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Startschuss für den 61. Deutschen Kongress für Geographie an der Uni Kiel

Geographie Kongress

Heute (Donnerstag, 26. September) startet der 61. Deutsche Kongress für Geographie (DKG) der Deutschen Gesellschaft für Geographie (DGfG) unter dem Motto „Umbrüche und Aufbrüche. Geographie(n) der Zukunft“ an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU). Bis Montag, 30. September, erwarten die Veranstalterinnen und Veranstalter des Geographischen Instituts rund 2.000 Gäste in der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt. In 250 Fachsitzungen, acht Hauptvorträgen und diversen Fachforen soll diskutiert werden, wie sich die Geographie als Disziplin gewandelt hat.

1969 forderten Studierende mit lautstarken Protesten grundlegende Reformen des Faches. Gesellschaftlich relevante Fragestellungen sollten in den Fokus gerückt und die traditionelle Länderkunde durch raumwissenschaftliche Betrachtungsweisen zum Beispiel mit Blick auf soziale Ungleichheit abgelöst werden. „Die Geographie hat sich in den vergangenen 50 Jahren als Disziplin emanzipiert und etabliert. Auf diesem Jubiläumskongress werfen wir einen Blick auf den Fortschritt des Faches in den vergangenen Dekaden, nehmen aktuelle geographische Forschung und Praxis unter die Lupe und loten neue Wege für die Zukunft des Faches aus“, sagt Tagungsleiter Professor Rainer Wehrhahn. „Dass unser Fach unveränderlich aktuell, zeitgemäß, brisant, diskussionswürdig und dabei auch wandelbar bleibt, werden wir in den kommenden Tagen unter Beweis stellen“, ergänzt Professor Werner Gamerith, Präsident der DGfG.

Globalisierung und Ungleichheit und der Kampf gegen den Klimawandel

Unter den ausgewiesenen Expertinnen und Experten auf dem Geographie-Kongress sind auch Professorin Judith Miggelbrink (TU Dresden, Fachgebiete Kultur- und Sozialgeographie) und Professor Christoph Schneider (HU Berlin, Fachgebiete Klimageographie, Glaziologie und Global Change-Forschung). Professorin Judith Miggelbrink forscht zu Peripherisierungs- und Schrumpfungsprozessen sowie zu politischen Grenzen und deren Bedeutung in alltäglichen Zusammenhängen. Zudem befasst sie sich mit grenzüberschreitender Zusammenarbeit im medizinischen Bereich (u.a. Organtransplantation) vor dem Hintergrund von Globalisierungsprozessen. Ihr geht es darum zu verstehen, welche Bedeutung Raum in alltäglichen und politischen Zusammenhängen hat und wie lokale, regionale und globale Prozesse miteinander verwoben sind. „Unter Bedingungen der Globalisierung ist es notwendig zu verstehen, wie lokale und regionale Verhältnisse, in denen Menschen leben, dadurch verändert werden, welche Konflikte und soziale Ungleichheiten daraus resultieren und wie mit den Folgen umgegangen werden kann."

Auch Professor Christoph Schneider steht für eine relevante Fachrichtung innerhalb der Geographie. Seit 25 Jahren forscht er zu Klimawandel und dessen Auswirkungen unter anderem auf Gebirgsgletscher. In öffentlichen Debatten setzt er sich – auch als Gründungsmitglied von „Scientists For Future“ – für mehr Konsequenz im Klimaschutz ein: „Obwohl das Wissen um die menschengemachte Veränderung des Erdsystems unumstritten ist, hapert es an konsequentem persönlichen und staatlichen Handeln. Nach wie vor leben wir zu sehr auf Kosten der Menschen im Globalen Süden und überlassen darüber hinaus die nötigen Anstrengungen für die Transformation zur Nachhaltigkeit lieber nachkommenden Generationen“, sagt Schneider.

Neun Leitthemen sollen Weichen stellen

Heute ist die geographische Perspektive wichtiger Bestandteil vieler sozialer, politischer, wirtschaftlicher oder klimarelevanter Weichenstellungen. Um sich diesen strukturiert zu nähern, haben die Organisatorinnen und Organisatoren des Kongresses neun Leitthemen festgelegt. Dazu zählen beispielsweise kritische Perspektiven in der Geographie, die sich mit autoritären politischen Tendenzen, Verhältnissen von Macht und Raum oder wissenschaftlichen Positionierungen gegenüber europäischer Asylpolitik oder Touristifizierung auseinandersetzen. Aktuelle schulpraktische Fragen finden sich dagegen im Leitthema „Geographie und Bildung“ sowie im „Tag der Schulgeographie“ am Freitag wieder. Weitere Themenschwerpunkte sind die Umweltmodellierung, Globaler Wandel oder Digitalisierungsprozesse. „Unser Ziel ist es, alle Dimensionen geographischen Wirkens gleichermaßen anzusprechen und die Fachkolleginnen und -kollegen zur Beteiligung an der Fortentwicklung unseres Faches anzuregen. Ich hoffe, dass sich durch die Leitthemen geographische Zukünfte denken und konkretisieren lassen“, betont Wehrhahn. Dazu beitragen sollen auch die von Kieler Geographie-Studierenden organisierten Veranstaltungen des „Jungen Kongresses der Geographie“ sowie die ebenfalls unter dem Dach des Gesamtkongresses stattfindenden Diskussionen der in der räumlichen Planung arbeitenden Geographinnen und Geographen.

Keynote läutet Kongress ein

In ihrem Impulsbeitrag „From margin to center? Theoretische Aufbrüche in der Geographie seit Kiel 1969“ versuchten Professorin Carolin Schurr (Universität Bern) und Professor Peter Weichhart (Universität Wien) am heutigen Donnerstag zunächst zu definieren, was gesellschaftlich relevant ist und damit im Zentrum der Geographie stehen sollte. Ihr gemeinsamer Ausgangspunkt dabei: „Neue Ansätze in der Geographie müssen die dominante Position des Menschen radikal in Frage stellen. Wir müssen uns vielmehr als Teil eines größeren Gefüges aus Tieren, Umwelt, Technologie und Materie begreifen und gemeinsam Widerstand gegen den dominanten Turbokapitalismus bilden, der momentan das Gesamtsystem Erde zerstört. Wir plädieren dafür, Fragen einer solchen mehr als humanen sozialen Gerechtigkeit ins Zentrum geographischer Forschung zu rücken“, fordern Schurr und Weichhart.
 

Fachforen für die Öffentlichkeit

Mit den drei Themenfeldern Energiewende, städtische Wohnungs- und Bodenpolitik sowie autoritär-populistische Bewegungen und die Rolle des Raumes werden an drei aufeinanderfolgenden Abenden aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen debattiert. Dabei diskutieren Vertreterinnen und Vertreter von Wissenschaft, Politik, Planung und Gesellschaft im Rahmen von Podiumsdiskussionen, die auch für die Öffentlichkeit geöffnet sind: www.dkg2019.de/programm/fachforen/

Weitere Informationen:

www.dkg2019.de

Kontakt:

Prof. Dr. Rainer Wehrhahn
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Geographisches Institut
wehrhahn@geographie.uni-kiel.de

Stabsstelle Presse, Kommunikation und Marketing
Sachgebiet Presse, Digitale und Wissenschaftskommunikation