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Für Wissenschaft und Gesellschaft

Schon ganz am Anfang die Lust auf Wissenschaft wecken. Das soll künftig an der Uni Kiel noch viel systematischer passieren als bisher. Dabei geht es um Handwerk und ebenso um Exzellenz.

»In der Studieneingangsphase werden die Weichen gestellt«, begründet Professorin Ilka Parchmann, warum die Uni Kiel ihren Blick verstärkt auf dieses Thema richtet. An Nachhilfekurse, in denen schulische Defizite ausgebügelt werden, ist dabei allerdings nicht gedacht. »Solche Probleme müssen im Dialog mit den Schulen angegangen werden«, meint die Vizepräsidentin der Christian-Albrechts-Universität. Unbestrittenes Ziel sei es schließlich, mit dem Zeugnis der Hochschulreife junge Leute, die tatsächlich reif für die Hochschule sind, zum Studieren zu schicken.

Egal, welches Fach dann gewählt wird, gewisse Grundkompetenzen sind immer gefragt. Wissen­schaft­liches Argumentieren und Schreiben ist ein Schwerpunkt, in dem der Nachwuchs lernt, was eigentlich Evidenz bedeutet, wann Fake News zu fürchten sind oder wie es sich mit den Grenzen zwischen Zitat und Plagiat verhält. Ein weiteres Anliegen ist es, zu vermitteln, wie wissenschaftliche Fragestellungen strukturiert und beispielsweise in mathematisch fundierte Modelle übersetzt werden. Und schließlich ist die Digitalisierung ein Feld, das für die Wissenschaft in ihrer ganzen Breite zunehmende Bedeutung gewinnt.

»Studierende sollen im ersten Jahr auf ihr Fachgebiet bezogen alle drei Bereiche kennenlernen und dabei Lust bekommen, diese Dinge auch anzuwenden«, definiert Ilka Parchmann das Ziel dieser CAU-Exzellenzstrategie in der Lehre. Froh ist sie darüber, dass keineswegs bei null begonnen werden muss. Dank der Initiative »Projekt erfolgreiches Lehren und Lernen« (PerLe) sind schon viele Beispiele entstanden, die zeigen, dass und wie es funktioniert. Lediglich am Thema Digitalisierung muss noch gefeilt werden. Hier soll es um den Umgang mit Big Data in der Wissenschaft gehen, aber auch um die faszinierenden Möglichkeiten der Visualisierung und andere Beiträge zu neuen Formen des Verstehens.

Probleme müssen im Dialog mit den Schulen angegangen werden.

Ilka Parchmann, Vizepräsidentin

Alle diese Bereiche stellen im Prinzip akademisches Handwerk dar – und reichen zugleich darüber hinaus. Vor allem deshalb, weil die entsprechenden Kompetenzen nicht als Selbstzweck vermittelt werden sollen, sondern als Anreiz zur Anwendung. »Die Dinge selbst in die Hand nehmen«, formuliert es Parchmann und nennt das Stichwort Entrepreneurship. Die Studierenden sollen Spaß daran finden, unternehmerisch tätig zu werden, und das nicht nur klassisch im wirtschaftlichen Bereich, sondern im Sozialen, in der Bildung, der Wissenschaft oder anderen Bereichen der Gesellschaft.

Ein Leuchtturm ist in dieser Hinsicht das Projekt YooWeeDoo. Seit acht Jahren hilft dieser an der Uni Kiel erfundene Wettbewerb Studierenden auf die Sprünge, die sich unternehmerisch und dabei ebenso sozial wie nachhaltig engagieren wollen. My Boo mit Bambusfahrrädern, die in Kiel und Ghana gefertigt werden. Die Stadtimker mit ihrem »Kieler Honig«. Die gemeinnütze Goldeimer GmbH mit Öko-Klos für Festivals. Das Projekt Spülbar mit einem zur Spülstation umgebauten Lastenrad gegen Plastikmüll auf Wochenmärkten. Das sind einige der bekannten und erfolgreichen Initiativen aus dem YooWeeDoo-Wettbewerb, der unter Regie von Professor Christoph Corves ganz klein am Geographischen Institut der Kieler Universität begann und inzwischen Gründerinnen und Gründer aus ganz Deutschland anlockt.

Auch für das Anliegen, die Lehrenden untereinander in einen stärkeren Austausch zu bringen, um durch vereinte Kompetenzen Kurse oder Seminare spannender zu machen, gibt es bereits Beispiele in Kiel. Unter anderem das von Ilka Parchmann selbst. Die Professorin für Didaktik der Chemie am IPN – Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik tat sich mit ihrem Kollegen Professor Norbert Stock von der Anorganischen Chemie zusammen und entwickelte innerhalb der Kieler Forschungswerkstatt ein Projekt über poröse Materialien, die als Speicher oder Filter bedeutsam sein können. Neueste Forschung auf der einen, didaktisches Können auf der anderen Seite. Zusammen hat das dazu geführt, dass die Studierenden mit großem Elan experimentierten, aber auch Videos drehten und andere Lehrmaterialien entwickelten, die dann tatsächlich auch in der Praxis eingesetzt wurden.

Um in der Lehre noch mehr Exzellenzuniversität zu werden, strebt das Präsidium an, innerhalb von fünf Jahren für alle Fachbereiche eine qualifizierte Studieneingangsphase zu schaffen, sagt Ilka Parchmann. »Damit die Wissenschaft profitiert, aber auch die ganze Gesellschaft.«

Autor: Martin Geist

Internationale Experimente

Mithilfe eines erfolgsreichen Exzellenzantrags könnten internationale Forschungsprojekte wie GAME ausgeweitet werden – sowohl auf weitere Inhalte als auch auf einen größeren Kreis an Teilnehmenden. Begabte Masterstudierende sollen nun auch gemeinsam mit Doktorandinnen und Doktoranden zu Beginn ihrer Promotion modulare Experimente zu bestimmten Themen entwickeln. Ein Teil der Projektplätze soll innerhalb der Partnerregionen der CAU vergeben werden, also der San Francisco Bay Area/USA, Skandinavien und dem chinesischen Hangzhou. Junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sollen so dabei unterstützt werden, internationale Netzwerke aufzubauen. Die Experimente werden vor Ort an allen beteiligten Standorten gemeinsam entwickelt und am Ende auf einer jährlich stattfindenden Summer School in Kiel vorgestellt. (jus)