Wenn die ganze Welt zum Fürchten ist

Wissenschaftliche Tagung in Kiel befasste sich mit der Kultur der Angst

Die Angst führt sie zusammen. Und das im wörtlichen Sinn. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus mehreren Staaten Europas und aus den USA beschäftigten sich vom 15. bis 17. November an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) mit den aktuellen Erscheinungen der Angstkultur. Denn diese Kultur wirkt sich nach ihrer Überzeugung prägend und zugleich lähmend wie selten zuvor in der Geschichte aus.

Auf Initiative des Kieler Romanisten Professor Ulrich Hoinkes läuft das internationale und interdisziplinäre Projekt „Anxiety“ bereits seit dem Jahr 2015. Das englische Wort beschreibt dabei eine breite Begrifflichkeit, die von der vagen Sorge über die eigentliche Angst bis hin zur Panik reicht. „Irgendetwas davon ist im öffentlichen Diskurs meistens dabei“, analysiert Hoinkes, der das Phänomen nicht nur, aber eben auch an der Politik festmacht: „Donald Trump ist derzeit vielleicht das extremste Beispiel. Seinen Wahlkampf zu den Midterm Elections hat er nur auf der Angst aufgebaut.“ Auch sonst finden die Menschen heutzutage offenbar vieles zum Fürchten, sagt der Kieler Professor: „Die neue Apple-Watch ist fast allein auf Gesundheit ausgerichtet, als ob wir alle jederzeit mit einem Herzinfarkt rechnen müssten. So etwas funktioniert nur auf Grundlage einer Angstkultur.“

Zwar gab es von der Dürre bis zur Pest schon immer Erscheinungen, die den Menschen den kalten Schweiß auf die Stirn trieben, doch Hoinkes und Co. sehen einen großen Unterschied zur Gegenwart. Krisen seien lange Zeit im Grunde etwas Normales gewesen, meint der Wissenschaftler. „Sie waren irgendwann vorbei und man ging gestärkt daraus hervor.“ Heute dagegen habe man es mit Dauerkrisen oder zumindest mit einer Dauerkrisenstimmung zu tun; ein idealer Nährboden für Populisten à la Trump. Und zugleich ein Biotop für individuelle Befindlichkeiten wie die der Angst vor dem Impfen oder oftmals nur eingebildeten Lebensmittelunverträglichkeiten.

Nachdem die Beteiligten am Projekt „Anxiety“ bislang auf Drittmittel verzichtet und sich laut Hoinkes lieber Zeit für Inhalte genommen haben, wollen sie sich jetzt in Kiel daran machen, Förderanträge für konkrete Fragestellungen auf den Weg zu bringen. Schwerpunkte sind dabei der Klimawandel, die Gesundheit, Arbeit und Gesellschaft sowie die Migration. Alles Themen, die auch aus Sicht der Projektverantwortlichen reichlich Probleme in sich bergen, die aber zugleich entdämonisiert werden sollten. „Nicht immer alles gleich Krise nennen und damit nie aus ihr herauskommen, sondern lernen, mit Veränderungen und den damit verbundenen Risiken zu leben“, fordert Ulrich Hoinkes. Wie das gelingen kann, dazu soll das „Anxiety“-Projekt einen möglichst wirksamen Beitrag leisten.

Veröffentlicht werden erste Ergebnisse voraussichtlich in einem Buch, das die Johns-Hopkins-University Baltimore herausbringen will. Gleich mehrere amerikanische Hochschulen – allen voran die Columbia University in New York –  sind an dem Projekt ebenso beteiligt wie der gleichermaßen in den USA ansässige Council for European Studies, mehrere renommierte Hochschulen in Paris und das in Freiburg ansässige europäische Universitätsprojekt „Eucor –The European Campus“.

Stark unterstützt wird die Angstforschung außerdem von der Universität Kiel und dem ihr angegliederten Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN). Neben den Geistes- und Sozialwissenschaften sind schließlich auch die Natur- und Meereswissenschaften maßgeblich in das Projekt eingebunden.

Weitere Informationen:
Über die Forschung von Prof. Dr. phil. Ulrich Hoinkes:
www.anxietyculture.net

Über die Tagung:
https://www.hoinkes-research.net/news

Text: Martin Geist

Professor Ulrich Hoinkes
© Martin Geist, Uni Kiel

Professor Ulrich Hoinkes initiierte 2015 das internationale und interdisziplinäre Projekt „Anxiety“, bei dem es um die Erforschung von Angst im öffentlichen Diskurs geht.

Wissenschaftlicher Kontakt:

Prof. Dr. phil. Ulrich Hoinkes
Romanisches Seminar an der Universität Kiel
Telefon: 0431/880-2265
hoinkes@romanistik.uni-kiel.de
www.romanistik.uni-kiel.de

Pressekontakt:

Farah Claußen
Presse, Digitale und Wissenschaftskommunikation