Bakterien und der Begriff des Menschseins

Rund 70 Gäste versammelten sich zum Neujahrsempfang 2017 des Forschungsschwerpunkts „Kiel Life Science“ an der CAU.
Foto: Christian Urban, Universität Kiel

Am gestrigen Donnerstag, 2. Februar, versammelten sich rund 70 Gäste aus Universität und Kieler Gesellschaft zum Neujahrsempfang des Forschungsschwerpunkts „Kiel Life Science“ (KLS) an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU). Der aus Deutschland stammende kanadische Anthropologe Professor Tobias Rees eröffnete die Festveranstaltung im Zoologischen Museum Kiel mit seinem Vortrag zur „Anthropologie der Gegenwart: Der Begriff des Menschen und das Mikrobiom“. Rees beschäftigte sich darin mit den Beziehungen zwischen der modernen lebenswissenschaftlichen Forschung und der Anthropologie.

Jüngste wissenschaftliche Erkenntnisse, die zum Beispiel auf einen Einfluss symbiotischer Mikroben auf das Verhalten des Menschen hindeuten, bieten hier hochinteressante Anknüpfungspunkte. Die enge Verschränkung menschlichen und bakteriellen Lebens erfordere, so Rees, eine Neudefinition des menschlichen Individuums. Eingebettet in eine Geschichte der Menschheit als Trennungsgeschichte von der Natur entwarf Rees ein faszinierendes Bild vom Zusammenspiel von Sozialwissenschaft, Kunst und Naturwissenschaft als neue Form der disziplinübergreifenden Forschung.

Der KLS-Neujahrsempfang bot zudem Gelegenheit, auf ein erfolgreiches Jahr 2016 zurückzublicken: Unter dem Dach des Forschungsschwerpunkts konnte sich die lebenswissenschaftliche Spitzenforschung in Kiel weiter konsolidieren. Exzellente Verbundforschungsprojekte wie der neue Sonderforschungsbereich (SFB) 1182 „Entstehen und Funktionieren von Metaorganismen“ oder das erneut bewilligte Graduiertenkolleg „Gene, Umwelt und Entzündung“ innerhalb des Exzellenzclusters Entzündungsforschung zeugen von einer sehr positiven Bilanz. Im bundesweiten Wettstreit der Wissenschaftsstandorte im Zuge einer neuen Exzellenzstrategie zeigen sich die Lebenswissenschaften an der Universität Kiel gut gerüstet.

Professor Thomas Bosch, Sprecher des Forschungsschwerpunkts KLS an der Landesuniversität, sagte: „Ziel unserer Forschung ist es, gesunde und kranke Prozesse verschiedenster Lebewesen in einem Gesamtzusammenhang zu verstehen und daraus in Zukunft neue Optionen für Prophylaxe und Therapie abzuleiten. Um damit Erfolg zu haben, müssen wir weit außerhalb der gewohnten Disziplingrenzen denken.“ Diesen Aspekt griff die Veranstaltung auf: Das ungewöhnlich erscheinende anthropologisch-philosophische Thema des Abends vermittelte den Anwesenden einen Eindruck von dieser Art einer besonders breit gefächerten und stark interdisziplinär ausgerichteten Forschungsarbeit, wie sie die Forschenden in Kiel gemeinsam mit ihren internationalen Partnerinnen und Partnern vertreten. Mit seiner „Anthropologie der Gegenwart“ lieferte Rees ein Beispiel, wie dieser neue Ansatz wissenschaftlicher Zusammenarbeit in Zukunft gelingen kann.

Zur Person:

Tobias Rees, geboren 1973 in Schwaben, ist Professor für Anthropologie an der McGill University in Montreal, Kanada. Er studierte unter anderem in Tübingen und Paris und erhielt 2006 seinen Doktortitel von der University of California, Berkeley. Rees ist unter anderem Mitglied des bedeutenden kanadischen Wissenschaftskollegs “Canadian Institute of Advanced Research” (CIFAR). Er erforscht die Berührungspunkte von Anthropologie, Kunstgeschichte, Wissenschaftsgeschichte und Philosophie und welche Rolle sie zum Beispiel in der Medizin oder den Biowissenschaften spielen. In seinem neuesten Buch „Plastic Reason – An Anthropology of Brain Science“ macht er den Versuch, das menschliche Gehirn aus der Perspektive der embryologischen Plastizität zu verstehen.

Kontakt:

Prof. Thomas Bosch

Zoologisches Institut, CAU Kiel

Tel.: 0431-880-4170

E-Mail: tbosch@zoologie.uni-kiel.de

Weitere Informationen:

Forschungsschwerpunkt „Kiel Life Science“, CAU Kiel

www.kls.uni-kiel.de

Zoologisches Museum Kiel, CAU Kiel

www.zoologisches-museum.uni-kiel.de

Prof. Tobias Rees, Social Studies of Medicine, McGill University

www.mcgill.ca/ssom/staff/rees