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Das Kreuz mit den Zahlen

Für viele Menschen klingen Mathematikaufgaben so: »Ein rotes Kamel steht bei Mondschein in der Wüste. Wie schwer ist die Forelle, wenn sie singt?« Was ihnen den Zugang zu Zahlen erleichtern kann, darüber hat die unizeit mit Statistikprofessor Sören Christensen gesprochen.

Viele Würfel mit Zahlen
© iStock/tostphoto

unizeit: Herr Professor Christensen, viele Menschen haben ein Problem mit Zahlen. Warum ist das so und wie kann man ihnen helfen?

Sören Christensen: Das hat vielerlei Gründe. Einer davon ist, dass man in der Mathematik abstrakte Strukturen untersucht, die man in ganz vielen Bereichen einsetzen kann. Dazu muss die Sprache allerdings recht allgemein gehalten sein, damit alle über das Gleiche reden. Es ist dadurch zwangsläufig entkoppelt von der Lebenswirklichkeit. Dazu gibt es ein paar schöne Experimente. Bei einem werden Menschen logische Aufgaben gestellt. Einmal in einer abstrakten mathematischen Verpackung, dann liegen erfahrungsgemäß 90 Prozent daneben. Genau die gleiche Aufgabe übersetzt in die reale Welt erzeugt 90 Prozent richtige Antworten. Die abstrakte Sprache führt zu vielen weiteren Problemen. Ich habe etwa die Erfahrung gemacht, dass, wenn eine Zahl genannt wird, oft das kritische Denken aussetzt.

Können Sie das weiter ausführen?

Zahlen werden auch als rhetorisches Mittel gebraucht, um eine Diskussion zu beenden. Sobald Zahlen oder Mathematik ins Spiel kommen, schalten Menschen ab, und das auch in Bereichen, die nicht wirklich abstrakt sind. In einem Interview hat beispielsweise der damalige Präsident des Umweltbundesamtes, Jochen Flasbarth, gesagt, der Müll in der Nordsee ergebe insgesamt einen Würfel von 80 Kilometern Kantenlänge. Am nächsten Tag war diese Zahl eine Schlagzeile, die Medien haben das einfach übernommen. Doch wenn man das mal in das reale Leben übersetzt, würde das bedeuten, dass sich der Müll über die gesamte Fläche der Nordsee 500 Meter hoch auftürmen müsste. Was war passiert? Jochen Flasbarth hatte sich versprochen. Er meinte einen Würfel mit 80 Metern Kantenlänge. Wann immer Zahlen eine Rolle spielen, sollte also nachgefragt werden.

Am Beispiel der Corona-Infektionen wurde besonders deutlich, dass der Begriff des exponentiellen Wachstums nicht allen geläufig ist. Gibt es hier auch ein Übersetzungsproblem?

Die Schwierigkeit liegt auch darin, dass »exponentielles Wachstum« umgangssprachlich bedeutet, dass etwas ganz stark wächst. Mathematisch passiert aber bei einem exponentiellen Wachstum oft lange Zeit erstmal fast gar nichts. Nehmen wir das Beispiel einer Zeitungsseite, gewissermaßen als Prototyp des exponentiellen Wachstums. Nehmen wir an, dass sie ein zehntel Millimeter hoch ist. Ich falte sie immer in der Mitte. Dann habe ich nach sechsmal Falten erst einen halben Zentimeter. Wenn man es trotz der dicken Knickkante schafft, ist man nach zehnmal schon bei zehn Zentimetern und bei fünfzehnmal wären es mehr als drei Meter. Gut 40-mal falten entspräche einer Höhe von hier bis zum Mond. Es geht ganz langsam los und es passiert fast gar nichts, man denkt, man könnte ewig falten, aber am Ende nimmt die Höhe sprunghaft zu.

Haben Sie ein weiteres Beispiel für die Verbindung von Mathematik mit der Lebenswirklichkeit?

Stellen Sie sich vor, Sie wohnen am Ende einer langen Einbahnstraße und suchen bei Regen einen Parkplatz. Sie biegen in die Straße ein und ganz am Anfang ist einer frei. Sie haben nun zwei Optionen: Sie nehmen diesen Parkplatz, müssen weit laufen und werden nass. Oder Sie fahren in der Hoffnung auf einen vermeintlich besseren, näher am Wohnhaus gelegenen Platz weiter. Damit riskieren Sie aber, am Ende gar keinen zu haben. Wenn ich nun mathematisch vorgehe, würde ich im Vorfeld beobachten, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, den besten Parkplatz zu erwischen. Wenn im Mittel jeder zehnte Parkplatz vor dem Haus frei ist, sollte man spätestens den neunten Stellplatz nehmen.

Kann man Menschen auch im Erwachsenenalter noch die Angst vor der Mathematik nehmen?

Ich glaube schon. Ich habe schon einige Tagesseminare mit Journalistinnen und Journalisten gemacht. Wenn man ein paar grundlegende Dinge mit Beispielen aus ihrem Bereich verbunden hat, dann hat es ihnen beim Verständnis von Zahlen sehr geholfen. Bei den meisten Menschen funktioniert dies tatsächlich über die Verknüpfung mit ihrem realen Leben.

Das Interview führte Christin Beeck.

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