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Gelebte Internationalität in den Materialwissenschaften

Internationaler Masterstudiengang Materialwissenschaft feiert 20-jähriges Bestehen

„Wir wollten uns die Welt nach Hause holen“, erinnert sich der Studiengangkoordinator Dr. Oliver Riemenschneider. Ein internationales Flair sollte an der Technischen Fakultät (TF) der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) wehen – das war der zündende Gedanke für die Schaffung des internationalen und englischsprachigen Masterstudiengangs „Materials Science“ im Jahr 1999. Es waren aber auch taktische Überlegungen dabei. Denn die Anmeldezahlen für den Diplom-Studiengang Materialwissenschaft gingen zurück, die Wirtschaft fragte kaum noch junge Absolventinnen und Absolventen aus dem Fachbereich nach. Kurzum: dem Studiengang Materialwissenschaft drohte die Auflösung. „Es musste etwas passieren“, beschreibt der damalige Dekan Professor Helmut Föll die damalige Situation. Also taten sich vier Männer zusammen, die in ihrer Laufbahn bereits internationale Erfahrung mit Masterstudiengängen gesammelt hatten: die Professoren Föll (seit 2014 emeritiert), Franz Faupel (seit 1994 Leiter des Lehrstuhls für Materialverbunde), Werner Weppner (emeritierter Professor für Sensorik und Festkörperionik) und Wolfgang Jäger (emeritierter Professor für Materialanalytik). „Das war ein Paukenschlag“, erinnert sich der ehemalige Siemensingenieur Föll.

Ein Master als Pionier

Im Herbst 1999 konnten noch keine deutschen Studierenden den Masterstudiengang belegen, weil erst neun Jahre später, im Jahr 2007, Bachelor-und Masterstudiengänge an der Kieler Universität flächendeckend eingeführt wurden. Die deutschen Studentinnen und Studenten studierten alle noch mit dem Ziel „Diplom“. Die vorzeitige Einführung eines Masterstudiums hatte dennoch entscheidende Vorteile: Die deutschen Diplom-Studierenden nahmen an den theoretischen und praktischen Kursen des internationalen Masterstudiengangs teil. So konnten sie „das internationale Flair des neuen Studiengangs mitnehmen und sich gleichzeitig der Herausforderung stellen, mit ausländischen Kommilitoninnen und Kommilitonen zusammen zu arbeiten“, so Riemenschneider, der das Servicezentrums am Institut für Materialwissenschaft leitet. Einer der Absolventen der ersten Stunde, Dr. Mark-Daniel Gerngross, erinnert sich: „Das Zusammenarbeiten mit Menschen aus unterschiedlichsten Kulturkreisen hat meinen Horizont drastisch erweitert und als Sahnehäubchen oben drauf habe ich dort meine Frau kennengelernt.“ Der Ingenieur arbeitet inzwischen als SE- (Simultaneous Engineering-) Teamleiter bei Bosch und bezeichnet die Wahl des Studiengangs im Nachhinein als „Glücksgriff“.

Materialwissenschaft über die Zeit

Damals, im Jahr 1999, waren die Anforderungen an Materialwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler andere als heute: Die ersten Handys waren auf dem Markt, das Internet, das World-Wide-Web, war noch jung und die Techniken für die regenerative Energiegewinnung waren noch nicht so gefragt wie heute. Schon damals ging es darum, Funktionsmaterialien für die Mikroelektronik und Sensorik zu entwickeln. Allerdings änderten sich die Anforderungen an den Studiengang im Laufe der Jahre mit der Entwicklung neuer Technologien. Beispielsweise ermöglichten hochauflösende Mikroskope Materialanalysen bis auf Atomebene. Heute geht es in dem Studiengang auch um die Entwicklung von MEMS (mikro-elektromechanische Systeme), Biomaterialien für biologische Anwendungen (bspw. verträgliche Implantate für die Medizin) und regenerativen Energiequellen – unter Berücksichtigung der Wirtschaftlichkeit und Umweltverträglichkeit.

Zahlen und Fakten über den Studiengang

Der Studiengang ist klein. Jedes Jahr werden 40 Bachelorstudentinnen und -studenten für den auch heute noch internationalen Masterstudiengang zugelassen. Besonders viele der ausländischen angehenden Materialwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler kommen aus Südostasien und Westafrika, vor allem von der University of Pune in Indien und der Universität des Punjab in Pakistan. Riemenschneider erklärt die Beliebtheit bei ausländischen Studierenden so: „Das ist historisch gewachsen. Die ersten ausländischen Studenten und Studentinnen haben sich zusammengetan, um sich gegenseitig zu unterstützen. Das hatte eine positive Ausstrahlung auf die Kommilitonen daheim und war so eine Werbung für unseren Studiengang. Außerdem passt das Studienprofil dieser zwei Universitäten gut zu unserem Profil. Bewerbungen aus diesen Einrichtungen haben deswegen gute Chancen, in Kiel angenommen zu werden. Das ist also ein selbstverstärkender Prozess.“ Für die ausländischen jungen Menschen wurde sogar ein eigenes Studienzentrum geschaffen, das ihnen während der Studienzeit mit Rat und Tat zur Seite steht.

Der Frauenanteil an den Studierenden ist ebenfalls hoch. Laut Riemenschneider tourte der im Jahr 2003 emeritierte Professor Wolfgang Jäger durch die Schulen und Einrichtungen und warb für Frauen in technischen Berufen. Mit Erfolg. Die weiblichen Materialwissenschaftlerinnen machen teilweise die Hälfte der Kursteilnehmenden aus. Auch streben überproportional viele Frauen nach dem Masterabschluss eine Promotion an.

Etwa 500 Absolventinnen und Absolventen hat der Studiengang inzwischen hervorgebracht. Viele von Ihnen sind später beruflich sehr erfolgreich: „Die machen schon Karriere. Nahezu alle der Alumni finden nach dem Abschluss des Studiums sofort einen Job“, weiß Faupel. Die große Beliebtheit des Studiengangs sowohl bei den Studierenden als auch bei den Unternehmen sehen Faupel und Föll auch darin begründet, dass er neben der gelebten Internationalität auch einen hohen Anteil an praxisnaher und praktischer Ausbildung enthält. Zoreh Keshavarz, PhD, erinnert sich: „This master course not only gave me the career opportunity, but also lifetime friends and mentor.” [Dieser Masterkurs brachte mir nicht nur Karrierechancen, sondern auch lebenslange Freunde und meinen Mentor]. Nach ihrer Zeit in Kiel lebte und arbeitete sie in Kanada und den USA, bevor sie zurück nach Europa kam. Inzwischen arbeitet sie als Wissenschaftlerin und technische Beraterin für ein dänisches Unternehmen in Schweden. Einige der Alumni sind inzwischen Professorinnen und Professoren an berühmten Universitäten wie der türkischen Middle East Technical University in Ankara, der Bahir Dar University in Äthiopien, der Huazhong University of Science and Technology im chinesischen Wuhan oder an der Durham University in England.

Damals wie heute besteht eine enge Kooperation mit dem Fraunhofer-Institut für Siliziumtechnologie (ISIT) in Itzehoe – eines der europaweit modernsten Forschungseinrichtungen für Mikroelektronik und Mikrosystemtechnik. Außerdem besteht seit den Anfängen des Masterstudiengangs Materialwissenschaft eine enge Verbindung zu dem Helmholtz-Zentrum für Material- und Küstenforschung (HZG) in Geesthacht mit seinen Forschungsschwerpunkten in der Werkstoff- und Küstenforschung.

Studienangebot entwickelt sich weiter

Neu seit dem 20-jährigen Jubiläum ist die Verbindung mit einer wirtschaftlichen Ausbildung: Im „Master Materials Science and Business Administration“ lernen Studierende nicht nur, was technisch machbar ist, sondern sie lernen auch, die Wirtschaftlichkeit ihrer technischen Entwicklungen zu berücksichtigen. Der neue Studiengang ist quasi ein internationaler Wirtschaftsingenieurstudiengang am Institut für Materialwissenschaften in Kooperation mit den Instituten für Betriebswirtschaftslehre und Volkswirtschaftslehre der CAU. Die ersten Studierenden werden im April ihr Studium aufnehmen.

Weitere Informationen:

Die internationalen Masterstudiengänge “Materials Science and Engineering” und “Materials Science and Business Administration” werden unter dem Titel "KielMAT International" weltweit angeboten:

www.kielmat.com

Initiatoren der Gründung des Masterstudiengangs
© Karena Hoffmann-Wülfing, Uni Kiel

Der inzwischen emeritierte Dekan der Technischen Fakultät, Professor Helmut Föll (rechts) und der Leiter des „Lehrstuhls für Materialverbunde“, Professor Franz Faupel waren Initiatoren der Gründung des internationalen Masterstudiengangs „Materials Science“ im Wintersemester 1999/2000.

Apparatur zur Untersuchung chemischer Eigenschaften
© Karena Hoffmann-Wülfing, Uni Kiel

Mit Hilfe der Photoelektronen-Spektroskopie-Anlage können die Materialwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler die chemischen Eigenschaften von Oberflächen untersuchen.

Betriebsausflug der Technischen Fakultät im Sommer 2000
© Eric Lichtenscheidt, Bonn

Sommer 2000: Erste Studierende des internationalen Masterstudiengangs „Materials Science“ waren beim Betriebsausflug der Technischen Fakultät der Uni Kiel in den Hansa-Park in Sierksdorf mit dabei (von links nach rechts: Nina Dempkina (Weißrussland), Rasa Staskunaite (Litauen), Jurgita Zekonyte (Litauen), Maxim Shakhray (St. Petersburg, Russland)).

Kontakt:

Prof. Dr. Franz Faupel
Lehrstuhl für Materialverbunde
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Institut für Materialwissenschaft

+49-431 880-6225
ff@tf.uni-kiel.de

Dr. Karena Hoffmann-Wülfing

Stabsstelle Presse, Kommunikation und Marketing
Sachgebiet Presse, Digitale und Wissenschaftskommunikation