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Ohne Sprache kein Geschichtsunterricht

Kieler Forschende erhalten Tandem-Fellowship des Stifterverbandes für ihr Projekt zur innovativen Hochschullehre

Ob interaktives Lernen mit dem Tablet und Smartphone, durchdachte Konzepte für einen erfolgreichen Studienstart oder Projekte für eine gute Praxisanbindung im Studium: Mit den „Fellowships für Innovationen in der Hochschullehre“ prämierten die Baden-Württemberg Stiftung und der Stifterverband Ideen zur zukunftsorientierten Gestaltung und Optimierung der Hochschullehre. Zu den 18 geförderten Projekten gehört die „Diagnostik von sprachlichem Handeln im Geschichtsunterricht“ von Professor Sebastian Barsch und Juniorprofessorin Inger Petersen an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU). Sie setzten sich mit ihrem Projektvorschlag für ein Tandem-Fellowship unter bundesweit 73 eingereichten Bewerbungen durch und erhielten für ihr Projekt eine Förderung in Höhe von 30.000 Euro.

Vielfalt ist allgegenwärtig im schulischen Lernen. Dieser Alltag müsse mit pädagogischen und fachdidaktischen Maßnahmen bewältigt werden, erklärt Petersen: „Eine Facette der schulischen Vielfalt sind die sprachlichen Voraussetzungen der Schülerinnen und Schüler. Die Lehrenden sollten sensibel mit diesen verschiedenen Ausgangssituationen umgehen können.“ Darauf wollen Inger Petersen vom Germanistischen Seminar und Sebastian Barsch vom Historischen Seminar der CAU ihre Lehramtsstudierenden gemeinsam vorbereiten. In dem auf zwei Jahre angelegten Projekt entwickeln, erproben und nutzen Studierende diagnostische Instrumente für den Geschichtsunterricht.

Anhand von Erzählungen sprachliche Fähigkeiten analysieren

„Unser Lehrveranstaltungskonzept, das sich an den Prinzipien des Forschenden Lernens orientiert, hat zum Ziel, ausgeprägte sprachdiagnostische Kompetenz zu vermitteln. Die angehenden Geschichtslehrerinnen und -lehrer werden theoretisch vorbereitet, lernen aber auch praktisch, wie sie ihr Können in den verschiedenen Situationen bedarfsgerecht anwenden, um die sprachliche Kompetenz von Schülerinnen und Schülern zu erheben und auszuwerten“, erklärt Barsch. Ganz konkret regen einige Aufgaben die Schülerinnen und Schüler dazu an, kurze historische Erzählungen aufzuschreiben. Dabei sollen sie quellenbasiert und plausibel historische Ereignisse darstellen. Die Studierenden werten anschließend anhand der Erzählungen aus, ob beispielsweise Fachbegriffe benutzt werden, wie häufig bestimmte Ausdrucksweisen vorkommen oder welche Worte zum Beschreiben von Bildern verwendet werden. „Die angehenden Lehrkräfte bekommen somit Kriterien an die Hand, um Lernfortschritte einzuschätzen und Schülerinnen und Schüler individuell zu fördern“, so Barsch.

In ihrem Praxissemester können Lehramtsstudierende die Diagnoseinstrumente anwenden und weiterentwickeln. Die praktischen Erfahrungen werten Barsch und Petersen aus und bringen sie in das Projekt ein, um die Methode weiter zu optimieren.

Innovative Projekte regen zur Weiterentwicklung der Hochschullehre an

„Projekte wie diese haben an der Kieler Universität einen großen Stellenwert”, betont Professorin Ilka Parchmann, Vizepräsidentin für Lehramt, Wissenschaftskommunikation und Weiterbildung. „Sebastian Barsch und Inger Petersen stellen mit ihrem Tandem-Projekt eindrucksvoll unter Beweis, wie interdisziplinäres Arbeiten ganz neue Methoden und Lehrinnovationen hervorbringen kann. Gleichzeitig sind diese Ansätze sehr wertvoll für viele andere Fachbereiche, die vor vergleichbaren Herausforderungen und Chancen stehen.“

Andreas Schlüter, Generalsekretär des Stifterverbandes, sagte anlässlich der Projektförderung: „Mit den geförderten Projekten zeigen wir, wie vielfältig Lehre und innovatives Lernen im 21. Jahrhundert aussehen kann. Sie sind Beispiel und Innovation für die Hochschullehre zugleich. Wir hoffen, dass diese Ideen in viele weitere Disziplinen übertragen werden.“ Die Entscheidung über die geförderten Projekte traf eine Jury aus Lehrenden verschiedener Fachrichtungen sowie Hochschuldidaktikern und Studierenden. Ausschlaggebend für eine Förderung war laut Stifterverband vor allem, dass das Vorhaben einen deutlichen Mehrwert gegenüber dem Status quo darstellt und in das Curriculum eingebunden werden kann.

Erkenntnisse auf andere Fächer übertragbar

Nach dem Ende des Kieler Tandem-Projekts wird für die zukünftige Lehre an der Kieler Universität ein Pool von erprobten, online verfügbaren Diagnoseinstrumenten für den Geschichtsunterricht zur Verfügung stehen, blickt Petersen voraus: „Die Übertragbarkeit unseres Konzeptes zeigt sich auch darin, dass die Herausforderungen im Bereich der Diagnostik nicht nur für das Fach Geschichte, sondern für alle Lehramtsfächer gelten. Insbesondere geisteswissenschaftliche Fächer, bei denen sprachliches Handeln wesentliche Voraussetzung für Urteilsbildung ist, können von den im Projekt erprobten Erfahrungen profitieren.“ Die erzielten Ergebnisse sowie das methodische Vorgehen werden in das an der CAU etablierte „Forum für Fachdidaktik” eingebracht. Zusätzlich sind interne Fortbildungen für die Kolleginnen und Kollegen der Geschichtsdidaktik und für Fachdidaktiken geplant.

Claudia Eulitz
Sachgebietsleitung Presse, Digitale und Wissenschaftskommunikation