unizeit Schriftzug

Wachstum am Ende?

Um 5,5 Prozent wird die von Corona gebeutelte deutsche Wirtschaft nach der Schätzung des Instituts für Weltwirtschaft in diesem Jahr wahrscheinlich schrumpfen. Damit läge das Bruttoinlandsprodukt ungefähr bei den Werten von 2015 oder 2016. Was ist daran eigentlich so schlimm?

Corona-Modelle auf Münztürmen
© nopparit

»Auf den ersten Blick wenig, wir haben vor ein paar Jahren schließlich auch nicht auf den Bäumen gelebt«, räumt Dr. Stefan Kooths ein. Der Leiter des Prognosezentrums im Institut für Weltwirtschaft (IfW) kann durchaus nachvollziehen, wie befremdlich dem einen oder der anderen die Abhängigkeit unserer Gesellschaft vom Wachstum erscheint.

Wachsen oder vergehen, das scheint hier die Frage. Zumindest theoretisch stellt sie sich allerdings nicht in dieser Schärfe. »Wenn die ganze Wirtschaft gleichmäßig um ein paar Prozent schrumpfen würde, wäre das weniger krass«, sagt Stefan Kooths, der in der Realität jedoch gerade die Ungleichmäßigkeit als Problem betrachtet. Während einige Branchen dramatisch einbrachen, kamen andere vergleichsweise glimpflich durch die Krise. Und genau das könnte zu Rückschlägen führen, die weit über die Dauer der eigentlichen Corona-Pandemie hinausgehen. »Reisebüros, Eventagenturen oder gastronomische Betriebe sind dann einfach nicht mehr da«, beschreibt der Konjunkturchef des IfW das Dilemma. Dass es auf der anderen Seite bei der Post oder Online-Diensten etwas besser läuft, rette die Situation auch nicht wirklich.

In der Summe kriselt es jedenfalls in gewaltigen Dimensionen, befindet das Kieler Institut. Der coronabedingte Ausfall an Wirtschaftsleistung in den Jahren 2020 und 2021 dürfte sich zusammen auf deutlich mehr als 300 Milliarden Euro summieren. 110 Milliarden Euro Kaufkraft werden zudem dieses Jahr wahrscheinlich zurückgehalten, nur weil die Menschen wegen des Lockdowns keine Gelegenheit hatten oder haben, dieses durchaus vorhandene Geld auszugeben. Und damit nicht genug. Fast die Hälfte der Summen, um die das Bruttoinlandsprodukt schrumpft, wären laut Kooths Steuern oder andere öffentliche Abgaben gewesen, sodass die Verschuldung von Bund, Ländern und Gemeinden entsprechend hochschnellt und die Reserven der Sozialversicherungen dahinschmelzen.

Stefan Kooths
© Geist

Stefan Kooths ist Leiter des Prognosezentrums am Institut für Weltwirtschaft.

Aber könnte es mit der Wirtschaft in Deutschland und anderswo nicht vielleicht auch ganz anders laufen? Stefan Kooths hat da so seine Zweifel: »Der Mensch ist nun mal ein strebendes Wesen. Er freut sich über Erreichtes, diese Freude hält aber nicht lange an.« Das mag sich erstmal ein bisschen küchenpsychologisch anhören, doch die Wissenschaft von der Ökonomie weiß die Geschichte auf ihrer Seite. Egal ob Fernreisen, Lebensmittel aus aller Welt, kulturelle Genüsse oder Konsumgüter, die wie das Smartphone vor wenigen Jahre noch gar nicht vorhanden waren und inzwischen als Grundbedürfnis gelten: In Europa und vielen anderen Regionen lebt die Masse der Menschen heute wie einst die oberen Zehntausend. Mehr noch. Stefan Kooths macht manchmal ein kleines Experiment und fragt seine Studierenden, ob sie ihren Lebensstandard mit dem der Rockefellers vor 100 Jahren tauschen würden.

»Die allermeisten sagen nein«, berichtet der Wissenschaftler und führt das auf die vielen heute alltäglichen Annehmlichkeiten zurück, die trotz einer Zeitreise in sagenhaften Reichtum fehlen würden. Kein Internet, nicht mal eben in sechs Stunden über den Atlantik, medizinische Versorgung auf dem Stand von 1900? Dann doch lieber »arm« bleiben.

Abgesehen von psychologischen Faktoren scheint zudem der Wirtschaft als solcher eine Art Immer-mehr-Spirale innezuwohnen. Aber es ist kein immer Mehr vom immer Gleichen, sondern ein qualitatives Wachstum, das sich in neuen Gütern äußert. »Wachstum erzeugt Wachstum«, formuliert es Kooths und nennt als Beispiel ein Medikament gegen Demenz: »Hätte das jemand vor 150 Jahren erfunden, wäre es ein Flop geworden. Heute würde es ein sehr, sehr großer Erfolg.« Gestiegene wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, so die Geschichte hinter der Geschichte, hat in der Zwischenzeit enorme Fortschritte bei den Wohnverhältnissen, im hygienischen Bereich und genauso im Medizinwesen gebracht. Nur so konnten die Menschen mithin alt genug werden, um überhaupt ein Demenz-Problem und das Bedürfnis nach einem Medikament dagegen zu bekommen.

Auch das scheint ein Grund dafür zu sein, dass aus der einst von Karl Marx geäußerten Prophezeiung von der nahenden Erfüllung aller materiellen Bedürfnisse bis heute nichts geworden ist. Dennoch legen die womöglich häufiger auftretenden Mega-Krisen, wie sie zuletzt durch einen Finanzcrash und nur gut zehn Jahre später durch Corona ausgelöst wurden, die Frage nahe, wie eine Wirtschaft mit diesen Schocks so umgehen kann, dass nicht gleich das ganze System vor dem Kollaps steht. »Dazu müssen wir die Instrumente nicht neu erfinden«, glaubt Stefan Kooths und hält ein Plädoyer für dezentrale Einheiten. Was er damit meint, sind an der gesellschaftlichen Basis keimende Ideen und Initiativen, die spontan aus dem Boden schießen und im Kleinen Lösungen für das größere Ganze aufzeigen. So wie das föderalistische System der Bundesrepublik mit Corona ganz gut zurechtgekommen ist, weil die agierenden Ebenen voneinander lernen konnten, so funktionieren Wirtschaft und Politik nach Überzeugung von Kooths grundsätzlich besser, wenn es dezentral läuft: »Wir sollten Pioniere in "small is beautiful" werden – Zentralisierung macht Systeme anfällig für Fehlentscheidungen und falsche Anreize.«

Autor: Martin Geist

unizeit-Suche:

In den unizeit-Ausgaben 27-96 suchen