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Judenhass mit Tradition

Antisemitismus wird heutzutage vielfach als eine Erfindung der Nazi-Zeit betrachtet. Tatsächlich reicht die pauschale Feindschaft gegen Jüdinnen und Juden weit zurück. Der Historiker Manfred Hanisch weckt mit Vorlesungen und Vorträgen zu diesem Thema regelmäßig großes Interesse.

Bamberger Dom, Portal
© pur.pur

Die Synagoge am Portal des Bamberger Doms (rechts) ist eine Frauengestalt, die allegorisch das Judentum darstellt. Ihre verbundenen Augen sollen symbolisieren, dass sie blind für die höhere Wahrheit, den christlichen Glauben ist. Dieser ist links in der Gestalt einer Maria triumphans dargestellt.

200 bis 250 Interessierte finden sich meist ein, wenn der Professor in den realen oder virtuellen Hörsaal bittet und sich des Themas »Antisemitismus vor 1933« annimmt. Viele Interessierte sind schon älter und kommen innerhalb des Kontaktstudiums an die CAU, mit dabei sind aber auch etliche jüngere Studierende. Was die einen wie die anderen betrifft, findet es Hanisch immer wieder auffallend, dass die weit zurückreichende Geschichte des Antisemitismus offenbar nur mäßig im allgemeinen Bewusstsein verankert ist.

An Belegen für diese unrühmliche Tradition mangelt es dabei nicht. Extrem abwertende Bilder und Skulpturen finden sich besonders seit dem 14. und 15. Jahrhundert in zahlreichen deutschen und europäischen Kirchen. Das ist unter anderem in Wittenberg der Fall, von wo aus Martin Luther die Reformation auf den Weg, aber auch so manche judenfeindliche Äußerung in Umlauf gebracht hat. »Schlimme Dinge« gab Luther nach Hanischs Worten nicht zuletzt in seiner 1543 veröffentlichten Schrift »Von den Juden und ihren Lügen« von sich. In einer anderen Schrift stellt er ausdrücklich einen Zusammenhang zwischen Angehörigen dieser Religion und Schweinen her. Die evangelische Kirche tut sich bis heute entsprechend schwer mit diesen Äußerungen, die gern relativierend dem damaligen Zeitgeist zugeordnet werden. »Das kann man nicht gelten lassen«, betont der Kieler Historiker: »Niemand war in dieser Zeit gezwungen, solche judenfeindlichen Sprüche von sich zu geben.«

Solche Verleumdungen gab es indes schon Generationen vor Luther. Mit den Kreuzzügen, die im späten 11. Jahrhundert begannen, entfaltete sich ein Klima der Intoleranz. Sowohl Muslime als auch Juden wurde als Feinde angesehen. »Es ging gegen alles, was nicht christlich ist«, erläutert der Historiker. Und die Anfeindungen beschränkten sich keineswegs nur auf Worte. Das gesamte Mittelalter über kam es immer wieder zu Pogromen, also gewaltsamen Übergriffen gegen Juden.

Begründet wurde das bis um das Jahr 1800 herum überwiegend religiös. Wer vom Juden- zum Christentum übertrat und sich taufen ließ, galt sogleich als vollwertiges Mitglied der christlichen Gemeinschaft. In der Folgezeit und besonders mit dem im 19. Jahrhundert aufkommenden Nationalismus änderte sich das. »Wehe über die Juden, so da festhalten an ihrem Judenthum«, skandierte die studierende Jugend 1817 beim Wartburgfest, während sie Bücher von jüdischen Autoren verbrannte. Jüdischsein wurde nun immer weniger allein auf die Religion, sondern auf die ganze Person und letztlich auf eine künstlich konstruierte »Rasse« bezogen.

»Die Juden sind unser Unglück«, behauptete Ende des 19. Jahrhunderts der Historiker Heinrich Gotthard von Treitschke und pochte darauf, dass daran eine Taufe nichts ändern könne: »Jude bleibt Jude.« Von 1879 bis 1881 entwickelte sich daraufhin der Berliner Antisemitismusstreit, in dem besonders der Althistoriker Theodor Mommsen die Gegenposition vertrat.

Bekannt ist unterdessen, zu welchen grausamen Auswüchsen die Thesen von Treitschke und Co zwischen 1933 und 1945 führten. Was für Hanisch verdeutlicht, dass die Unterscheidung zwischen der Ablehnung des jüdischen Glaubens und der Ablehnung der ohnehin erfundenen »jüdischen Rasse« kaum von Belang ist. »Ohne christlich motivierte Judenfeindschaft der früheren Jahrhunderte kein Antisemitismus«, lautet sein Gedankenschluss.

Wie tief die Judenfeindschaft in der Gesellschaft auch heute noch verankert ist, zeigt die aktuelle Zunahme antisemitischer Gewalttaten in Deutschland. Nach Hanischs Einschätzung gebe es antisemitische Tendenzen bis ins bürgerliche Milieu hinein: »Man sagt es eben nicht laut oder formuliert es so, dass man nicht antisemitisch sei, aber gegen die Politik Israels.« Die Grenzen zum Antisemitismus sind bei solchen weiter rechts ebenso wie weiter links von der Mitte durchaus verbreiteten Sätzen fließend.

Autor: Martin Geist


Die Vorlesung »Antisemitismus vor 1933« von Professor Manfred Hanisch findet vom 21. April bis 7. Juli mittwochs von 16 bis 18 Uhr statt.
Kontakt: Michael Vesper
Telefon: 0431/880-5208
mvesper@uv.uni-kiel.de
www.kontaktstudium.uni-kiel.de

»1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland«

Zum bundesweiten Jubiläumsjahr »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« gibt es auch in Schleswig-Holstein zahlreiche Veranstaltungen. Die Landesregierung hat alle Veranstaltungen zum Thema auf der Webseite zusammengefasst, die unter bit.ly/juedleben-veranstaltungen abrufbar ist. An der CAU sind neben Seminaren und Übungen für Studierende auch öffentlich zugängliche Vorlesungen und Vorträge rund um den Themenschwerpunkt geplant. Die erwähnte Veranstaltung von Professor Manfred Hanisch gehört dazu, wie beispielsweise auch die Ringvorlesung »Prägende Persönlichkeiten des Judentums in Deutschland«, die vom 4. November bis zum 9. Dezember vom Philosophischen Seminar in Kooperation mit der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit und dem Institut für Systematische Theologie angeboten wird. (cb)

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