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Wissen über Klöster

In Schleswig-Holstein und Hamburg gab es bis zur Reformation ein vielfältiges klösterliches Leben. Davon zeugt das an der Kieler Professur für Regionalgeschichte entstandene reich bebilderte Klosterbuch in zwei Bänden.

Kloster von außen
© Katja Hillebrand

Das ehemalige Zisterzienskloster Løgum, Dänemark, liegt im nördlichen Teil des ehemaligen Herzogtums Schleswig. Es gilt als einer der eindrucksvollsten nordischen Sakralbauten.

Die Klosterlandschaft nördlich der Elbe ist bisher weitgehend unbekannt. Im Zuge der Reformation wurden die Klöster aufgelöst und das Wissen ging verloren. »Wir mussten gewissermaßen bei null anfangen«, erklärt Professor Oliver Auge vom Historischen Seminar der Universität Kiel. Von 2007 an nahm sich ein Team seiner Abteilung für Regionalgeschichte diesen »weißen Fleck« vor. Ziel des Klosterprojekts war es, die Klöster, Stifte, Konvente und Domkapitel in den Herzogtümern Schleswig, Holstein und Lauenburg und in den Hansestädten Lübeck und Hamburg gemäß ihrem kulturhistorischen und theologischen Wirken und Bestehen aufzuarbeiten.

»Zunächst ging es darum, den Quellenbestand zu sichten und auszuwerten. Dann haben wir den Baubestand geprüft und die Ausstattungsstücke wie Kreuze oder Abendmahlskelche bis hin zu Alltagsgegenständen aufgespürt, die oft weit verstreut in anderen Kirchen oder Museum waren«, sagt die Bau- und Kunsthistorikerin Dr. Katja Hillebrand, die von Anfang an und maßgeblich an diesem Projekt mitgearbeitet hat. Immerhin 63 Klöster und klosterähnliche Einrichtungen gab es im Untersuchungsgebiet, das von Lauenburg an der Elbe bis Seem bei Ribe in Dänemark reicht. 18 Orden beziehungsweise geistliche Gemeinschaften waren vertreten – von A wie Augustiner-Chorherren bis Z wie Zisterzienserinnen. Das geballte Wissen über diese Einrichtungen ist nach 12-jähriger Forschungsarbeit jetzt in einem zweibändigen Handbuch und unter Mitwirkung zahlreicher Fachexpertinnen und ­-experten veröffentlicht worden. Das Grundlagenwerk bietet auf 1600 reich illustrierten Seiten einen fundierten Einblick in die Welt der mittelalterlichen Männer- und Frauenkonvente sowie deren Hinterlassenschaft.

Hillebrand: »Wir haben auch Institutionen dabei, die aus ganz früher Zeit, dem 9. Jahrhundert, stammen, wie zum Beispiel cella Welanao bei Itzehoe, aber auch Institutionen wie eine Niederlassung wohl auf Helgoland. Zu dieser gibt es nur eine vage Erwähnung, die Einrichtung haben wir also der Vollständigkeit halber mit einem Fragezeichen aufgenommen.«

In Hamburg gab es bei den Dominikanern einen Prior, der Urkundenfälschung begangen und Gelder hinterzogen hat, um Machtstrukturen gegen andere Klöster durchzusetzen.

Katja Hillebrand

Eine Besonderheit der klösterlichen Geschichte im Norden ist der Birgittenorden, so Auge: »Während sonst die Orden meistens aus dem Süden oder Westen hierher kamen, wie die Benediktiner oder die Franziskaner, gelangten die Birgitten aus Schweden in unseren Raum und haben eine europaweite Verbreitung erlangt.« Im Klosterbuch ausführlich beschrieben ist das Birgittenkloster Marienwohlde bei Mölln. »Außerdem sind die nordschleswigschen, also heutigen dänischen, Klöster aufgeführt. Wir sind unserer Regionalgeschichte verpflichtet, die ja nicht an Landesgrenzen haltmacht, sondern in historischen Raumdimensionen denkt«, wie der Kieler Historiker betont. International sei das Projekt auch durch die Mitarbeit von Autorinnen und Autoren aus verschiedenen europäischen Ländern.

Die vorreformatorischen Klöster, Stifte und Konvente haben die schleswig-holsteinische und hamburgische Kulturlandschaft stark geprägt. Sie waren Orte der Kontemplation, der Spiritualität und Seelsorge, Stätten der Wissenschaft und des gelehrten Lebens, Impulsgeber für die agrarische Entwicklung und Besiedlung sowie für die kulturelle und künstlerische Entfaltung von Bauhütten und Werkstätten. »Gerade die Zisterzienserklöster waren großangelegte Wirtschaftsbetriebe mit Mühlen, Brauereien, Fischereibetrieben und Ziegeleien«, erklärt Auge.

Natürlich gab es auch die weniger rühmliche Seite. Hillebrand: »In Hamburg gab es bei den Dominikanern einen Prior, der Urkundenfälschung begangen und Gelder hinterzogen hat, um Machtstrukturen gegen andere Klöster durchzusetzen.« Eine weitere Anekdote hat Auge parat: »In Lübeck haben sich die Franziskaner mit dem Domkapitel gestritten, wer wen bestatten darf. Denn mit der Bestattung war immer auch eine Einnahmequelle verbunden. Es wird berichtet, dass es daher nachts zum Klau eines in einer Kirche aufgebahrten Toten kam.«

Viel ist nicht übrig von den ursprünglichen Klostermauern und sakralen Bauwerken. Als Gesamtanlage weitgehend erhalten sind nur das Franziskanerkloster St. Katharinen in Lübeck, das Prämonstratenserdomstift in Ratzeburg und die Benediktinerinnenklöster in Preetz und zu St. Johannis in Schleswig. Besonders gründlich wurde in Hamburg »aufgeräumt«, das ursprünglich drei Klöster und einen Dom beherbergte. »Der 1803 abgerissene Hamburger Dom war ein ganz wichtiger Baustein auf dem Weg zu einer gotischen Baukultur im Norden und weitaus wichtiger im architektonischen Ranking als etwa der Lübecker Dom«, erklärt Auge. »Diesen Sachverhalt mit größtenteils noch nicht publizierten Zeichnungen und Karten zu illustrieren, ist daher eine wichtige Aufgabe.«

Da es noch weitere weiße Flecken bezüglich der Klosterkultur gibt, ist bereits ein neues Projekt in Planung. »Wir wollen ein Klosterbuch für Pommern beiderseits der heutigen deutsch-polnischen Staatsgrenze machen«, verrät Auge. Die Expertise ist vorhanden und für die Finanzierung sind bereits aussichtsreiche Anträge gestellt.

Autorin: Kerstin Nees

Zum Weiterlesen: Oliver Auge, Katja Hillebrand (Hg.): Klosterbuch Schleswig-Holstein und Hamburg. Klöster, Stifte und Konvente von den Anfängen bis zur Reformation. Schnell & Steiner Verlag, Regensburg 2019.

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