Alzheimer im gesunden Körper

Ein Forscher der Kieler Universität, Professor Paul Saftig, ist an einer für die Medizin bedeutenden Entdeckung beteiligt, die jetzt im renommierten amerikanischen Magazin Science veröffentlicht wurde: Ein Enzym, das einerseits wichtig für die gesunde Nervenfunktion des Körpers ist, löst andererseits aber auch die Alzheimersche Krankheit aus. Ein am Biochemischen Institut der Christian-Albrechts-Universität entwickeltes Mausmodell zeigt, dass Mäuse, denen dieses Enzym fehlt, ebenfalls Probleme haben, ihre Nervenzellen normal mit einer schützenden Myelinschicht zu versehen.

Die beta-Sekretase, kurz BACE, ist wohl maßgeblich an der Entstehung der Alzheimerschen Erkrankung beteiligt. Das Enzym schneidet aus einem Vorläuferprotein das beta-Amyloid heraus, welches zu Plaques verklumpt. In der Umgebung dieser Ablagerungen sterben dann Neuronen in großer Zahl ab. Mögliche Therapieansätze könnten darauf abzielen, die beta-Sekretase zu blockieren – wenn erst die Funktion des Enzyms im gesunden Körper bekannt ist. Ein Team um Professor Dr. Christian Haass und Dr. Michael Willem von der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München, dem auch Professor Dr. Carmen Birchmeier und Dr. Alistair Garratt, Max-Delbrück-Zentrum in Berlin, sowie Professor Dr. Paul Saftig, Universität Kiel, und Professor Dr. Bart DeStrooper, Universität Leuven, angehören, berichtet nun in Science, dass BACE für die Myelinisierung von Nervenzellen nötig ist. Dabei wickeln sich Gliazellen um die Neuronen und ermöglichen unter anderem die rasche Signalweiterleitung am Nerv.

Weltweit suchen Forscher nach den Ursachen der Alzheimerschen Erkrankung. Alleine in Deutschland leidet mehr als eine Million Patienten an der unheilbaren Demenz. Die jetzt veröffentlichten Arbeiten zeigen, dass BACE ein Signal auf Nervenfortsätzen freisetzt, das die elektrische Isolation von Nervenzellen durch Gliazellen einleitet. Wird, wie im Falle der Kieler Mäuse, das Gen der Enzymschere entfernt, ist diese so genannte Myelinisierung erheblich reduziert. Die lange als passive Helfer verkannten Gliazellen – ihr Name leitet sich von dem griechischen Wort für "Leim" her – sind nicht nur um ein Vielfaches häufiger als Neuronen im Gehirn. Sie erfüllen auch wichtige Funktionen. So stützen sie die Nervenzellen, versorgen sie und beeinflussen deren Bewegung sowie das Wachstum der Nervenzellen. Zudem senden sie selbst Signale aus und wirken bei der Informationsverarbeitung mit. Am bekanntesten sind sie aber als Baustein der Myelinhülle: Nervenzellen brauchen diese Isolierschicht, um Signale schnell und effizient weiterleiten zu können. Die Aufklärung der normalen Funktion von BACE ist nicht nur für das Verständnis der Myelinisierung wichtig, sondern es wurde deshalb auch erstmals möglich, gezielt nach schadhaften Wirkungen von Inhibitoren des Enzyms zu suchen – wie auch nach therapeutisch wirksamen Dosen potentieller Medikamente, die eine Myelinisierung noch zulassen.

Publikation:
"Control of Peripheral Nerve Myelination by the b-Secretase BACE1", Michael Willem, Alistair N Garratt, Bozidar Novak, Martin Citron, Steve Kaufmann, Andrea Rittger, Paul Saftig, Bart DeStrooper, Carmen Birchmeier and Christian Haass, Science, 21.09.2006

Kontakt:
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Biochemisches Institut
Professor Paul Saftig
0431/880-2216
Fax: 0431/880-2238
psaftig@biochem.uni-kiel.de