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Vom Götterkult zum Christentum

Ganz Griechenland huldigte in der Antike seinen Göttern – auch die Stadt Korinth. Dort verbreitete sich jedoch ab dem Jahr 50 auch das frühe Christentum. Wie es dazu kam, erforscht Professorin Christiane Zimmermann im Rahmen des Kieler Exzellenzclusters ROOTS.

Apollo-Tempel
© Wikipedia, CC BY SA 3.0, Berthold Werner

Mit großen Tempel-Bauten huldigten die Korinther einst ihren Göttern, wie die Überreste des Tempel des Apollo heute noch eindrucksvoll belegen. Doch ab dem Jahr 50 setzte sich das frühe Christentum als Religion in der griechischen Handelsmetropole durch.

»Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde«: Das ist der Anfang der berühmten Weihnachtsgeschichte aus dem Lukasevangelium. Sie berichtet nicht nur von der Geburt Jesu, sondern vom Beginn einer neuen Religion – dem Christentum. Die Verbreitung des Christus-Glaubens über das antike Palästina hinaus geschah allerdings langsam und vor allem zunächst in Städten. Warum das urbane Umfeld so förderlich für den neuen Glauben war, erforscht Christiane Zimmermann, Prodekanin der Theologischen Fakultät, im Rahmen des Subclusters Urban ROOTS am Beispiel des Christentums im antiken Korinth. Gemeinsam mit auf die Region spezialisierten Fachleuten aus der Archäologie und der Kirchengeschichte in der ganzen Welt sucht sie nach Antworten. Und diese sind nicht immer einfach zu finden.

»Gesicherte, schriftliche Quellen aus den Anfängen des Christentums gibt es nur wenige«, erklärt Zimmermann die Herausforderung ihres Forschungsprojektes. Auf die Korintherbriefe des Paulus kann sie zurückgreifen, auf historische Berichte von Kirchenvätern, aber auch auf archäologische Dokumente, auf Grabinschriften und die Ruinen der großen Basiliken, die sich am Golf von Korinth finden lassen. »Es ist vergleichbar mit einzelnen Puzzlestücken, die wir finden und zusammenlegen müssen«, sagt sie. Die Teile ergeben für die Wissenschaftlerin ein spannendes Bild der Zeit, in der das Christentum entstand und sich verbreitete.

Portraitbild Christiane Zimmermann
© Moritz Zimmermann

Christiane Zimmermann

Einiges ist bereits bekannt: Jahrhundertelang war Korinth eine bedeutende griechische Handelsmetropole am Golf von Korinth. Seefahrer, Handwerker und Kaufleute aus unterschiedlichen Ländern kamen dort zusammen, sagt Zimmermann und malt mit ihren Worten das Bild einer – Kiel nicht ganz unähnlichen – blühenden Hafenstadt. Die jedoch wurde 146 v. Chr. von den Römern zerstört. Um 44 v. Chr. baute Caesar die Stadt als römische Kolonie wieder auf. Zahlreiche Soldaten und freigelassene Sklaven aus Rom siedelten sich an.

Als der Apostel Paulus um 50/51 n. Chr. als erster Verkünder der christlichen Botschaft nach Korinth kam, fand er eine Bevölkerung vor, die den griechischen und römischen Göttern huldigte. Daneben gab es den ägyptischen Isis-Kult sowie lokale Götter. »Es gab aber auch Menschen jüdischen Glaubens«, so Zimmermann. Dies belegen Texte der Zeit. Paulus, selbst ein vormals glaubensfester Jude, betrieb seine Verkündigung wohl zunächst von der Synagoge aus. Doch einfach war es für ihn und die neue christliche Gemeinde nicht, die Menschen von ihrer Religion zu überzeugen. Überdies war das Christentum brandneu. »Man musste selbst erst einmal praktische und religiöse Regeln finden, um das eigene und das Zusammenleben mit anderen Glaubensrichtungen zu klären.«

Nach und nach konnte der neue Glauben die Menschen überzeugen – vor allem durch die Verkündigung der Rettung der Menschen und die Vorstellung eines Lebens nach dem Tod. »Das war den Menschen sehr wichtig, das zeigen Grabinschriften«, so Zimmermann. Allmählich entwickelten sich Ämterstrukturen in der Gemeinde, im 2. Jahrhundert war Korinth bereits Sitz eines Bischofs. In der urbanen Architektur manifestierte sich das Christentum jedoch erst nach der konstantinischen Wende: Kaiser Konstantin I. wandte sich Anfang des 4. Jahrhunderts dem Christentum zu und im Zuge dessen wurden erste Kirchen gebaut. Im 6. Jahrhundert ließ vermutlich Kaiser Justinian eine weithin sichtbare Basilika von der Größe des Petersdoms am Hafen von Korinth errichten. Die beeindruckenden Ruinen sind heute noch zu sehen, ebenso wie die Ruinen zahlreicher weiterer antiker Basiliken. »Die Bauten sind ein klarer architektonischer Hinweis auf die wichtige Bedeutung des Christentums in dieser Zeit«, erklärt Zimmermann. 

Neben der Frage, wie es zur Christianisierung von Korinth kam, ist eine weitere für die Urban ROOTS-Wissenschaftlerinnen und ­-Wissenschaftler wichtig: Kann das Erklärungsmodell für die Verbreitung von Religionen in der Antike auch auf die heutige Zeit angewandt werden? »Daran arbeiten wir noch«, sagt Zimmermann. Die Theologin sieht auf alle Fälle Parallelen. »Auch damals wurde das Fremdartige, die neue Religion als bedrohlich empfunden. Es hat einige Generationen gedauert, bis die Gesellschaft Andersgläubige akzeptiert hat.«

Im Rahmen der Ringvorlesung Urban ROOTS »Die Lücke schließen: Urbanität zwischen Vergangenheit und Gegenwart« können Interessierte mehr zum Thema erfahren: Professorin Christiane Zimmermann spricht über »Die Christianisierung von Korinth vom 1. bis zum 6. Jahrhundert«, ihre Marburger Kollegin Professorin Bärbel Beinhauer-Köhler über »Die Islamisierung Kairos vom 7. bis zum 12. Jahrhundert«.

Autorin: Jennifer Ruske

Christiane Zimmermann, CAU, und Bärbel Beinhauer Köhler, Uni Marburg: Tempel, Kirchen und Moscheen: Die Implementierung neuer Religionen im urbanen Kontext. 4. Februar, 18:15 Uhr, Audimax Hörsaal A, Christian-Albrechts-Platz 2

Weitere Informationen

Subcluster Urban ROOTS

Der Exzellenzcluster ROOTS will die Wurzeln sozialer, umweltbedingter und kultureller Phänomene und Prozesse erforschen, die die menschliche Entwicklung nachhaltig prägen. Hierzu verfolgt der Forschungsverbund ein fächerübergreifendes Konzept und bindet Geistes-, Natur-, und Lebenswissenschaften ein. Das Ziel ist ein tieferes Verständnis historischer Beziehungen und ein daraus folgendes Verständnis für gegenwärtige gesellschaftliche Krisen und Herausforderungen unter verschiedenen ökonomischen, ökologischen und sozialen Bedingungen. Zu diesem Zweck hat der seit Oktober 2019 geförderte Exzellenzcluster sechs Forschungsschwerpunkte, sogenannte Subcluster, definiert. Dazu zählt Urban ROOTS: Darin konzentrieren sich die Forschenden besonders auf städtische Räume und deren Akteure und darauf, wie städtische Räume in früheren Zeiten wahrgenommen wurden. (cle)

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