Forschung

Erforschung der Geschichte von Menschen mit Behinderung in der DDR

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© gemeinfreiFlagge der Deutschen Demokratischen Republik

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Geschichte der DDR und dem SED-Unrecht. Dafür wurden jetzt bundesweit 14 Forschungsverbünde ausgewählt. Sie werden in den nächsten vier Jahren mit bis zu 40 Millionen Euro unterstützt. Zur Förderung ausgewählt wurde auch das Kiel-Münchner Verbundprojekt „Menschen mit Behinderungen in der DDR“. Das Antragsvolumen beläuft sich auf insgesamt rund 675.000 Euro. Etwa 345.000 Euro davon erhält ein Forschungsteam der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU).

Die Existenz von Menschen mit Behinderungen, die den systemischen Anforderungen der DDR weniger entsprachen, stellte das dortige politische System vor besondere Herausforderungen. Sie standen der Idee eines aktiven planmäßigen „Aufbaus des Sozialismus“ im Arbeiter- und Bauernstaat im Wege, wie er auf der zweiten Parteikonferenz der SED im Juli 1952 beschlossen worden war. Diese Diskrepanz zwischen integrativem Anspruch und zumindest teilweise diskriminierender Realität in der DDR beleuchten in dem neuen Verbundprojekt „Menschen mit Behinderungen in der DDR“ Professorin Gabriele Lingelbach („Familien mit behinderten Kindern“, Universität Kiel), Dr. habil. Elsbeth Bösl, („Mobilitätstechnik und gebaute Umwelt“, Universität der Bundeswehr München) und Professor Sebastian Barsch („Mediale Inszenierung von Behinderung“, Universität Kiel). Darüber hinaus entwickeln und erstellen die Forschenden gemeinsam mit der Kieler Stiftung Drachensee und dem Institut für Inklusive Bildung Kiel eine digitale Ausstellung und sogenannte Open Educational Resources (OER). OER sind Bildungsmaterialien, die unter einer offenen Lizenz veröffentlicht werden. Sie ermöglichen den kostenlosen Zugang sowie die kostenlose Nutzung, Bearbeitung und Weiterverbreitung durch Andere ohne oder mit nur geringfügigen Einschränkungen.

„Während die Geschichte von Menschen mit Behinderungen in der Bundesrepublik relativ häufig geschichtswissenschaftlich untersucht wurde, ist die Entwicklung in der DDR bisher nur selten Gegenstand entsprechender Forschungen gewesen“, freut sich Professorin Gabriele Lingelbach über die Förderung. So sei der Alltag von Menschen mit Behinderungen in der DDR, etwa bei der familiären Lebensgestaltung oder den Möglichkeiten, technische Hilfen bei Alltagsaktivitäten in Anspruch zu nehmen, bislang kaum erforscht. Diese Forschungslücke könne jetzt langsam geschlossen werden, ergänzt ihre Münchner Kollegin Dr. habil. Elsbeth Bösl.

„In einem weiteren Teilprojekt wollen wir die mediale Inszenierung von ‚Behinderung‘ in der Gesellschaft rekonstruieren“, skizziert Historiker Professor Sebastian Barsch. Auch hier gebe es bislang wenige Erkenntnisse. „So ist weitgehend unbekannt, wie Behinderung in der Presse, in belletristischen und audiovisuellen ostdeutschen Medien dargestellt wurde und wie diese Repräsentationen auf die Lebenslagen von Betroffenen zurückwirkten“, sagt Barsch.

„Wichtig war uns bei diesem Projekt, dass Menschen mit Behinderungen in der DDR und ihre Angehörigen nicht mehr nur als Objekte sozialpolitischen Handelns, sondern als Subjekte ihrer Geschichte wahrgenommen werden“, unterstreicht Dr. Jan-Wulf Schnabel von der Kieler Stiftung Drachensee und dem Institut für Inklusive Bildung Kiel. Deshalb werden Menschen mit Behinderung gezielt in die Forschungen und ihre Vermittlung integriert. So sollen neu erfasste Quellen und Forschungsergebnisse in eine bestehende Quellenplattform zur Geschichte von Menschen mit Behinderungen eingefügt und für verschiedene Zielgruppen aufbereitet werden. Geplant ist ferner, die Forschungsergebnisse durch Tagungen und Veröffentlichungen sowohl der Wissenschaft als auch der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

 

Kontakt:
Prof. Dr. Sebastian Barsch
Didaktik der Geschichte
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Tel.: 0431 / 880-1259
E-Mail: sbarsch@histosem.uni-kiel.de