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Die Archäologie des Sehens

Wie nehmen wir Dinge wahr? Und was bedeutet das für unser Handeln – oder Nichthandeln? Ein neues, internationales Forschungsprojekt mit Kieler Beteiligung geht diesen Fragen mit einem Blick in die Vergangenheit nach.

Steinsetzung »Ales stenar«
© pur.pur

»Ales stenar«, eine der größten erhaltenen Schiffssetzungen in Skandinavien. Eine Schiffssetzung ist eine bootumrissförmige Steinsetzung, die primär im skandinavischen Ostseeraum vorkommt und Brand- oder Urnengräber markiert.

Es sind wahrlich imposante Zeitzeugen: Im Norden Deutschlands finden sich Großsteingräber. Bis zu 65 Meter Länge können diese circa 5.500 Jahre alten Monumente erreichen. Ebenso eindrucksvoll präsentieren sich Menhire in der Landschaft. Die bis zu drei Meter hohen Steinsäulen stammen aus der späten Jungsteinzeit und der Bronzezeit. Diese Gräber spielen in dem international und interdisziplinär aufgestellten Forschungsprojekt Materieller Geist – Material Minds neben gotischen Kirchen- oder hinduistischen Tempelbauten eine entscheidende Rolle. »In solchen Monumenten können die Grundprinzipien auch für die heutige, visuelle Wahrnehmung von Gegenständen und Architektur erforscht werden«, erklärt der Archäologe Professor Johannes Müller. Gemeinsam mit Teams aus Spanien und Großbritannien ist der Kieler Wissenschaftler an dem innovativen und interdisziplinären Forschungsprojekt XSCAPE: Material Minds: Exploring the Interactions between Predictive Brains, Cultural Artifacts, and Embodied Visual Search« beteiligt. Das Projekt mit insgesamt zehn Millionen Euro vom Europäischen Forschungsrat (ERC) mit dem ERC Synergy Grant gefördert, der zu den prestigeträchtigsten Fördermitteln in der Wissenschaft zählt.

»In der Jungsteinzeit – also von 5500 bis 2200 vor Christus – war die Bauweise von Gräbern oder den bekannten Langhäusern horizontal orientiert. Das hat zu einer bestimmten Sichtweise geführt«, erklärt Archäologe Müller vom Kieler Institut für Ur- und Frühgeschichte den Forschungsansatz. In der europäischen Bronzezeit (2.200 bis 800 v. Chr.) änderte sich die Blickbewegung als Reflex auf veränderte Gesellschaftsformen, Lebensverhältnisse und Bauweisen: Der Blick wird durch Stelen, aber auch ein neues Keramikdesign »vertikalisiert«. »Die gesellschaftsspezifischen Sehweisen waren über Jahrhunderte derart prägend, dass sich die Art des Sehens auf Hirnaktivitäten auswirkte. Die Materialität der Dinge bestimmte das Handeln mit und wurde zur Legitimation von Herrschaft eingesetzt«, so Müller.

Eine Pilotstudie, die dem Forschungsantrag vorausging, hat die Wirkmächtigkeit gesellschaftlich erzeugter Sehgewohnheiten, der »sekundären Visualisierung« belegt. Den Teilnehmenden wurde ein Keramikgefäß aus der Jungsteinzeit gezeigt, das von der Ostsee bis Marokko weit verbreitet war. Mithilfe von sogenannten Eye-Trackern, speziellen Brillen, die die Augenbewegungen erfassen, wurde die Art des Sehens getestet. »Wir haben festgestellt, dass sich die Blickbewegungen nicht von Mensch zu Mensch unterscheiden, sondern je nach Gesellschaftstyp variieren. Unser Sehen und das Wissen, das daraus entsteht, ist abhängig von den Zusammenhängen, in denen wir leben, aber auch von Herrschaftsverhältnissen, die uns bestimmen.« Und auch die Tatsache, dass unsere Kommunikation heutzutage immer weniger über Schrift erfolgt, sondern über Bilder – ein Beispiel sind die perfekt inszenierten Fotos in den sozialen Medien – zeigt, wie wichtig die Forschung und ihre Erkenntnisse für die Gesellschaft heute sind.

Eingebunden in das Projekt sind Teams aus der Archäologie, Neurologie und Philosophie der Universitäten Santiago de Compostela (Spanien), Brighton (Großbritannien) und der CAU. Sie wollen die Verknüpfung zwischen materieller Kultur und menschlichem Handeln von der Altsteinzeit bis ins Mittelalter in unterschiedlichen Gesellschaftsformen untersuchen. »Wir gehen davon aus, dass Materialität, also alltägliche Gegenstände sowie unsere gebaute Umwelt, eine Rolle für unsere Wissensverarbeitung einnimmt, die mit der von Sprache vergleichbar ist«, betont der Kieler Archäologe.

Um das zu untersuchen, soll eine Datenbank erstellt werden, die das Seh- und Wahrnehmungsverhalten in unterschiedlichen gesellschaftlichen und historischen Zusammenhängen abbildet. Dafür wird es ab Sommer weitere Fallstudien zum Beispiel in Nordostindien, Indonesien, Äthiopien und dem Amazonas geben. Während Archäologe Müller die materielle Kultur in ihrer zeitlichen Dimension erforscht, will die neurologische Arbeitsgruppe die Zusammenhänge zwischen Visualisierung und Gehirnentwicklung untersuchen. Der philosophische Part des Projekts hat zum Ziel, aus den Ergebnissen abzuleiten, ob und wie unser Sehen manipuliert wird, was das für unsere heutige Gesellschaft bedeutet und welche Möglichkeiten es gibt, etwas dagegenzusetzen.

Autorin: Jennifer Ruske

Turm der Liebfrauenkathedrale
© Ad Meskens

Turm der Liebfrauenkathedrale in Antwerpen.

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