFB 1266-Archäologe Dr. Robert Hofmann.

Forschungsfragen im Zusammenhang mit kulturellen Phänomenen der Tripolje-Gesellschaften werden in zwei Feldforschungsprojekten verfolgt, die sich jeweils in einem anderen Stadium des archäologischen Prozesses befinden. In Kisnytsia, in der Nähe von Kryschopil (Ukraine), wird eine kupferzeitliche Siedlung ausgegraben, wo unterschiedlich große Abfallgruben bisher eine Fülle von Keramik-, Knochen- und Werkzeugmaterial zutage gefördert haben. Zusammen mit den Umweltdaten der Fundstelle werden diese zweifellos wertvollen Erkenntnisse über den Zusammenbruch der Tripolye-Megastätten in dieser Region liefern. Dieses Feldforschungsprojekt wird vom SFB 1266 (insbesondere Teilprojekt D1) in Zusammenarbeit mit dem Institut für Archäologie der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften durchgeführt. In Moldawien sind die Nachgrabungsarbeiten in vollem Gange, die von einem Team des SFB 1266 (Teilprojekt D1), des Exzellenzclusters ROOTS sowie von Studenten aus Kiel, Chişinău, Kiew und Odesa durchgeführt werden. In Zusammenarbeit mit der Şcoala Antropologică Superioară (Chişinău) und der Römisch-Germanischen Kommission (Frankfurt am Main) wird die beeindruckende Sammlung von Funden aus früheren Ausgrabungen aufgearbeitet, um das tägliche Leben und die ideologischen Strukturen dieser "Megastätte" ans Licht zu bringen.

Näher an der „Heimat“ arbeitet ein internationales Team in Zusammenarbeit mit dem SFB 1266 (Teilprojekt C1) und der Niedersächsischen Moor- und Feuchtgebietsarchäologie an der Ausgrabung eines Holzbohlenweges aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. im Aschener Moor. Es wird angenommen, dass der Weg über zwei  Kilometer lang und 3,3 Meter breit ist und das Moor von Westen nach Osten durchquert. Derartige prähistorische Wege sind den Archäologinnen und Archäologen seit dem 19. Jahrhundert bekannt und dienten den prähistorischen Gesellschaften als Mittel zur Interaktion und Mobilität. Sie ermöglichten es, angesichts der klimatischen Veränderungen Wege durch sich verändernde Landschaften zu schaffen oder zu erhalten. Um den Weg zu lokalisieren, führte das Team ein Kernbohrprogramm in langen Transekten durch das Moor durch. Jetzt haben die Ausgrabungen begonnen und haben bereits sehr gut erhaltene Hölzer zum Vorschein gebracht - sogar einige mit sichtbaren Axtmarkierungen - und Einblicke in die Konstruktion der hölzernen Trasse gegeben. Aufgrund der Beschaffenheit der Landschaft wäre ein hölzerner Weg auch heute noch von großem Nutzen für das Team, das seine eigene schwere Ausrüstung oft kilometerweit über das ansonsten unwegsame Moorland tragen muss. Ebenfalls in Deutschland haben die Ausgrabungen am Wittelsberg, westlich von Marburg, begonnen. Es, wurden bereits zahlreiche Artefakte gefunden, darunter ein Steinbeil.

„Wir sind gespannt, welche weiteren Entdeckungen die diesjährigen Feldkampagnen zutage fördern und was sie uns über prähistorische und archaische Transformationsprozesse in ganz Europa und darüber hinaus aussagen können“, sagt Nicole Taylor.

Aufnahme eines rechteckigen Erdloches von oben. In dem Loch sind drei Menschen zu sehen, die auf den Boden schauen.
© Jan Piet Brozio, Uni Kiel

Vorsichtig werden die Hölzer des Bohlenweges freigelegt.

Drei Menschen stehen zusammen und zeigen auf einen kleinen Gegenstand. Diesen hält die Person in der Mitte in der ausgestreckten Hand.
© Christoph Rinne, Uni Kiel

Das Steinbeil aus Wittelsberg.

Zwei Menschen halten Seile und Apparaturen fest. Sie stehen auf einer Metallfläche am Wasser.
© Johannes Müller, Uni Kiel

Seebohrung auf dem Mostiştea See.

Studioaufnahme von kleinen handgearbeitete Möbelstücken aus Stein vor einem neutralen blauen Hintergrund.
© Agnes Heitmann, Uni Kiel

Miniaturmodelle zeigt wie Möbel vor 6500 Jahre aussahen.

Wissenschaftlicher Kontakt:

Dr. Nicole Taylor
Wissenschaftliche Koordinatorin des SFB 1266
ntaylor@sfb1266.uni-kiel.de

Pressekontakt:

Christin Beeck
Presse, Digitale und Wissenschaftskommunikation