Auf dem Weg zur Toleranz

Der Kieler Sozialpsychologe Bernd Simon und der Rostocker Philosoph Heiner Hastedt sprachen im Audimax über Ablehnung, Anerkennung, Akzeptanz und Respekt

Wie kann es in der Gesellschaft mehr Toleranz geben? Dieser Frage gingen der Kieler Sozialpsychologe Bernd Simon und der Rostocker Philosoph Heiner Hastedt in einer Veranstaltung nach, die von der Kieler Forschungsstelle Toleranz (KFT) an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) organisiert wurde. Die Moderation übernahm Dr. Anne Bachmann, Referentin der Gleichstellungsbeauftragten der Landeshauptstadt Kiel.

Nach Ansicht von Professor Simon ist es hilfreich, den eigenen Anspruch herunterzuschrauben: „Toleranz bedeutet nicht, diejenigen, die man ablehnt, zu mögen und deren Ansicht gutzuheißen und dabei womöglich die eigene Identität aufzugeben“, erläuterte er, „sondern diejenigen, die man ablehnt, dennoch zu respektieren“. Wenn das Toleranzverständnis überfrachtet sei, komme es zu einer Selbstüberforderung.

Als wichtig erachtet er auch, ein bestimmtes Verhalten zu unterlassen, nämlich einen Keil zwischen der eigenen und einer anderen sozialen Gruppe zu treiben. Lästern, übertreiben, aufstacheln – ein solches Vorgehen heize die Stimmung gegen andere an. Und das oft nur, um dem Gruppendruck nachzugeben: „Gegen den Strom der Eigengruppe zu schwimmen ist anstrengend.“

Zudem ist in den Augen des Sozialpsychologen ein Blick auf Verbindendes förderlich für Toleranz. Als Beispiel nannte er ein Fußballspiel zwischen Holstein Kiel und Hansa Rostock: Die Fans könnten sich auf einer übergeordneten Ebene als Sportbegeisterte respektieren. Dies ermögliche Toleranz.

Der Philosoph Heiner Hastedt betonte: „Toleranz muss schwerfallen.“ Denn diese Haltung dürfe nicht mit Gleichgültigkeit verwechselt werden. Er nannte beispielhaft die Einstellung gegenüber Querdenkern. „Meinungs- und Entscheidungsfreiheit ist extrem wichtig.“ Doch es gebe Grenzen der Toleranz. Er erwähnte die Situation eines Überfalls mit Schwerverletzten. Gegenüber Impfgegnern könne ebenfalls eine Grenze der Toleranz gezogen werden. Hastedt bezog sich dabei auf den Philosophen John Stuart Mill, einen der einflussreichsten liberalen Denker des 19. Jahrhunderts. Dessen Prinzip zufolge darf die Gesellschaft nur aus einem Grund die „Handlungsfreiheit“ von Mitgliedern beschneiden, nämlich um „sich selbst zu schützen“.

Auch aus Eigeninteresse sei Toleranz geboten, so der Rostocker Professor. „Zum einen wird der eigene Horizont erweitert. Und zum anderen kann ich eher Toleranz erwarten, wenn ich selbst tolerant bin.“

Dies war die zweite Veranstaltung der Kieler Forschungsstelle Toleranz (KFT) in geringem Abstand. Vor Kurzem gab es ein Podiumsgespräch mit Bundespräsident a.D. Joachim Gauck. Die Wissenschaftsreferentin der Landeshauptstadt Kiel und stellvertretende Vorsitzende des KFT-Beirats Kerstin Dronske kündigte für das nächste Jahr weitere Veranstaltungen an.

Die Kieler Forschungsstelle Toleranz

Die Kieler Forschungsstelle Toleranz hat sich die Grundlagenforschung zur zentralen Aufgabe gemacht. Auch die auf die Toleranzthematik ausgerichtete akademische (Aus-) Bildung von Studierenden und Nachwuchswissenschaftler*innen sowie der Erkenntnistransfer in die Gesellschaft gehören zu den Aufgaben des neunköpfigen KFT-Teams.

Prof. Dr. Bernd Simon (Jg. 1960) hat an der Universität Münster und der University of Kent in Canterbury (England) Psychologie, Soziologie und Philosophie studiert und 1986 sein Studium in Münster mit dem Diplom in Psychologie abgeschlossen. Nach der Promotion (1989) wurde er 1994 in Münster habilitiert. Für Forschungen hielt er sich in den USA und Australien auf. Seit 1998 ist er Professor für Sozialpsychologie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Er lehrt und forscht ebenfalls als Professor für Politische Psychologie. 2018 gründete er die Kieler Forschungsstelle Toleranz, die er seitdem leitet.

Prof. Dr. Heiner Hastedt (Jg. 1958) studierte an den Universitäten Göttingen, Hamburg und Bristol Philosophie, Religion, Deutsch und Erziehungswissenschaft und legte das 1. und 2. Staatsexamen ab. 1987 erfolgte am Philosophischen Seminar Hamburg die Promotion und 1991 an der Universität Paderborn die Habilitation. Seit 1992 ist er Professor für Philosophie mit besonderer Berücksichtigung der Praktischen Philosophie an der Universität Rostock. Zum Thema „Toleranz“ hat er das Buch „Toleranz – Grundwissen Philosophie“ (2012) verfasst.

Text: Annette Göder

Prof. Bernd Simon im Gespräch
Anne Bachmann vor einem Laptop
Prof. Dr. Heiner Hastedt
Kerstin Dronske am Rednerpult
Drei Menschen auf der Audimax-Bühne
© Annette Göder, Uni Kiel

Im Gespräch über Toleranz und Respekt: Prof. Dr. Bernd Simon, Kieler Forschungsstelle Toleranz, Universität Kiel (links), Dr. Anne Bachmann, Referentin der Gleichstellungsbeauftragten der Landeshauptstadt Kiel als Moderatorin und Prof. Dr. Heiner Hastedt, Institut für Philosophie der Universität Rostock.

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