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Das Meer in den audiovisuellen Medien

Konferenz des Fachbereichs Medienwissenschaft an der Uni Kiel nimmt die gesellschaftliche und kulturelle Rolle des Meeresfilms in den Fokus

Am 24. und 25. Oktober 2019 trafen sich rund 80 Studierende, Forschende verschiedener geistes- und naturwissenschaftlicher Fachrichtungen, Filmschaffende und Interessierte von Umweltorganisationen und Öffentlichkeit zur Konferenz „Screening the Sea: Die audiovisuellen Medien und das Meer“. Im Kieler Innovations- und Technologiezentrum (KITZ) tauschten sie sich über die unterschiedlichen Dimensionen der Darstellung und Funktionalisierung des Meeres in audiovisuellen Medien und deren gesellschaftliches Wirkungspotenzial aus. Die Konferenz, die zum ersten Mal in das Programm des internationalen Meeresfilmfestivals CINEMARE Kiel eingebettet war, setzte sich besonders mit der medienkulturellen Bedeutung von meeresbezogenen Filmen und anderen audiovisuellen Formen wie Virtual Reality, Videospielen oder YouTube-Videos und ihrem Einfluss auf gesellschaftliche Sichtweisen früher und heute auseinander.

Dabei ging es in insgesamt sechs Themenblöcken sowohl um historische, theoretische und ästhetische Herangehensweisen als auch um die übergeordnete und zurzeit mehr als aktuelle Fragestellung, ob filmische Erzählungen dazu beitragen können, gesellschaftliche Handlungen beispielsweise im Hinblick auf eine nachhaltige Nutzung von Meeresressourcen zu beeinflussen. „Audiovisuelle Medien hatten immer schon eine Wirkung auf Menschen. In unserer digitalen Medienkultur heute sind sie essenziell, um Menschen zu erreichen. Ihre ‚Meinungsmacht‘ ist nicht zu unterschätzen, denn sie können Sicht- und Verhaltensweisen bezüglich eines gesellschaftlich relevanten Themas entscheidend prägen“, sagt Professor Markus Kuhn, Medienwissenschaftler am Institut für Neuere Deutsche Literatur und Medien an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU). Kuhn ist neben Sandra Ludwig, Martin Ramm und Sina Göing federführender Organisator der Konferenz „Screening the Sea“, die als Auftakt einer Konferenzreihe konzipiert war.

Das Meer ist seit jeher ein beliebtes Motiv in allen Genres, Gattungen und Medien der Erzählkunst – es zählt aber besonders zu den ältesten in Spiel- und Dokumentarfilmen. So haben die ersten aufwändigen Unterwasseraufnahmen des Filmemachers Jacques-Yves Cousteau technisch wie ästhetisch Filmgeschichte geschrieben und das Mysterium Tiefsee erstmals einem breiten Publikum zugänglich gemacht. Aber auch Publikumsmagneten wie beispielsweise James Camerons Film „Titanic“, der mehr als zehn Jahre die Liste der erfolgreichsten Filme anführte, hatten Einfluss auf die Sichtweise von Menschen auf das Meer. Den Organisatorinnen und Organisatoren der Konferenz war es daher ein zentrales Anliegen, das breite Spektrum verschiedener kulturhistorischer, medientechnischer und ästhetischer Darstellungsweisen des Meeres sowohl in dokumentarischen als auch in fiktionalen Filmen möglichst umfassend in den Blick zu nehmen und deren gemeinsame Entwicklungslinien näher zu beleuchten. „Gerade die impliziten Botschaften und Wertvorstellungen in populären Spielfilmen oder unterhaltsamen TV-Serien können sehr publikumswirksam sein, werden in der Forschung aber häufig vernachlässigt“, führt Markus Kuhn aus.

Ergänzt wurde die thematische Vielfalt der Konferenz durch Beiträge zu transmedialen Darstellungsformen und dem Einfluss der Digitalisierung. In diesem Zusammenhang stand auch die Installation mit dem Virtual-Reality-Animationsfilm „Inner Space: Eine Reise in die Tiefsee“ des Berliner Illustrators und Medienkünstlers Leonard Ermel, der die Besucherinnen und Besucher virtuell mit auf einen Tauchgang in die Tiefsee nahm. Eine besondere Rolle bei audiovisuellen Medien spielten darüber hinaus auch die Fragen nach der Instrumentalisierbarkeit filmischer Narrative für Naturschutz, Nachhaltigkeit und Naturwissenschaft, die in einem eigenen Themenblock diskutiert wurden.

Den Abschluss der Konferenz bildete eine Auseinandersetzung mit internationalen sozialpolitischen Problematiken, die auf dem Meer sichtbar werden. Dazu zählen beispielsweise der Zusammenhang zwischen Überfischung und Ausbeutung der „Fischer“ in schwimmenden Fischfabriken oder die Flüchtlingskrise und der Fluchtweg Mittelmeer. Die im Rahmen des Festivals CINEMARE laufenden Filme „Ghost Fleet“ und „Sea of Shadows“ waren je am Donnerstag- und Freitagabend Teil des Konferenzprogramms. Im Anschluss an das Filmscreening von „Ghost Fleet“ in dem nahezu ausverkauften Kinosaal der Kieler Pumpe fand eine intensive Publikumsdiskussion zur prekären Situation ausgebeuteter und entführter Fischer im südostasiatischen Raum mit den Seerechtsexpertinnen und -experten Professorin Nele Matz-Lück und Erik van Doorn vom Walther-Schücking-Institut für Internationales Recht an der CAU statt, die von Markus Kuhn und Sandra Ludwig durch eine medienwissenschaftliche Perspektive ergänzt wurde. „Unsere Konferenz konnte bereits beim ersten Mal interdisziplinäre Brücken schlagen: ausgehend von den Film- und Medienwissenschaften über verschiedene Fächer der Geistes- und Sozialwissenschaften bis hin zu den Naturwissenschaften und zeitgenössischen Filmkünstlerinnen und Filmkünstlern. Dank der hohen Qualität, Anschaulichkeit und Vielfalt der Vorträge und der vielen ausgewiesenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich beteiligt haben, konnten wir eine große Bandbreite an Themen diskutieren“, zieht Markus Kuhn ein Fazit für das gesamte Organisationsteam.

Zukünftige Fortsetzungen der Konferenz „Screening the Sea“ sollen einen weiteren Beitrag zum interdisziplinären Forschungsfeld der „Ocean Narratives“ leisten, bisher ausgesparte Perspektiven ergänzen sowie die wichtigen wissenschaftlichen Diskurse zum Meer fortsetzen und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen.

Text: Friederike Balzereit

Kontakt:

Prof. Dr. Markus Kuhn
Institut für Neuere Deutsche Literatur und Medien
Fachbereich Medienwissenschaft
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU)
0431/880-3360
mkuhn@ndl-medien.uni-kiel.de