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Verlust von Haus, Gemeinschaft und Anerkennung

Der Bau des gigantischen Wasserkraftwerks Belo Monte in Brasilien zwang Tau­sende Menschen zur Umsiedlung. Der Kieler Geograph Dr. Sören Weißermel hat den Prozess der Enteignung und dessen Konsequenzen aufgearbeitet.

Im brasilianischen Amazonasgebiet wird seit 2011 das drittgrößte Wasserkraftwerk der Welt gebaut. Belo Monte – »schöner Berg« – heißt das gigantische Bauwerk, das über drei Talsperren den Fluss Xingu zu zwei Stauseen aufstaut, die insgesamt etwa die Größe des Bodensees haben. Seit den ersten Planungen in den 1980er Jahren wird das Projekt von massiven Protesten begleitet. Die Kritik betrifft vor allem die Auswirkungen auf Natur und Umwelt durch die Überflutung von etwa 500 Quadratkilometern Ackerland und wertvollem Regenwald sowie die geplante Umsiedlung von vielen Menschen.

Die Proteste gingen auch nach Baubeginn weiter und führten durch gerichtliche Entscheidungen mehrmals zu vorübergehenden Baustopps. »Da das Projekt aber von sehr großem nationalen Interesse ist, wurden diese immer wieder aufgehoben«, berichtet Dr. Sören Weißermel vom Geographischen Institut der Uni Kiel, der für seine Doktorarbeit insgesamt rund ein Jahr vor Ort gearbeitet hat. Mittlerweile ist das Land geflutet und das Kraftwerk fast fertiggestellt. Seit 2016 generieren die ersten Turbinen Strom.

»Zwischen 30.000 und 40.000 Menschen hat der Bau in Mitleidenschaft gezogen«, schätzt der Kieler Geograph. Entweder weil sie ihre Heimat, die überflutet wurde, verlassen mussten, oder weil der Damm das Stromgebiet quasi trockengelegt und den dort lebenden indigenen Völkern die Lebensgrundlage entzogen hat. »Am härtesten getroffen hat es die traditionellen Flussbewohnerinnen und Flussbewohner, die Ribeirinhos, und die Bevölkerung der Stadt Altamira, von der etwa ein Drittel überflutet wurde.« In seiner Dissertation konzentrierte er sich auf die Situation der Ribeirinhos und untersuchte, wie der Enteignungsprozess ausgehandelt wurde, welche Konflikte es gab und wie die Menschen sich wehrten. Dort, wo jetzt der Stausee ist, waren zuvor kleine Siedlungen von einfachen Häusern auf einer Insel oder am Flussufer, wo die Menschen fischen und Gemüse anbauen konnten. »Zusätzlich hatten sie ein Haus in der Stadt Altamira, das sie bewohnten, wenn sie ihre Produkte verkaufen oder städtische Dienstleistungen wahrnehmen wollten«, erklärt Weißermel.

Für den Verlust der bisherigen Behausungen wurden die Betroffenen entschädigt, entweder erhielten sie ein Ersatzhaus oder eine finanzielle Entschädigung. Dabei hätten viele einen schlechten Deal gemacht. »Wenn sie beide Häuser verloren hatten, bekamen sie nur ein Ersatzhaus, das zweite Haus wurde finanziell entschädigt. Die meisten haben ein Haus in der Stadt angenommen, weil die Umsiedlungsviertel auf dem Land sehr ungünstig lagen. Finanziell entschädigt wurde dann nur das ländliche Haus, allerdings zu sehr geringen Summen.« Hinzu kam, dass die Ersatzhäuser in der Stadt weit außerhalb lagen und keinen Zugang zum Fluss hatten. Sie mussten ihre Fischerei beenden und ihre bisherige Lebensweise aufgeben.

»Ich habe die Bedeutung von Enteignung in meiner Arbeit erweitert, da sie nicht auf den materiellen Bereich beschränkt war, sondern den Zusammenbruch der gesamten Lebensweise bedeutete. Die Menschen waren gezwungen, ihre Häuser zu verlassen und verloren damit auch Zugang zu Ressourcen, ihr soziales Netzwerk und ihre Alltagskultur.« Der Kieler Wissenschaftler analysierte diese komplexen Formen der Enteignung und die Verhandlungen zwischen dem zuständigen Konsortium, den Betroffenen und anderen beteiligten Akteuren. Dabei arbeitete er heraus, dass der Widerstand gegen Enteignung in erster Linie ein Kampf um Anerkennung war. »Dieser Verlust der Anerkennung spielt in meiner Arbeit eine große Rolle, weil das dort sehr wichtig war. Das führte zu psychischen und körperlichen Problemen wie Depressionen, Herzrhythmusstörungen, Blutdruckproblemen. Viele haben davon geredet, dass sie eigentlich nicht mehr leben.«

Durch den politischen Widerstand gegen die Enteignung haben sich die Betroffenen Anerkennung und Öffentlichkeit erkämpft. Ihre Lebensweise, ihr Ribeirinho-Dasein, wurde anerkannt. Materiell hat sich das für die Betroffenen noch nicht ausgezahlt und in Anbetracht des Regierungswechsels in Brasilien schwinden die Chancen auf eine Verbesserung der sozialen Situation. »Der neue Präsident Jair Bolsonaro und seine Regierung betreiben eine repressive Politik gegenüber Minderheiten. Sie sehen das Amazonasgebiet verstärkt als Wirtschaftsfaktor und werden dessen Ausbeutung eher vorantreiben«, vermutet Weißermel, der für seine Promotion in der Arbeitsgruppe Stadt- und Bevölkerungsgeographie (Leitung: Professor Rainer Wehrhahn) 2018 mit dem Fakultätspreis geehrt wurde. Außerdem erhielt er den interdisziplinären Preis zur Lateinamerikaforschung der ADLAF und den Hans-Bobek-Preis der österreichischen geographischen Gesellschaft.

Kerstin Nees

Zum Weiterlesen: Sören Weißermel: Die Aushandlung von Enteignung. Stuttgart 2019
www.steiner-verlag.de/titel/61588.html