Speziell genutzte Gebäude in den frühesten Jungsteinzeitdörfern der Welt halfen beim Zusammenbringen örtlicher Gemeinschaften

Die Produktion von Nahrungsmitteln begann im Nahen Osten vor über 10.000 Jahren, auch bezeichnet als neolithische Revolution. Dies löste tiefgreifende Veränderungen in der Struktur menschlicher Gesellschaften aus. Eine neue Studie zeigt, dass spezielle Gebäude, die häufig in den ersten landwirtschaftlich geprägten Dörfern der Welt zu finden sind, der Schlüssel zum Erhalt und zur Stärkung des Zusammenhalts der Gemeinschaften waren. Zu dieser Erkenntnis kamen Professorin Cheryl Makarewicz von der Christian-Albrechts-Universität Kiel (CAU) und Professor Bill Finlayson von der Universität Reading aufgrund neuer Ausgrabungen in der neolithischen Siedlung Beidha, die sich im selben Bergzug wie das UNESCO-Weltkulturerbe Petra befindet. Die Ausgrabungen lieferten Informationen darüber, wie das architektonische Gefüge der frühen Bauerndörfer die menschliche Interaktion geprägt und die Organisation der Gesellschaften beeinflusst hat. Ihre Studie veröffentlichten Makarewicz und Finlayson in der Fachzeitschrift PloS one.

„Diese Gebäude boten eine Art Zentrum für die Gemeinschaften, einen Ort, an dem alltägliche Aktivitäten wie die Zubereitung von Speisen und Werkzeugen von mehreren Personen gleichzeitig durchgeführt werden konnten“, so Professorin Makarewicz von der CAU. „Darüber hinaus waren diese Räume auch insofern wichtig, als sie einen Ort boten, an dem die Mitglieder der Gemeinschaften vorbeikommen und sich mit ihren Nachbarn unterhalten konnten – diese informelle, aber sehr regelmäßige Aktivität mag in einem Kontext immer größer und sesshafter werdender Bevölkerungen umso wichtiger gewesen sein. Die Mitglieder der Gemeinschaft wussten, dass hier Informationen weitergegeben wurden, und man fand hier eine zentrale Anlaufstelle, um sich über Neuigkeiten zu informieren.“

„Was wir hier in Beidha auch sehen, ist ein wirklich interessantes Beispiel dafür, wie Gesellschaften mit neuen Fragen des Zugangs und der Kontrolle des Eigentums an pflanzlichen und tierischen Ressourcen umgingen, die in diesen zunehmend bevölkerungsreichen Siedlungen möglicherweise heftiger umkämpft wurden. Interessant ist zudem, dass die Menschen in Beidha mit diesen neuen sozialen Spannungen ganz anders umgegangen sind als ihre Zeitgenossen im Westen des Jordantals. Statt Gemeinschaftsbauten zu errichten, beschäftigten sich diese nämlich mit aufwendigen und mehrstufigen Bestattungspraktiken, wie das Entfernen der Schädel von begrabenen Individuen einige Zeit nach ihrer Beerdigung, um diese zu lagern und mit einer Art Putz zu versehen und ihnen so neue Gesichter zu geben, eventuell auch als gemeinsame ritualisierte Aktivität. Wie viele unserer Kollegen denken wir auch, dass diese ritualisierte Behandlung von Schädeln während der frühen Jungsteinzeit ein weiteres Mittel zur Förderung des sozialen Zusammenhalts war, wenngleich auf eine ganz andere Weise als durch die Funktion kommunaler Gebäude wie die in Beidha.“

Die Forschenden vermuten, dass sich im Süden Jordaniens ausgeprägte Wege zur Förderung des sozialen Zusammenhalts ausgebildet haben, unter anderem durch die Durchführung täglicher Aufgaben in Zweckgebäuden. Dies diente dem Ersatz der sporadischen und dramatischen Rituale und Leichenbestattungen, die anderswo in der südlichen Levante angewandt wurden. Makarewicz und Finlayson merken an, dass „es eine lange Geschichte der Nutzung spezieller Gebäude im Süden Jordaniens gibt, die der Strukturierung der Gemeinschaften dienten. Es wurden also in dieser Region bereits seit der frühen Jungsteinzeit bestimmte Gebäude auf eine Weise genutzt, die über den Zweck der reinen Behausung hinausgeht. Die Fortsetzung dieser Praxis zeigt eine starke lokale Kontinuität der Wege durch die neolithische Revolution.“

Sicht auf die neolithische Dorfstruktur in Beidha, Jordanien.
© Cheryl Makarewicz

Sicht auf die neolithische Dorfstruktur in Beidha, Jordanien.

 

Sicht auf die neolithische Dorfstruktur in Beidha, Jordanien.
© Cheryl Makarewicz

Sicht auf die neolithische Dorfstruktur in Beidha, Jordanien.

Wissenschaftlicher Kontakt:

Prof. Dr. Cheryl Makarewicz
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Telefon: 0431 880-3376
E-Mail: c.makarewicz@ufg.uni-kiel.de

 

Pressekontakt:

Claudia Eulitz
Sachgebietsleitung Presse, Digitale und Wissenschaftskommunikation