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Neue Sichtweisen auf alte Schriften

Das Alte Testament berichtet geschichtenreich von den Anfängen des Volkes Israel. Viele Erzählungen gibt es aber in gleich mehreren Varianten. Was dahintersteckt und welche Erkenntnisse sich daraus für die Entstehungszeit ablesen lassen, untersucht der Bibelwissenschaftler Christoph Berner.

Fragmente einer Handschrift
© Israel Antiquities Authority

Ein Fragment der Handschrift 4QpaleoGen-Exodl (1. Jh. v. Chr.), einer von gut einem Dutzend Schriftrollen aus Qumran, die Teile des Exodusbuches bezeugen. Im konkreten Fall handelt es sich um die ersten Verse des ersten Kapitels.

Die Verzweiflung ist groß: Von hinten kommen die Verfolger immer näher und vorne versperrt das Meer den einzigen Fluchtweg. Doch dann geschieht ein Wunder, Mose hebt seinen Stab und das Wasser teilt sich. So schafft es der von Gott beauftragte Prophet, das Volk der Israeliten aus der ägyptischen Sklaverei in die Freiheit zu bringen. Die Verfolger sterben in den Fluten. Es ist ein eindrucksvolles Bild, das das Alte Testament im 2. Buch Mose – dem Buch vom Auszug aus Ägypten (Exodus) – schildert.

Doch war es wirklich Mose, der das Wunder vollbrachte? In dieser Hinsicht lässt der Text Fragen offen. Denn im selben Kapitel steht auch geschrieben, dass es Gott selbst war, der den Wind gelenkt und das Wasser weggedrückt hat, damit sich die Israeliten in Sicherheit bringen konnten. »Das ist längst nicht die einzige Stelle, an der man im Pentateuch (den fünf Büchern Mose) verschiedene Versionen der gleichen Geschichte findet«, sagt Dr. Christoph Berner, Professor für Theologie- und Literaturgeschichte des Alten Testaments und Biblisch-Orientalische Sprachen an der Kieler Universität. »Manchmal sind die Unterschiede sehr deutlich, manchmal sind es nur Nuancen, aber sie ziehen sich quer durch alle Bücher des Alten Testaments.«

Worin genau die Unterschiede bestehen und was diese Varianten über die Entstehungsbedingungen der Texte und die Weltanschauung der damaligen Schreiber(schulen) verraten, das analysiert eine international vernetzte Szene von Fachleuten. Berner selbst, der sich 2010 über die Exoduserzählung habilitiert hat, forscht gegenwärtig schwerpunktmäßig zum 2. Buch Mose. »In Arbeit ist ein zweibändiger Kommentar, der ein gänzlich neues Entstehungsmodell des Buches entfaltet.«

»Es ist gute 60 Jahre her, dass der zuvor etablierte Forschungskonsens zur Entstehung des Pentateuch erste Risse bekam«, sagt der Experte. »Seitdem hat sich die Forschung fundamental verändert. Heute weiß man, dass die meisten Texte des Pentateuch erst in der Zeit zwischen 550 und 200 v. Chr. entstanden sind. Sie sind damit deutlich jünger und literarisch weitaus vielschichtiger, als lange Zeit angenommen wurde«, so Berner. »Während man bis Mitte des 20. Jahrhunderts noch von vier alten Pentateuchquellen ausging, nimmt die aktuelle Forschung an, dass die Texte – ausgehend von einem relativ schmalen Grundbestand – durch eine Vielzahl von Bearbeitungen schrittweise angewachsen sind.« Dieses Bild stützen auch die Untersuchungen der Handschriften, die seit 1947 in den Qumran-Höhlen am Toten Meer gefunden wurden. »Die Bibeltexte sind im Laufe der Zeit von verschiedenen Schreiberschulen verfasst, redigiert und stetig erweitert worden. Wir haben es also mit immer neuen Deutungen des Exodusgeschehens zu tun«, so Berner. »Die Texte geben daher nur wenig Aufschluss über die historische Situation zur Zeit des Auszugs der Israeliten. Sie vermitteln eher Einblicke in die Entstehungsgeschichte des Judentums, das von diesem literarisch vergegenwärtigten Exodus her seine Identität bestimmt sah«, sagt Berner.

Während sich Ideologie und Interessen der Schreiberschulen relativ klar bestimmen lassen, bleibt die Identität der einzelnen Schreiber im Dunkeln. »Das Alte Testament ist Traditions-, nicht Autorenliteratur«, so Berner. Aus moderner Perspektive sei dabei bemerkenswert, dass Texte mit abweichenden Positionen im Zuge ihrer Überarbeitung in der Regel nicht getilgt wurden, sondern erhalten blieben. »Das ist eine Besonderheit dieser Literatur. Man definierte mit einem neuen Text, wie die alten Schriften zu verstehen waren, und übernahm so die Deutungshoheit.«

Für Berner ist es ein Glück, dass die Varianten bestehen blieben, denn für seine literargeschichtliche Analyse untersucht der Fachmann die Texte unter Berücksichtigung aller verfügbaren Handschriften – und das Wort für Wort. »Ich will wissen, wie über Jahrhunderte das Buch entstanden ist, das wir kennen.« Berner notiert, an welchen Stellen in den Texten es Brüche und Widersprüche gibt, wo sich terminologische oder darstellerische Akzentverschiebungen zeigen, und rekonstruiert auf dieser Grundlage zunächst die zusammengehörigen Textschichten und schließlich ihre Abfolge. »Alles in allem ist das eine sehr kleinteilige und immens herausfordernde Arbeit bei einem Buch mit 40 Kapiteln«, sagt Berner. »Aber eine, so finde ich, die sich lohnt. Denn nur mit dem Blick auf jedes Detail können wir eine neue Sichtweise auf ein altes Buch eröffnen.«

Autorin: Jennifer Ruske

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