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Die Welt vor 4000 Jahren global umgestaltet

Internationale Studie: Globalisierung ist viel älter als bislang angenommen

Eine aktuelle Studie von 255 internationalen Archäologinnen und Archäologen, darunter Forschungen des Kieler Exzellenzclusters „ROOTS – Konnektivität von Gesellschaft, Umwelt und Kultur in vergangenen Welten“ und des Sonderforschungsbereiches 1266 „TransformationsDimensionen – Mensch-Umwelt-Wechselwirkungen in Prähistorischen und Archaischen Gesellschaften“, verändert das Bild von der menschlichen Umgestaltung der Welt grundsätzlich. Nicht erst in der Neuzeit, sondern bereits vor 4000 Jahren waren demnach praktisch alle Gebiete der Erde durch menschliche Landnutzung extrem verändert worden. Überjagung durch Wildbeuter, nomadisierende Viehhaltung, frühe Landwirtschaft und erste städtische Entwicklungen hatten zu diesem Zeitpunkt bereits fast alle Areale der Welt erfasst. In einer bisher einmaligen Studie, die jetzt im Wissenschaftsmagazin SCIENCE veröffentlicht wurde, zeigt weltweit gebündeltes Expertenwissen, wie diese frühe Landnutzung und Siedlungsformen ab der Zeit von 10.000 v.Chr. die Erde umgestalten und ab spätestens etwa 1000 v.Chr. globalisiert die Umwelt beeinflussen. Bereits zu diesem Zeitpunkt beginnt die Ausrottung von Arten und die Zerstörung von Böden. Die Wurzeln des Global Change sind somit entgegen bisheriger Annahmen viel älter als bislang angenommen. Dies werde die Modellierung gegenwärtiger und zukünftiger Veränderungen stark beeinflussen. „Die Ergebnisse unserer Arbeit zwingen uns dazu, den Einfluss des Menschen auf die Umwelt und die Art, wie wir bisher ‘natürliche Lebensräume’ definiert haben, völlig neu zu denken. Gleichzeit erhalten wir wichtige Anregungen für zukünftige Forschungsfragen und für die Verarbeitung globaler Datensätze”, beschreibt Studienleiter Lucas Stephens von der amerikanischen University of Maryland Baltimore County, University of Pennsylvania, die Bedeutung der Forschungsergebnisse.

In der Studie wurden unter Stephens Federführung in der ArchaeoGLOB-Datenbank global digitale Informationen zu Siedlungsweisen, zur Landnutzung und zu frühen Umweltveränderungen zusammengetragen. Eine Schlüsselrolle spielten dabei archäologische und paläoökologische Quellen. Erstaunlicherweise liegen sehr gute Daten zu Landnutzungsformen für die vorchristlichen Jahrhunderte vor, während sich mit der historischen Zeit Forschungsschwerpunkte auf andere Gesichtspunkte verlagern. Auf deutscher Seite waren an der Studie das Max-Planck-Institut Jena, die Universität Tübingen sowie die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) beteiligt.

Von der CAU hat Professor Johannes Müller zu der Studie mit Informationen zur Entwicklung in Nord- und Mitteleuropa, Südosteuropa und dem nördlichen Schwarzmeergebiet beigetragen: „Es sind vor allem unsere Grabungen und Untersuchengen im Sonderforschungsbereich „TransformationsDimensionen – Mensch-Umwelt-Wechselwirkungen in Prähistorischen und Archaischen Gesellschaften“, die Aussagen zur Intensität von Siedlungsweise und Landnutzung ermöglichten und in diese Studie miteingeflossen sind“. Sowohl unsere in Mitteleuropa als auch in Südost- und Osteuropa durchgeführten Feldarbeiten ermöglichten Aussagen zum Zustand des Siedlungswesens in der Zeit von 6000 bis 500 v.Chr, so Müller weiter. „Gerade die Untersuchungen der Universität Kiel in der Ukraine und Moldawien zeigten, dass ab ca. 4000 v.Chr. in drei Gebieten der Welt (Waldsteppenzone nördlich des Schwarzen Meeres, Mesopotamien und Indusgebiet) Urbanisierungsprozesse festzustellen sind, aber auch viehhalterische Gesellschaften eine wichtige Rolle spielten. So erlauben die derzeit laufenden Grabungen eines bronzezeitlichen Aschehügels (1300 v.Chr.) und einer Großsiedlung (3800 v.Chr.) in Stolniceni den zeitlich breiten Blick, den die Sammlung globaler Daten erfordert“.

Der jetzt erfolgte Nachweis eines sehr viel älteren Einflusses des Menschen auf die Umwelt werde künftig bessere Prognosen und präzisere Szenarien globaler Klimaveränderungen und ihrer negativen Effekte auf Böden oder die Vegetation ermöglichen als bisher, hoffen die beteiligten Forscherinnen und Forscher. Mehr noch: „Es ist Zeit, das derzeit gültige Paradigma eines Anthropozän, also das Zeitalter, in dem der Mensch irreversibel die Umwelt prägt, hinter sich zu lassen und anzuerkennen, dass wir unseren Planeten schon sehr viel länger gravierend verändert haben und dass dabei soziale, landwirtschaftliche und urbane Strukturen entstanden sind, die den heute sichtbaren Globalen Wandel bereits in sich trugen und ihn mit vorbereitet haben“, ist sich Erle Ellis von der University of Maryland Baltimore County sicher, der die Studie wesentlich mit beeinflusst hat. Die Suche nach diesen Wurzeln und ihre schwierige Rekonstruktion sind auch im Kieler Exzellenzcluster ROOTS angelegt. Sie ist nötig, um heutige Prozesse besser modellieren zu können. Zusätzlich wird deutlich: Das stark diskutierte Anthropozän ist ein Prozess, der beherrschbar ist.

Weitere Informationen:

Originalpublikation:

Stephens, L. et al. Archaeological assessment reveals Earth's early transformation through land use Manuscript Number: science.aax1192a

Kontakt:

Prof. Dr. Johannes Mueller
Institut für Ur- und Frühgeschichte
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
johannes.mueller@ufg.uni-kiel.de  

Dr. Boris Pawlowski
Pressesprecher