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Die Tücken der Selbsteinschätzung

Wie ein Mensch sein eigenes Leistungsvermögen beurteilt, kann von entscheidender Bedeutung für das eigene Leben sein. Ein Forschungsvorhaben an der Uni Kiel soll dieses Thema nun unter einem bisher wenig untersuchten Aspekt beleuchten.

Zeugnis mit Noten
© pur.pur

Auf die Zeugnisnote schauen und wissen, was Sache ist: So einfach könnte im Prinzip Selbsteinschätzung funktionieren. Der Alltag in den Schulen lehrt aber etwas anderes, denn die Note allein gibt vielen jungen Leuten noch nicht das richtige Gefühl dafür, was sie können und wie sie unterwegs sind.

Der Psychologe Herbert Marsh entwickelte vor mehr als 30 Jahren eine bis heute prägende Theorie über die Maßstäbe, nach denen Schülerinnen und Schüler ihre Kompetenzen einschätzen. Sein sogenanntes I/E-Modell (Internal/External Frame of Reference Model) besagt, dass sie sich dabei sowohl mit den Leistungen anderer (external) als auch mit den eigenen Leistungen in anderen Fächern (internal) vergleichen. Emma orientiert sich also zum Beispiel daran, dass sie in Deutsch schwächer als Lars ist, aber zugleich in diesem Fach eine bessere Note als in Mathe hat.

Dieses klassische I/E-Modell hat Dr. Fabian Wolff vom Institut für Pädagogisch-Psychologische Lehr- und Lernforschung (IPL) der Uni Kiel innerhalb eines von der Deutschen Forschungsgesellschaft geförderten Projekts nun zum 2I/E-Modell weiterentwickelt. Es berücksichtigt nicht nur den von Marsh in den Fokus gerückten internalen Vergleichsprozess, der sich auf eigene Leistungen in anderen Fächern bezieht. Als zweiter internaler Vergleich kommt der temporale dazu, also die zeitliche Entwicklung der eigenen Leistung in ein und demselben Fach.

Fabian Wolff
© Geist

Fabian Wolff untersucht, wie Menschen ihre eigenen Fähigkeiten einstufen.

Hauptziel des Projekts ist es, näher zu untersuchen, welchen Einfluss solche auf die Zeit bezogenen Vergleiche auf die Entwicklung von Selbstkonzepten haben. Außerdem geht es um das Zusammenspiel mit den beiden anderen Vergleichen. Fühlt sich zum Beispiel jemand mit verbesserten Mathe-Noten deswegen plötzlich geradezu als Mathe-Ass? Oder bleibt dieser Effekt aus, weil man Eigenschaften wie Begabung oder Intelligenz von vornherein für wenig beeinflussbar hält? Ebenfalls untersucht werden soll laut Wolff, welchen Einfluss es hat, wenn Lehrkräfte Leistungsveränderungen im Unterricht hervorheben: »Führt ein Lob für die positive Entwicklung in Physik zu einem verstärkten Engagement in diesem Fach?«

Außer Frage steht für ihn jedenfalls, dass die Kriterien der Selbsteinschätzung enorm wichtig sein können. »Wer in Mathe eine Zwei hat und in Deutsch eine Eins, hält die Unterschiede oft für größer, als sie in Wirklichkeit sind«, betont der Kieler Wissenschaftler. Konkret glaubt die betreffende Person demnach, sie sei in Mathe eher mittelmäßig, in Deutsch aber richtig gut, obwohl das Leistungsniveau tatsächlich in beiden Fächern hoch ist. »Das kann natürlich zu ganz unterschiedlichen beruflichen Laufbahnen führen«, beschreibt Wolff die mitunter durchaus gravierenden Folgen derart konstruierter Selbstkonzepte.

Wie es sich verhält, wenn Selbstkonzepte mit Bezug auf die zeitliche Ebene entwickelt werden, will das IPL in seinem neuen Projekt an neunten und zehnten Klassen in mehr als 40 Schulen herausfinden. Die Jugendlichen sollen dort alle sechs Monate nach ihren Noten und auch nach der eigenen Einschätzung in den Fächern Mathe, Deutsch, Englisch und Physik gefragt werden. »Eine wichtige Frage ist, unter welchen Bedingungen verbesserte Noten zu einem positiveren Selbstkonzept führen«, erläutert Fabian Wolff. So möchte der von der Doktorandin Alexandra Petrak unterstützte Wissenschaftler unter anderem untersuchen, welche Zeiträume Schülerinnen und Schüler berücksichtigen, wenn sie ihre Noten auf der temporalen Ebene vergleichen. Vorgesehen ist außerdem, die Lehrkräfte und Eltern zu fragen, wie sie die Fähigkeiten ihrer Schülerinnen und Schüler beziehungsweise ihrer Kinder einschätzen. Anschließend soll untersucht werden, inwiefern diese Einschätzungen die jungen Leute bei der Ausbildung ihrer Selbstkonzepte beeinflussen.

Autor: Martin Geist

Schulen, die sich an dem Forschungsprojekt beteiligen möchten, können noch kurzfristig (bis zum Beginn des Schuljahrs 2021/22) aufgenommen werden. Willkommen sind alle Schularten. Als Bonus winken den teilnehmenden Bildungseinrichtungen unter anderem individuelle Rückmeldungen und wertvolle Erkenntnisse zur Lernmotivation im Unterrichtsalltag.

Informationen und Kontakt:
Dr. Fabian Wolff
0431-880-1254
fwolff@ipl.uni-kiel.de

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