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2.000 Jahre Raubbau an Natur und Umwelt in Deutschland

Professor Hans-Rudolf Bork hat sich auf Spurensuche durch 2.000 Jahre deutsche Umweltgeschichte begeben. Herausgekommen ist ein Werk, das erstmalig und umfassend den Menschen und seine Auswirkung auf die Natur im Laufe der Zeit beschreibt.

Alte Zeichnung mit Rüben in Menschengestalt
Aus dem Buch »Umwelt­geschichte Deutschlands«

Im frühen 20. Jahrhundert wurde zum ersten Mal synthetisches Ammoniak produziert. Das sorgte in der Landwirtschaft für Ertragssteigerungen, auf die diese Werbepostkarte hinwies. Doch die Produktion hatte aufgrund des großen Energieverbrauchs und der Freisetzung von großen Mengen Kohlendioxid erhebliche Umweltwirkungen.

418 Seiten im DIN-A4-Format, kleine Schriftgröße, zweispaltig geschrieben und gute 1,3 Kilo schwer: Es ist wahrlich keine leichte Kost, die Hans-Rudolf Bork interessierten Leserinnen und Lesern auftischt. Doch der Umfang ist notwendig. Denn in seinem Werk »Umweltgeschichte Deutschlands« wirft der Professor für Ökosystemforschung der Kieler Universität einen sachlichen Blick auf die Deutschen und die Auswirkungen ihres Handelns auf die Umwelt in den vergangenen 2.000 Jahren.

Bork beginnt chronologisch bei den Römern und ihrem Siedlungsbau, die schon damals Ackerbau auf Kosten artenreicher Ökosysteme betrieben haben. Er schlägt den Bogen über die frühe Neuzeit, die Industrialisierung mit ihren rauchenden Schornsteinen, den Kohlebergbau und die industrielle Landwirtschaft bis hin zur explosionsartigen Ausweitung von Konsum und Rohstoffverbrauch seit Mitte des 20. Jahrhunderts – bedingt auch durch den Wiederaufbau nach den Weltkriegen und in der Wirtschaftswunderzeit. Auch die Umweltprobleme im wiedervereinigten Deutschland kommen zur Sprache, ebenso wie der Dieselskandal und die heutige Fridays-for-Future-Bewegung.

Zu lesen ist das Werk auch nach fachlichen Kategorien wie Klima, Biodiversität, Landwirtschaft, Industrie, Verkehr, Energie, Umweltwirkungen von Macht und Krieg oder Umweltpolitik und Umweltschutz. Immer im Fokus steht dabei die Frage, wie der Mensch mit seinem Handeln die natürliche Umwelt beeinflusst. Gleichzeitig beleuchtet Bork auch die Wirkungen der Umwelt auf die in Deutschland lebenden Menschen.

Am 18. Oktober 1758 beginnt die industrielle Eisenproduktion im Ruhrgebiet und die Schornsteine glühten, wie die Postkarte der Hochöfen der Hütte Phönix in Duisburg-Ruhrort zeigte. Beim Verbrennen der Steinkohle gelangten Feinstaub, Flugasche, Schwermetalle wie Quecksilber in die Atmosphäre – die Wirkung der Schwerindustrie auf die Gesundheit der Menschen und ihre Umwelt waren gravierend.

 
Sieben Jahre haben seine Recherchen und das Verfassen der Texte gedauert. »Die Umweltgeschichte Deutschlands zu schreiben war eine Herzensangelegenheit von mir«, erklärt der Wissenschaftler, der über einen breiten fachlichen Hintergrund verfügt: Bork ist Diplom-Geograph, Geoökologe, Bodenkundler und Geoarchäologe. »Schon in der Jugend und als Student fand ich es faszinierend, dass man in der Landschaft lesen kann wie in einem Buch. Alles hängt miteinander zusammen«, erklärt der Kieler, der 1979 bei einer geographischen Ausgrabung in den Bodenschichten Hinweise auf die Magdalenenflut fand, eine – durch Waldrodung ermöglichte – Jahrtausendüberschwemmung im Spätmittelalter (1342).

Ausschlaggebend für sein jüngstes Werk war jedoch die gemeinsam mit Verena Winiwarter verfasste »Geschichte unserer Umwelt«, die 2015 als Wissenschaftsbuch und als Umweltbuch des Jahres ausgezeichnet wurde. »Hier lag der Fokus auf weltweiten Ereignissen und Themen«, so Bork. Die Auswahl der Geschichten sei ihnen damals nicht leicht gefallen. Es gab allein für die Bundesrepublik so viel Berichtenswertes, dass in ihm die Idee reifte, die Umweltgeschichte Deutschlands zu schreiben. Gesagt, getan.

Doch die Recherche durch 2.000 Jahre deutsche Geschichte führte zur Entdeckung so zahlreicher umweltrelevanter Ereignisse, dass Bork auch hier eine subjektive Auswahl treffen musste: 260 lokale oder regionale Umweltereignisse bilden – in aller Kürze, dafür mit Hinweisen auf vertiefende Literatur – den Kern des Buches. »Das sind für mich die wichtigsten, interessantesten und spannendsten Umweltereignisse auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik«, so Bork. Beispiel: der Cholera-Ausbruch im August 1892 in Hamburg durch verunreinigtes Wasser und der Kampf von Robert Koch, der am Ende durch Schließung aller Schulen und öffentlichen Bäder, das Verbot sämtlicher Tanzveranstaltungen in Gaststätten, die Desinfektion befallener Gebäude, den Aushang von Plakaten mit Verhaltensregeln für die Bürgerinnen und Bürger, beispielsweise das Abkochen von Wasser, eine größere Katastrophe verhinderte. Aber auch dem ersten Auftreten des Usambaraveilchens in Deutschland (1893, durch die Sammelleidenschaft von Kolonialbeamten), der Einrichtung unantastbarer Staatsparks (1898) und dem Abschuss des letzten Wolfs in Deutschland (1904) gibt Bork in seinem Werk Raum.

Alte Zahnpastawerbung

Strahlend weiße Zähne garantierte die Auergesellschaft auf ihrem Werbeprospekt für die radioaktive Zahnpasta »Doramed«. Die Werbung stammt aus den 1930er-Jahren.

Bekannte Ereignisse und Themen der vergangenen Jahrzehnte wie der saure Regen, das Waldsterben in den 1980er Jahren oder Tschernobyl kommen in seinem Buch selbstverständlich ebenso vor wie für viele eher unbekannte und erschreckende Tatsachen: die Verwendung von Radium in Lebensmitteln (»radiumhaltige Schokolade wirkt verjüngend«), Kosmetika (»für strahlend weiße Zähne«) und Zigaretten, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erfolgreich verkauft wurden. »Und das, obwohl unter anderem Marie und Pierre Curie bei Selbstversuchen Hautrötungen, Entzündungen und Verbrennungen erlitten und diese Beobachtungen bekannt machten.« Erst die Atombombe auf Hiroshima veränderte die Wahrnehmung der Menschen – und das Radium verschwand aus den Artikeln.

Dafür landete in den Zeiten danach Asbest in Wänden – und in Babypuder. Babyschnullern und Co wurden gesundheitsschädigende Weichmacher zugesetzt und kleinste Plastikpartikel sind nicht nur in Kosmetika, sondern auch in Lebensmitteln nachgewiesen worden, erzählt der Wissenschaftler, der in seinem Buch die Rolle als unabhängiger Beobachter einnimmt. Sein Fazit fällt am Ende des Buches dennoch deutlich aus: »Wir müssen weiter intensiv an dem Weg in eine nachhaltige Gesellschaft arbeiten. Nachhaltigkeit darf keine Utopie bleiben. Das sind wir uns und der Umwelt schuldig.«

Autorin: Jennifer Ruske

Zum Weiterlesen: Hans-Rudolf Bork: Umweltgeschichte Deutschlands. Springer Verlag, September 2020

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