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Entzündungsmedizin – das Kieler Modell

Das Exzellenzzentrum Entzündungsmedizin ist auch zehn Jahre nach der Eröffnung deutschlandweit einzigartig. Die Spezialambulanz für chronische Entzündungskrankheiten führt vor, wie interdisziplinäre Kooperation funktioniert – in Klinik und Forschung.

Auf den ersten Blick sieht das Gebäude in der Rosalind-Franklin-Straße 12 aus wie viele andere Kliniken auch, vielleicht ein bisschen moderner. Es wurde ja vor der Eröffnung im Jahr 2009 komplett renoviert. Tatsächlich läuft in diesem Zentrum für Menschen mit chronischen Entzündungserkrankungen aber vieles anders als in anderen Kliniken. „Wir verstehen diese Erkrankungen als ein Ganzkörperphänomen, das weit über das hinausgeht, was an Haut, Darm oder Gelenken als Entzündung sichtbar wird“, erklärt Professor Stefan Schreiber. „Das Fachwort hierfür ist Systemmedizin.“ Der Direktor der Klinik für Innere Medizin I am UKSH, Campus Kiel, und Sprecher des Exzellenzclusters Precision Medicine in Chronic Inflammation (PMI) hatte den Aufbau des Zentrums initiiert und vorangetrieben. „Unser Ziel ist es, Barrieren zu überwinden und Entzündungen nicht organfixiert, sondern ganzheitlich zu betrachten und zu behandeln.“ Denn Krankheiten wie Schuppenflechte (Psoriasis) oder die chronische Darmentzündung Morbus Crohn sind nicht so unterschiedlich, wie es auf den ersten Blick scheint. Die zu Grunde liegenden Mechanismen sind bei allen ähnlich. Nicht selten haben Erkrankte an mehreren Stellen im Körper Entzündungen. Der ganzheitliche Ansatz spiegelt sich in der fachübergreifenden Versorgung der Patientinnen und Patienten in der Entzündungsklinik wieder. (unizeit-Bericht, April 2009)

„Bei uns sitzen alle Fachrichtungen, die Personen mit Entzündungserkrankungen behandeln, auf einem Flur, Tür an Tür. Und das ist nach meiner Kenntnis deutschlandweit einzigartig“, betont Professorin Bimba Hoyer, die das Zentrum leitet. Alle Sprechstunden haben eine gemeinsame Anmeldung, so dass die Termine koordiniert und Fahrtwege vermieden werden. Und auch für die Ärztinnen und Ärzte ist die Nähe günstig. „Wir reden häufiger miteinander und tauschen uns aus, einfach dadurch, dass man sich über den Weg läuft oder in der Teeküche trifft“, erklärt die Rheumatologin Hoyer.

Neben diesen zufälligen Begegnungen gibt jede Woche es feste Termine – die entzündungsmedizinische Fallkonferenz –, zu der alle Fächer zusammenkommen, um disziplinübergreifend komplizierte Fälle zu besprechen. Etwa den einer Patientin mit einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung, die zusätzlich Entzündungen an der Wirbelsäule hat, schwanger werden möchte und eine gezielte Therapie benötigt. „An diesen Konferenzen nehmen Vertreterinnen und Vertreter der Gastroenterologie, Dermatologie und Rheumatologie teil. Oft ist auch die Augenheilkunde oder die Neuro-Immunologie vertreten. Und wenn ich über einen Patienten sprechen möchte, der ein HNO-Problem oder ein Nierenproblem hat, bitte ich die entsprechenden Fachleute dazu“, sagt Hoyer. Bis zu 15 erfahrene Professorinnen und Professoren sowie Fachärztinnen und Fachärzte besprechen Krankheitsverlauf, Röntgenbilder und Untersuchungsergebnisse und erarbeiten einen individuellen Therapievorschlag. Bei Krebserkrankungen ist ein solches Vorgehen als sogenanntes Tumorboard bereits seit Längerem etabliert. Für die Entzündungsmedizin ist die Kieler Klinik mit der konsequenten Umsetzung einzigartig. „Wir bemühen uns momentan, ähnlich wie in der Krebsmedizin, so ein Musterzentrum zu zertifizieren“, berichtet Professor Stefan Schreiber.

Die ganzheitliche und interdisziplinäre Behandlung im Exzellenzzentrum Entzündungsmedizin ist aber nur die eine Seite. Einzigartig in der Kliniklandschaft ist auch die enge Verzahnung von Klinik und Forschung. Denn es gibt noch viele offene Fragen, und vor allem gibt es keine Heilung für Betroffene. „Die Medizin kann bei diesen chronischen Krankheiten momentan nur einen sehr limitierten Beitrag leisten. Nur bei vielleicht 20 bis 30 Prozent aller Patientinnen und Patienten kontrollieren die modernen Therapien die Krankheitsaktivität vollständig. Wir müssen daher intensiv forschen, um besser zu werden“, betont Schreiber.

Diese Forschung erfolgt ebenfalls krankheitsübergreifend und komplett synchronisiert. Das heißt beispielsweise, Blutproben werden bei den verschiedenen Krankheiten nach demselben Muster entnommen, die Charakterisierung für Lebensqualität erfolgt mit denselben Fragebögen. Alle verwenden die gleiche Dateivorlage, um strukturiert biografische Daten, Lebensstilfaktoren, Krankengeschichte, Symptome und Medikation zu erfassen. „Wir haben eine gemeinsame Biobank, in der Proben gesammelt vorliegen und mit den Krankheitsdaten verknüpft werden können. Dadurch können wir innerhalb der verschiedenen Krankheiten nach gemeinsamen Merkmalen suchen“, ergänzt Hoyer.

Ein wichtiges Forschungsziel ist zum Beispiel, schon nach wenigen Tagen zu erkennen, bei wem eine bestimmte Therapie wirkt und bei wem nicht. Dazu startet in Kürze eine große, europaweite Studie, an der auch Professor Schreiber leitend beteiligt ist und die mit fast 80 Millionen Euro von der Europäischen Kommission finanziert wird. „Wir untersuchen, was ganz früh bei einer Therapie passiert und welche molekularen Vorgänge angeschaltet werden. Daran schließt sich die Frage an, wie sich möglichst früh erkennen lässt, was langfristig gut für Patientinnen und Patienten ist.“

Autorin: Kerstin Nees

Zentrum für innovative und interdisziplinäre Medizin

Das Exzellenzzentrum Entzündungsmedizin (Comprehensive Center for Inflammation Medicine, CCIM) ist eine innovative Therapie- und Forschungseinrichtung mit Standorten an beiden UKSH-Campi. Idee, Konzept und Realisierung gehen auf den Exzellenzcluster Entzündungsforschung (Inflammation at Interfaces) zurück, der seit 2019 als Exzellenzcluster Precision Medicine in Chronic Inflammation (PMI) weitergeführt wird. Das Kieler Zentrum beherbergt sowohl die Ambulanzen der inneren Medizin und Dermatologie, die mit entzündlichen Systemerkrankungen zu tun haben, als auch die Arbeitsräume der kooperierende Cluster-Forscherinnen und -Forscher.

Täglich gibt es mehr als zehn parallel laufende Sprechstunden der unterschiedlichen Fachrichtungen sowie zusätzlich fachübergreifende gemeinsame Sprechstunden, etwa von Dermatologie und Rheumatologie oder Gastroenterologie und Chirurgie. Ein gemeinsames Pflegeteam organisiert die Terminvergabe der Sprechstunden und managt Untersuchungen und Therapien. Bei den wöchentlichen entzündungsmedizinischen Fallkonferenzen werden komplexe Krankheitsfälle fachübergreifend vorgestellt und besprochen. Jährlich besuchen über 30.000 Patientinnen und Patienten das Kieler Entzündungszentrum. Viele von ihnen nehmen auch an klinischen Studien teil. Derzeit laufen dort mehr als 20 fachübergreifende klinische Studien, die auf eine Optimierung von Früherkennung und Therapie abzielen.

Am Kieler Uniklinikum eröffnete im Mai 2009 eine bundesweit einzigartige Entzündungsklinik. Zum unizeit-Bericht.

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