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Die Welt ist voller Lösungen

Weltuntergangsszenarien beherrschen oft die medialen Debatten um Klima- und Ökokrise. „Zukunft nachhaltig mitgestalten“ heißt es hingegen im Bereich Zukunftsorientierung beim Projekt erfolgreiches Lehren und Lernen (PerLe).

Plastikfrei leben, möglichst viele Dinge selber bauen statt sie zu kaufen, Gemüse anbauen: Diesen Herausforderungen können sich die Teilnehmenden von „Wellenschlagen“ stellen, einem der diesjährigen Siegerprojekte des yooweedoo-Wettbewerbs für nachhaltige und sozialunternehmerische Projekte. Bewältigen müssen die Studierenden die Aufgaben aber nicht allein. Jana Wilkening und Marie Boutin, Initiatorinnen des Projekts, stellen ihnen Tandempartnerinnen und -partner zur Seite. Wer möchte, dem vermitteln die beiden auch so etwas wie Patinnen oder Paten, zum Beispiel die Do-it-yourself-Expertinnen und -Experten aus der Kieler Holzwerkstatt „Werk Statt Konsum“. Inspiration, Motivation und vor allem Austausch ist den beiden, die selbst im Master Sustainabilty, Society and the Environment an der Uni Kiel studieren, sehr wichtig. Damit arbeiten sie auf ein Ziel hin: eine nachhaltige Gemeinschaft – zunächst auf dem eigenen Campus – aufzubauen. Den eigenen Lebensstil zu reflektieren, ist dabei nur ein Teil eines übergreifenden Seminars, dessen Titel den Ansatz verrät: „The University of the Students“. Es geht darum, in einer starken Gemeinschaft zusammen zu lernen und zu verändern. Natürlich fehlt auch hier der theoretische Unterbau zum Komplex Nachhaltigkeit nicht, aber alles wird gemeinsam erarbeitet: „Mir hat die klassische Vorstellung, wie Unterricht zu sein hat, nie gefallen“, erklärt Jana Wilkening. Im Studium hat sie sich deshalb mit Erlebnispädagogik beschäftigt und versucht nun, Bildung und Nachhaltigkeit neu zusammenzudenken.

Erfahrungen, wie das gelingen kann, hat Wilkening bei PerLe gesammelt. In dem vom Bundesbildungsministerium geförderten Projekt für gute Lehre an der CAU setzen die Mitarbeitenden ebenfalls auf Austausch auf Augenhöhe. Studierende gestalten dort Seminare für ihre Kommilitoninnen und Kommilitonen, moderieren und bringen Diskussionen in Gang. Zunächst mit Dominique Just, dann mit Oke Hansen hat Wilkening im letzten Jahr das fachübergreifende PerLe-Basisseminar „Zukunft nachhaltig gestalten“ übernommen. „Das Spannende ist einerseits, wie Lernen in einem hierarchiefreieren Raum stattfindet, andererseits der interdisziplinäre Austausch", findet Mark Müller-Geers. Er ist einer der Köpfe hinter dem Angebot und – als studierter Geoökologe – zuständig für das Thema Nachhaltigkeit bei PerLe. Im Seminar fungiert er als Lehrendencoach, das heißt, er unterstützt die Studierenden beim Ausarbeiten und Anleiten des zumeist sehr interaktiven Seminarprogramms. Zunächst erarbeiten die Teilnehmenden die grundlegenden Prinzipien von Nachhaltigkeit: Ressourceneffizienz etwa, aber auch Formen politischer Mitwirkung und Demokratieförderung. Für jede und jeden ergibt sich die Möglichkeit, eine eigene Haltung zum Thema zu entwickeln: „Die Studierenden stellen sich die Frage: Was hat Nachhaltigkeit mit mir selbst und mit meiner Fachrichtung zu tun?“, so Müller-Geers. „Dabei durchbrechen sie auch ihre jeweiligen Wahrnehmungsblasen, in denen sie sich als Spezialistinnen und Spezialisten ihrer Fächer oft befinden.“ In Teams recherchieren sie, welche Lösungen es bereits für Bereiche wie Mobilität, Ernährung oder Konsum gibt und an welchen Stellen in den Systemen sie persönlich eine besondere Wirkung erzielen können. Ideen kommen auch von den Gästen, die von Müller-Geers und den jeweils lehrenden Studierenden eingeladen werden. Oft sind dies (ehemalige) Studierende, die selbst sozialunternehmerische Initiativen gegründet haben und in Kiel viel bewegen: das Glückslokal, in dem unter anderem Kleidung getauscht werden kann, die Resteritter, die gegen Lebensmittelverschwendung ankämpfen oder Phillip Walter mit seinem einfachleben.blog.

Das Spannende ist einerseits, wie Lernen in einem hierarchiefreieren Raum stattfindet, andererseits der interdisziplinäre Austausch.

Mark Müller-Geers

Neben den Basics bietet PerLe ein Seminar an, in dem es explizit um die Karriere mit Sinn geht. Impulsgeberinnen und -geber aus der Praxis berichten über ihren Werdegang, ihren persönlichen Zugang zu Nachhaltigkeit und darüber, was sie konkret machen. „Viele Teilnehmende kommen mit dem Gefühl ins Seminar, mit dem Klimawandel und der Umweltzerstörung passiert etwas Dramatisches, und fragen sich, was sie eigentlich dagegen tun können“, berichtet Müller-Geers. „Die Wahrnehmung ist ja zutreffend. Im Seminar sehen sie dann aber auch, wie viele Menschen sich schon auf beruflicher Ebene für eine gute Zukunft einsetzen und welche Ansatzpunkte für die eigene Zukunftsgestaltung spannend wären. Das macht Mut und motiviert, sich einzubringen.“ Auch hier bleibt es nicht bei der Theorie: Die Gäste bringen eine „Arbeitsprobe“ mit, die sie mit den Studierenden gemeinsam lösen. Das ist eine Aufgabe, die direkt aus ihrem Arbeitsalltag stammt. Julia Plath, die Zukunftsmanagerin des Kreises Rendsburg-Eckernförde, Alumna der Uni Kiel, brachte zum Beispiel den Job mit, eine Zukunftskonferenz vorzubereiten. Das Prinzip „selber machen“ führt die Seminarteilnehmerinnen und -teilnehmer auch aus der Universität heraus. In kleinen Gruppen suchen sie sich die für sie interessanten regionalen Akteure heraus, führen Interviews mit ihnen oder machen „Jobshadowing“, sie begleiten und beobachten also die Sozialunternehmerinnen und -unternehmer oder Ökobäuerinnen und -bauern bei der Arbeit.

In einen besonders intensiven Austausch mit lokalen Akteurinnen und Akteurenen begeben sich die Studierenden in den Reallabor-Seminaren von PerLe. Sie erforschen und gestalten dabei die „Stadt der Zukunft“. Dort wird dann schon mal selbst Hand angelegt, etwa wenn es um das Konzept des Urban Gardening geht. Auf Anregung des Leiters des Kieler Grünflächenamtes Reiner Peters arbeiteten einige Studierende in einem Inklusionsprojekt mit. Sie bauten Hochbeete für Menschen mit Beeinträchtigungen direkt in der Kieler Innenstadt. „Berufsorientierung und soziales Engagement sind bei so einem Format ein durchaus erwünschter Nebeneffekt“, erläutert Müller-Geers.

Jana Wilkening hat sich bei ihrer Berufswahl zwar noch nicht festgelegt. Nachhaltigkeit und Bildung möchte sie aber weiterhin verknüpfen. Wenn alles gut funktioniert in der Pilotphase ihres Projekts „Wellenschlagen“, soll der nächste Schritt sein, konkrete Ideen auf dem Campus umzusetzen und sich mit anderen Universitäten zu vernetzen. Mark Müller-Geers wünscht sich für eine Universität der Zukunft mehr Freiräume für gute Lehre – für nachhaltige Lösungen made in Kiel.

Autor: Denis Schimmelpfennig

Das PerLe-Basisseminar „Zukunft nachhaltig mitgestalten“ und das Seminar „The University of the Students – Building sustainable communities“ von „Wellenschlagen“ und der Kiel School of Sustainability können über das Zentrum für Schlüsselqualifikationen (ZfS) belegt werden. Im Schwerpunktprogramm Nachhaltigkeit bündelt das ZfS diese und viele weitere Veranstaltungen aus verschiedenen Fachbereichen der CAU in einem fachübergreifenden Rahmen. Mehr Informationen gibt es unter www.perle.uni-kiel.de und über www.zfs.uni-kiel.de.

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