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Bis auf die Knochen

Nur das Skelett ist übrig geblieben von dem Mann, der vor rund 4.000 Jahren im Kaukasus gelebt hat. Und trotzdem erzählt er uns seine Geschichte.

Menschliche Knochen auf einem Tisch
© Katharina Fuchs

Im Labor werden menschliche Knochen auf äußerlich sichtbare Einflüsse von Krankheiten und Verletzungen untersucht und für die genetische Beprobung vorbereitet.

Dass er das kann, dafür sorgt Dr. Katharina Fuchs. Sie ist physische Anthropologin am Institut für Klinische Molekularbiologie der Kieler Universität. Für den Exzellenzcluster ROOTS und den Sonderforschungsbereich 1266 untersucht sie Knochen und Zähne aus archäologischen Funden, um daraus Rückschlüsse auf die Lebensumstände von Menschen zu ziehen, die in längst vergangenen Zeiten lebten.

»In der Vergangenheitsforschung untersuchen wir häufig das, was der Mensch hinterlassen hat. Mit den Methoden der physischen Anthropologie hingegen können wir Verstorbenen eine Körperlichkeit zurückgeben, auch wenn die weiche, gesichtsgebende Hülle fehlt«, sagt sie. Auf dem Tisch in ihrem Labor liegen ordentlich ausgerichtet Knochen und Schädelfragmente unterschiedlicher Größe. In einer Schale befinden sich kleine Knöchelchen und Fragmente, die sie mit einem Pinsel reinigt.

»Wenn wir die Knochen eines Individuums vorliegen haben, erstellen wir zunächst ein Basisprofil, das das biologische Geschlecht, das Sterbealter und die physische Konstitution der oder des Verstorbenen umfasst. Dann schauen wir uns die Bestandteile des Skeletts im Detail an und erschließen daraus die Osteobiographie, also den Teil der Lebensgeschichte, die in den Knochen geschrieben steht«, erläutert Fuchs.

Dabei gilt ihr besonderes Interesse der Paläopathologie, der Erforschung von Krankheiten der Vergangenheit, der Gesundheit und des Leidens der Menschen. Am Zustand der Knochen und des Kauapparates lässt sich vieles ablesen: Spezielle Belastungen des Bewegungs- und Kauapparates, Fehlernährung, Entzündungskrankheiten, Verletzungen, hormonale oder tumoröse Erkrankungen hinterlassen häufig Spuren. »Das ist nur ein kleiner Teil von dem, was die Menschen durchlebt haben, aber immerhin mehr, als man vermutet«, stellt die Wissenschaftlerin fest.

Das Skelett des Mannes aus dem Nordkaukasus hat Fuchs einiges aus seinem Leben verraten. Gelebt hat er in der Mittel- bis Spätbronzezeit in einer Zeit, die geprägt war von einer substanziellen Veränderung der sozialen und ökonomischen Lebensverhältnisse und einer kompletten Reorganisation der Gesellschaftsstrukturen. Seine Knochen stammen vom Gräberfeld Kudachurt 14, das Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen untersucht haben, um Informationen über die Lebensweise, Kultur und Genetik der dort Bestatteten zu gewinnen.

Gestorben ist er im Alter zwischen 35 und 45 Jahren. Im unteren Bereich seines Skeletts erkennt die Anthropologin Auffälligkeiten. Auf einer Seite ist das Hüftgelenk vergrößert, typisch für eine Entwicklungsstörung im Kindes- oder Jugendalter. Zusätzlich ist sein rechter Oberschenkel und damit das Knie nach innen gedreht. Das ist aber nicht alles. Als Erwachsener hatte er eine weitere Durchblutungsstörung am Oberschenkelkopf sowie eine Fraktur des rechten Oberschenkels und eine weitere Fraktur am Hinterkopf. »Er hat also wahrscheinlich nicht nur seit dem Kindesalter gehinkt und war in seiner Mobilität eingeschränkt, sondern hat im fortgeschrittenen Alter zusätzlich diese schweren Verletzungen erlitten und überlebt«, schließt Fuchs aus den Befunden.

Weitere Anhaltspunkte über sein Leben gibt sein Gebiss. Aus ethnographischen Vergleichen ist bekannt, dass Zähne nicht nur zum Kauen, sondern auch als Arbeitshilfe eingesetzt wurden, zum Beispiel zum Halten oder Verarbeiten von Materialien wie Pflanzenfasern. Diese untypische Nutzung des Kauapparates führte zu Abnutzungserscheinungen der Zähne wie abgeschliffenen Kauflächen, Einkerbungen oder polierten Oberflächen.

Sie sind an vielen auf dem Gräberfeld Kudachurt bestatteten Individuen nachweisbar, unabhängig von ihrer aus Grabbeigaben rekonstruierten sozialen Stellung. Auch die Zähne des Mannes weisen diese Abnutzungen auf. »Das zeigt, dass er in diese Arbeitsprozesse integriert war«, schlussfolgert die Anthropologin.

Was sagen nun all diese physischen Befunde über die Person und die Gesellschaft, in der sie gelebt hat? Fuchs führt aus: »Sie sagen etwas darüber, wie wertvoll diese Person für die Gesellschaft war. Denn die Frakturen, die er überlebt hat, erforderten mit Sicherheit einen hohen Pflegeaufwand. Er konnte seine Verletzungen wahrscheinlich nur deshalb überleben, weil seine Mitmenschen sich um ihn gekümmert haben. Es gibt uns eine Idee davon, wie die Menschen im Nordkaukasus vor 4.000 Jahren miteinander umgegangen sind. Mit jemandem, der fast sein Leben lang körperlich eingeschränkt war.«

Was zunächst nur ein Haufen Knochen war, hat mit der physischen Anthropologie die Geschichte eines gelebten Lebens preisgegeben und darüber hinaus viel über eine Gesellschaft und ihre Werte verraten.

Autorin: Angelika Hoffmann

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