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Karriereaufschwung für Postdocs

Die CAU leitet einen Paradigmenwechsel bei der Förderung ihres wissenschaft­lichen Nachwuchses ein: Maximale Freiheit und individuelle Unterstützung sollen die besten Ideen an die Förde holen und berufliche Perspektiven schaffen.

Dr. Marian Hu ist einer der vielversprechendsten jungen Wissen­schaftler an der Universität Kiel. Erst im vergangenen Jahr hat der Meeresbiologe und Physiologe über das angesehene Emmy Noether-Programm der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) 1,2 Millionen Euro an Fördermitteln erhalten. Die Förderlinie gilt als Überholspur auf dem Weg zur Professur. Mit dem Geld hat Hu eine eigene Forschungsgruppe ins Leben gerufen, mit der er herausfinden will, wie zelluläre Mechanismen von Meereslebewesen auf den Klimawandel reagieren. Zu diesem Doppelerfolg für die Kieler Meereswissenschaften und Lebenswissenschaften wäre es wahrscheinlich nicht gekommen, hätte die Uni Kiel Hu nicht vor ein paar Jahren für sich gewonnen.

Nach seiner Promotion in Kiel war Marian Hu über drei Jahre wissenschaftlich in Schweden und Taiwan unterwegs, bis er von einem ungewöhnlichen Angebot des Exzellenzclusters »Future Ocean« erfuhr: 270.000 Euro verteilt auf drei Jahre für Forschungsprojekte von Postdoktorandinnen und -doktoranden. Thema: völlig frei wählbar. Voraussetzung: keine. Einzige Bedingung: Das Projekt musste in den inter- und multidisziplinären Ansatz des Forschungsverbunds passen. Hu bewarb sich mit seiner Idee, zu untersuchen, wie Seeigellarven auf sich verändernde pH-Werte im Ozean reagieren. Er kombinierte also Meereswissenschaften mit einer zellbiologischen und mikrobiologischen Herangehensweise. Neu war außerdem, dass die Auswahl der Projekte nicht von einzelnen Professorinnen oder Professoren, sondern von einer Kommission getroffen wurde, eben weil mehrere wissenschaftliche Disziplinen berührt werden sollten. Hus Vorschlag beeindruckte die Jury. Der Weg zurück nach Kiel war frei.

Drei Durchgänge solcher Open Postdoc Calls hat es mittlerweile im Exzellenzcluster gegeben. Das neue Rekrutierungsinstrument ist ein Volltreffer, misst man es an seinen Zielen: neue Impulse und Forschungsfelder an die Universität holen, Forscherinnen und Forscher nach ihrer Promotion weiter qualifizieren – sowohl für die Hochschulen als auch für Aufgaben in der Industrie, in der Wirtschaft und im öffentlichen Dienst: »Das Programm erzieht zur Selbstständigkeit und es trainiert Fähigkeiten, die einen erst zu einer vollständigen Forscherpersönlichkeit machen«, berichtet Marian Hu von seinen Erfahrungen. Nicht nur die Postdocs schlüpfen durch die Open Calls in eine neue Rolle. Professorinnen und Professoren, üblicherweise die Vorgesetzten im Wissenschaftsbetrieb, finden sich dabei eher als Mentorinnen und Mentoren wieder. Das Konzept überzeugte auch die Universitätsleitung, die das Programm in der Bewerbung der CAU als Exzellenzuniversität künftig auf alle Fakultäten ausweiten möchte und so auf dem vom Kieler Meerescluster in Deutschland eingeschlagenen Pionierpfad weitergehen will.

Diese neue Freiheit, Projekte eigenständig zu bearbeiten, bedeutet für den Wissenschaftsnachwuchs indes nicht, allein gelassen zu werden. Nach dem Vorbild der seit mehreren Jahren bestehenden Postdoc-Netzwerke und zentralen Anlaufstellen, etwa des Integrated Marine Postdoc Network (IMAP) von Future Ocean und Graduiertenzentrum, versucht das noch junge Postdoc Zentrum der Uni Kiel für alle interessierten Forschenden nach der Promotion individuelle Fragen rund um Arbeit und Karriereplanung zu beantworten, wie zum Beispiel: In welchem Karrierestadium befinde ich mich? Was ist der nächste logische Schritt? An wen muss ich mich wenden, um mein Forschungsthema voranzubringen? Was bedeutet der befristete Vertrag für mich? 

Solche Unsicherheiten aufzulösen, ist Aufgabe von Dr. Gesche Braker, Leiterin des Zentrums. Dabei helfen ihr Erfahrungen aus dem IMAP, das sie seit 2012 aufgebaut hat. Zuletzt unterstützte es rund 130 Postdocs. Auch über offene Stellen können sich die Forscherinnen und Forscher bei Braker informieren. An ihre Tür klopfte sogar bereits die Arbeitsagentur Schleswig-Holstein, die sich für ihre akademische Klientel über das Programm und wirkungsvolle Weiterbildungsmöglichkeiten schlau machen wollte.

Gemeinsames und freieres Arbeiten, um Lösungen für die großen Herausforderungen der Zukunft zu finden, ist der Grundgedanke, der hinter der neuen Art der Förderung früher Wissenschaftskarrieren an der Uni Kiel steht. Ein weiteres Beispiel ist der sogenannte Thinktank »Denkraum«, den die Universität mit den Fördermitteln der Exzellenzuniversität einrichten will. Vorschläge für gesellschaftlich relevante Themen sollen dafür aus der gesamten Hochschule kommen. Junge promovierte Forscherinnen und Forscher aller Disziplinen sollen sich dann auf Stipendien bewerben können, die sie von täglichen Aufgaben freistellen, um zusammen Fragestellungen zu bearbeiten. Freiräume für Wissensaustausch, Begegnung und Beteiligung – das ist das Angebot der CAU für eine exzellente Universität.

Autor: Denis Schimmelpfennig