Hochschulbeirat der Kieler Universität nimmt Stellung zu Gutachten der "Erichsen-Kommission"

Der Hochschulbeirat der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel hat die Empfehlungen der "Erichsen-Kommission" beraten und nimmt zum vorgelegten Bericht wie folgt Stellung:

1. Zum Auftrag der Kommission

Dem Auftrag der Kommission, die Grundlinien einer neuen, den finanziellen Möglichkeiten des Landes Schleswig-Holstein angemessene Hochschulstruktur zu bestimmen, muss nun der politische Wille folgen, diese Hochschulstruktur auch finanziell so auszustatten, dass die heute bereits gefährdete Konkurrenzfähigkeit der Universitäten und Fachhochschulen in Schleswig-Holstein wieder hergestellt wird.

2. Zur Beschreibung der Ausgangslage

Der Hochschulbeirat begrüßt die erstmals in dieser Form erfolgte Erhebung fundierter Strukturdaten, ihre nachvollziehbare Präsentation und die mit klaren Worten vorgenommene Bewertung der Hochschulpolitik des Landes. Dies sind wichtige Voraussetzungen für sachgerechte Empfehlungen für die künftige Hochschulstruktur in Schleswig-Holstein. Wenn im Gutachten festgestellt wird: "Für die Kommission ist eine aktive, auf die Hochschulen gerichtete Forschungs- und Forschungsförderungspolitik nicht erkennbar geworden. ... Die Hochschulpolitik wird primär durch die Ausbildungsfunktion der Hochschulen und dazugehörige Kategorien wie Studienplätze, Studierende und Auslastung bestimmt. … Die Personalausstattung der einzelnen Fächer und Studiengänge ist vielfach geringer als an vergleichbaren Hochschulen anderer Ländern, nicht selten wird die notwendige Grundausstattung eben erreicht, manchmal unterschritten", wird deutlich, dass besondere Defizite in der Hochschulpolitik in der Vernachlässigung der Forschung bestehen und damit insbesondere den Bereich der Universitäten betreffen.

3. Zu den Empfehlungen

3.1 Allgemeine Empfehlungen

Der Hochschulbeirat der CAU begrüßt und unterstützt den Abschluss eines "Hochschulvertrags" mit einer Laufzeit von 5 Jahren auf das Nachdrücklichste. Unverzichtbar sind die im Bericht genannten Erfordernisse (s. S. 74, 75):

  • Im Haushaltsansatz 2004/05 werden den Hochschulen Mittelansätze zugewiesen, mit denen eine Ausfinanzierung (Umfang 96%) der mit der Umsetzung der Kommissionsempfehlungen personell neu strukturierten Hochschulen erfolgen kann.
  • Im Haushalt 2004/05 sind zusätzliche Mittel eingestellt, die tarif- und preisbedingten Kostensteigerungen ausgleichen.
  • Die Hochschulen erhalten über die Laufzeit des Vertrages den vollen Ausgleich der tarif- und preiskostenbedingten Zusatzkosten und verpflichten sich im Gegenzug, die Empfehlungen rasch und konstruktiv umzusetzen.

Die Einrichtung eines Hochschulrats Schleswig-Holstein zur "Koordination, Kontrolle und Gesamtverantwortung für das Hochschulsystem" kann der Hochschulbeirat der CAU nicht unterstützen. Die für seine Arbeit erforderliche Einheit von Kompetenz und Verantwortung ist in der beschriebenen Konstruktion nicht gegeben. Die Verantwortlichkeit von Parlament und Regierung für die Bildungspolitik und damit für das zentrale Element der Landespolitik muss weiterhin sichergestellt sein.

In die richtige Richtung weisen dagegen die Vorschläge der Kommission zur Veränderung des Hochschulmanagements.

3.2. Auf die Christian-Albrechts-Universität bezogene Empfehlungen

Der Hochschulbeirat begrüßt die Empfehlungen, die sich auf die Technische Fakultät und die Biowissenschaften beziehen. Er unterstützt die Planung, die beiden agrarwissenschaftlichen Einrichtungen der Universität und der Fachhochschule in ihrer institutionellen Zuordnung unverändert zu belassen, sie jedoch auf dem Campus der Universität räumlich zusammenzuführen. Er erachtet diese Maßnahmen für richtig und gut.

Falsch ist jedoch die Empfehlung der Verlagerung der Lehramtsstudiengänge Realschule und Sonderschule sowie der Diplompädagogik nach Flensburg:

  • In den angesprochenen Studiengängen sind zur Zeit mehr als 2000 Studierende immatrikuliert; die CAU könnte über 10% ihrer Studierenden verlieren.
  • Angesichts der gegebenen Erfahrungen bei der Verlagerung der Studienganges für Grund- und Hauptschulen von Kiel nach Flensburg ist davon auszugehen, dass diese Maßnahme effektiv zu einer Reduktion der Studierenden in universitären Studiengängen insgesamt führen würde.
  • Es ist darauf hinzuweisen, dass die Ausbildung für das Lehramt Realschule in Kiel fast ohne zusätzliche Kosten möglich ist, da praktisch flächendeckend auf bestehende Studienangebote in Gymnasial- und Magister-/Diplomstudiengängen zurückgegriffen werden kann und – entgegen möglicherweise aus dem Bericht herausgelesener Einspareffekte – das vorhandene Personal im Bereich der Fachdidaktiken nicht nur dringend im Gymnasialstudiengang benötigt, sondern dringend verstärkt werden müsste, um alle Fächer in diesem Studiengang bedienen zu können.
  • Kritisch zu hinterfragen ist auch die Einstellung des Diplom-Studienganges in Erziehungswissenschaft in Kiel, da dieser Studiengang auf Grund inter- und transfakultärer Vernetzungen attraktiver und daher deutlich besser nachgefragt ist als der analoge Studiengang in Flensburg.
  • Entschieden abzulehnen ist die Verlagerung der fachspezifischen Ausbildung im Studiengang Sonderpädagogik. Die Ablehnung erfolgt vor allen aus drei Gründen:
    1. Fehlen einer ortsnahen schulischen Ausbildungskapazität in ausreichendem Umfang in Flensburg (in der Region Kiel sind fünf mal mehr Sonderschulen vorhanden als in und um Flensburg);
    2. Gefährdung der Gewährleistung des Lehrangebots, da 40 % der Lehre durch Lehrkräfte aus Schulen erbracht werden (und weiterhin erbracht werden müssen);
    3. Zusatzkosten für medizinische Lehrangebote in Flensburg – in Kiel kann auf entsprechende Veranstaltungen der Medizin zurückgegriffen werden.

Der Hochschulbeirat kann – mit Bezug auf die gegebene Unterauslastung – die Empfehlung der Zusammenlegung der evangelischen Theologie an einem Standort nachvollziehen. Angesichts der in Kiel gegebenen stärkeren Fokussierung der Fakultät auf die ev. Theologie – während Hamburg sich mit dem "Haus der Weltreligionen" anders positioniert – ist eine Gewährleistung der Ausbildung in ev. Theologie in Kiel zwingend.

4. Gesamtbewertung

Der Hochschulbeirat der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel bewertet die Erarbeitung der Empfehlungen der "Erichsen-Kommission" als einen wichtigen Schritt zur Konsolidierung des Hochschulsystems in Schleswig-Holstein.

Schmerzlich vermisst wird jedoch ein Resümee aus bildungsökonomischer Sicht, das sowohl eine Bilanzierung von Kosten und Nutzen der Einzelmaßnahmen vornimmt wie auch die ökonomische Gesamtbilanz der Strukturmaßnahmen aufmacht.

Die Empfehlungen werden nur dann ihrem eigentlichen Sinn gerecht, wenn es auf ihrer Basis gelingt, der landesseitigen Finanzierung der Universitäten und Fachhochschulen wieder die verlässliche und solide Basis zu geben, die Konkurrenzfähigkeit im überregionalen Wettbewerb gewährleistet und zu einer Verbesserung der wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit der Universität führt.

Der Abschluss eines "Hochschulvertrages" im oben beschriebenen Sinne hat daher oberste Priorität, um ein Mindestmaß an Planungssicherheit wieder zu erlangen.

Da die Entscheidung über Art und Umfang der Umsetzung der Empfehlungen noch aussteht, kann eine abschließende Bewertung der Konzentrationsprozesse sowie der Nachhaltigkeit der Strukturmaßnahmen noch nicht vorgenommen werden - kritisch hinterfragt wird jedoch, ob die Empfehlungen der Kommission hinsichtlich der Konzentrationsprozesse ausreichend dimensioniert sind.

Mitglieder des Universitätsbeirates sind: Prof. Dr. Hans Heinrich Driftmann (Vorsitzender), Peter Deutschland, Norbert Gansel, Jürgen Heinemann, Gabriele Wachholtz