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Meerwert für alle

Das neue Center for Ocean and Society an der Uni Kiel möchte Grundlagen für den nachhaltigen Umgang mit Meeren und Küsten schaffen. Dabei steht der Dialog mit Interessen- und Nutzungsgruppen im Vordergrund.

Fischkutter im Hafen
© pur.pur

Beim Schutz von Meer und Küsten müssen alle Interessen- und Nutzungsgruppen berücksichtigt werden: Fischerei, Tourismus, Handel, Wirtschaft und Energieerzeugung.

Welche Küstenabschnitte müssen vor Erosionen geschützt, welche dürfen der Natur überlassen werden? Wie stark darf die Ostsee befischt werden, so dass sich einerseits die Fischerei noch lohnt und andererseits der Fischbestand langfristig erhalten bleibt? Bei Fragen wie diesen sind Konflikte vorprogrammiert, da verschiedene Interessen aufeinandertreffen. Wenn es darum geht, Lösungen für einen nachhaltigen Umgang mit der Meeresumwelt zu entwickeln, kann die Wissenschaft nicht allein Ziele definieren und Vorgaben machen. Auch die Betroffenen müssen miteinbezogen werden, Menschen aus der Praxis, in Behörden, Industrie und Verbänden, und ihr Wissen über lokale Gegebenheiten und Zusammenhänge. Denn nicht alles, was aus ökologischer Sicht wünschenswert ist, lässt sich umsetzen. Oft sind es wirtschaftliche oder soziale Gründe, Interessenkonflikte, aber auch Unwissenheit oder fehlende Kontrollen, die ein konsequentes Handeln zum Schutz von Meer und Küsten verhindern. Nachhaltige Lösungen zu finden, die wissenschaftlich gestützt, ökonomisch praktikabel, gesellschaftlich akzeptiert und politisch umsetzbar sind, dafür steht das neu gegründete Center for Ocean and Society. Die fakultätsübergreifende Plattform des Forschungsschwerpunktes Kiel Marine Science (KMS) konzipiert und realisiert Projekte im Dialog mit verschiedenen Interessen- und Nutzungsgruppen. Die Forschungen konzentrieren sich dabei zunächst auf drei Themenkomplexe: Küstenrisiken, Nahrung aus dem Meer und Management von Küsten- und Meeresressourcen.

»Unser Ansatz ist transdisziplinär. Wir beteiligen nicht nur verschiedene wissenschaftliche Disziplinen, sondern auch Stakeholder, die betroffen sind«, erklärt Professorin Marie-Catherine Riekhof, die Direktorin des Center for Ocean and Society. »Bei uns stehen Forschungsfragen an der Schnittstelle von gesellschaftlichen Herausforderungen und dem aktuellen Stand der Wissenschaft zur Meeresumwelt im Vordergrund. Die Aktivitäten werden gemeinsam entwickelt«, ergänzt KMS-Direktor Professor Ralph Schneider, der am Institut für Geowissenschaften die Arbeitsgruppe Marine Klimaforschung leitet. »Zum Beispiel sind wir beim Thema Küstenerosionen im Dialog mit Behörden sowie Naturschutz-, Wirtschafts- und Tourismusverbänden, um festzustellen, welche Küstenzonen aus wirtschaftlicher oder geowissenschaftlicher Perspektive erhalten bleiben sollten. Man muss bestimmte Gebiete aufgeben, damit man andere erhalten kann.«

Um diese Aushandlungen oder Trade-Offs zu gewährleisten, soll in den Projekten der Dialog mit allen Interessengruppen systematisch aufgebaut werden. Denn wenn man die Interessen der Betroffenen nicht berücksichtigt, wird es Widerstände geben. Schneider: »Wir müssen die Betroffenen von Anfang an dabei haben und sagen, das sind unsere Planungsgrundlagen, das sind unsere wissenschaftlichen Grundlagen, und ihr sagt uns bitte, wo für euch die Schmerzgrenzen liegen.«

Schmerzgrenzen bei der Fischerei sind zum Beispiel die gerade noch vertretbaren unteren Einkommensgrenzen. »Man braucht ein gewisses Einkommen, um als Fischer oder Fischerin leben zu können, aber man braucht gleichzeitig einen gewissen Bestand an Fischen, so dass der Bestand insgesamt überlebt und eine profitable Fischerei auch in fünf oder zehn Jahren noch möglich ist«, so Riekhof. Auch die Überlegungen hinsichtlich Biodiversität und Ökosystemfolgen, oft gesellschaftlich vertreten von Naturschutzverbänden, gilt es miteinzubeziehen. Das klassische Fischereimanagement nimmt jeweils nur eine bestimmte Art in den Fokus. Wichtig wäre aber, mehrere Spezies und ihre Wechselwirkungen zu betrachten und ein Ökosystemkonzept zu entwickeln, das auch die menschlichen Beteiligten umfasst. »Für all das versuchen wir Untergrenzen zu definieren, um einen Lösungsraum zu definieren und so mögliche Lösungsoptionen zu entwickeln«, erklärt Riekhof. »Die Idee bei einem solchen transdisziplinären Forschungsprozess ist, dass man am Ende nicht nur neue wissenschaftliche Erkenntnisse generiert, sondern auch Handlungswissen für die Betroffenen vor Ort inklusive der Politik. Wenn dieses gemeinsam erarbeitet wurde, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es auch umgesetzt wird.«

Autorin: Kerstin Nees

www.oceanandsociety.de

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