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Wenig Aussicht auf Versöhnung

Donald Trump ist als Präsident erst einmal Geschichte. Aber wie kam es dazu, dass er überhaupt politische Gegenwart werden konnte? Der Politikwissenschaftler und USA-Kenner Professor Torben Lütjen analysiert die tiefe Spaltung der amerikanischen Gesellschaft und prognostiziert wenig Erfreuliches.

Zwei USA-Flaggen, in gegensätzliche Richtungen wehend
© JordiStock / iStock / Montage pur.pur

»Amerika im Kalten Bürgerkrieg – Wie ein Land seine Mitte verliert«: So heißt das 224 Seiten umfassende Werk des Sozialwissenschaftlers Torben Lütjen, der bis Ende März vertretungsweise die Professur für vergleichende Politikwissenschaft an der Uni Kiel innehatte und zuvor dreieinhalb Jahre als Professor für European Studies and Political Science an der Vanderbilt University lehrte. Auch insofern darf der in der Nähe von Bremerhaven geborene Norddeutsche als USA-Experte gelten, zumal sich sein Arbeitsplatz mitten in Nashville befand. Eher liberal, also demokratisch tickend wie alle anderen Großstädte des Landes, zugleich Hauptstadt des traditionell tiefrepublikanischen Bundesstaats Tennessee – und als Wiege der Country-Musik obendrein Reiseziel für Massen von Traditionsbewussten: Das macht die Stadt, in der etwa eine Million Menschen leben, fast zu so etwas wie Amerika im Mini-Format.

Jedenfalls fehlte es dem Hochschullehrer nicht an Begegnungen mit Angehörigen der verschiedenen Bevölkerungsschichten. Was umso mehr gilt, als er in seiner freien Zeit gern Ausflüge in die ländlich geprägte Umgebung der Hauptstadt unternahm. »Da war ich innerhalb des Lehrkörpers aber eine Ausnahme«, merkt Lütjen an. »Die meisten blieben praktisch durchweg unter ihresgleichen.«

Diese Beobachtung mag ein Teil des amerikanischen Problems sein, aber nicht dessen Ursache. Warum die USA so extrem gespalten sind, warum es nur die eine oder die andere Seite und nichts dazwischen zu geben scheint, dafür macht der Experte im Wesentlichen drei historische Konfliktlinien verantwortlich. Die erste reicht zurück in die Fünfzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts, als Martin Luther King und andere Aktive eine Bewegung gründeten, die laut und mit teils spektakulären Aktionen ein Ende der Diskriminierung der nichtweißen Bevölkerung forderte. Seit Ende der Fünfzigerjahre gab es dann Bundesgesetze, die eine Diskriminierung aus Gründen der »Rasse« verboten. Dessen ungeachtet »gab es im amerikanischen Süden faktisch weiter die Rassentrennung«, erläutert Lütjen. Auf Seiten der republikanischen Partei habe damit aber so gut wie niemand ein Problem gehabt. Und die demokratische Partei übte sich angesichts ihrer konservativen Basis im Süden ebenfalls in Zurückhaltung. »Alle wussten es, niemand tat etwas«, bringt der Politologe das Problem auf den Punkt.

»Als dann letztlich die Protestbewegung Schwarzer Menschen das stille Einvernehmen zum Platzen brachte, wirkte das natürlich polarisierend«, schildert Professor Lütjen die Entwicklung, die er gleichwohl für notwendig hält. So wie in Deutschland vor gut 50 Jahren die studierende Jugend und andere Gruppen darauf drängten, sich endlich der Nazi-Vergangenheit zu stellen, so sei in den USA der Rassismus, aber auch Sklaverei und manch anderes unrühmliche Kapitel der Vergangenheit zum Thema gemacht worden.

Als zweite Konfliktlinie in der US-Gesellschaft nennt der Experte den religiösen Kulturkampf in den 1970er Jahren. Die Säkulären fochten für das Recht auf Abtreibung, die dezidiert Christlichen traten mit heiligem Eifer für das in ihrem Sinn definierte Recht auf Leben ein. Ähnlich erbittert wurde um die Evolutionstheorie, Homosexualität und andere Themen gestritten, sodass es erneut zur Lagerbildung kam.

Die jüngste Auseinandersetzung lässt sich laut Lütjen als Stadt-Land-Konflikt bezeichnen und hat viel mit Globalisierung zu tun. Wer davon profitiert, wohnt in der Stadt, die Abgehängten leben auf dem Land und trauern besseren Zeiten hinterher. Das Fatale an allen drei Prozessen ist nach Lütjens Analyse der Umstand, dass sie bis heute nicht annähernd in so etwas wie Konsens mündeten, sondern im Gegenteil teils mit zunehmender Tendenz die Spaltung untermauern. Das auch deshalb, weil man – egal um welches Lager es sich handelt – im echten Leben unter sich bleibt. Und genauso im virtuellen. Der Experte spricht dabei von einer »paradoxen Individualisierung«. Die Menschen haben mehr Möglichkeiten denn je, sich zu informieren, sich Meinungen zu bilden und diese öffentlich zu machen. Das führt aber nicht zu Toleranz und Bekenntnis zur Vielfalt, sondern zu Abschottung und Verdammung Andersdenkender.

Wie stark die Lebenswelten der Menschen in den USA voneinander getrennt sind, zeigt sich selbst in ganz simplen Bereichen recht drastisch. So wurden laut Lütjen in einer sozialwissenschaftlichen Erhebung Anhängerinnen und Anhänger der Republikaner und der Demokraten nach ihren Lieblings-Fernsehsendungen gefragt. Das Ergebnis: Unter den jeweils vorderen 20 Nennungen gab es keine einzige Überschneidung.

Ob die vom neuen Präsidenten Joe Biden angestrebte Versöhnung gelingen kann, bezweifelt der Experte. »Eine einzelne Person schafft das nicht«, fürchtet er. Auf längere Sicht könnte sich die Lage allenfalls durch ein Abschwellen der grundlegenden Konflikte etwa durch gezielte Programme für die unteren und mittleren Schichten etwas entspannen. Gelingt das nicht und wird womöglich eines Tages eine populistische Person nach oben gespült, die nicht wie Trump überwiegend nach Bauchgefühl agiert, sondern mit kalter Strategie, könnten die USA nach Lütjens Meinung womöglich noch viel tiefer in die Krise schlittern.

Ähnliche Tendenzen der Lagerbildung sieht der Politologe, der seit April an der Uni Greifswald forscht und lehrt, durchaus auch für Deutschland. Allerdings misst er der politischen und gesellschaftlichen Mitte immer noch eine ziemlich starke Position bei. Damit das so bleibt, braucht es aus seiner Sicht aber nicht nur eine Politik, die sich für die von der Globalisierung Bedrängten einsetzt, sondern auch gesellschaftliche Aufmerksamkeit: »Wir sollten darauf achten, dass wir immer auch Berührungspunkte zu Menschen haben, die tatsächlich oder vielleicht auch nur vermeintlich nicht so viel mit unserem Milieu und unseren Anschauungen zu tun haben.«

Autor: Martin Geist

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