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»Im Prinzip verlieren alle«

Schadenfroh schaut das Festland-Europa angesichts sich verdichtender Hinweise auf wirt­schaftliche Probleme hinüber auf die Insel. Doch der Brexit trifft nicht allein die Bevölkerung Groß­britanniens.

Eine britische und eine EU-Flagge
© pur.pur

Stefan Reitz war sechs Jahre im Zentralbereich Volkswirtschaft für die Deutsche Bundesbank tätig, ehe er 2011 einem Ruf der Uni Kiel folgte und Professor für Volkswirtschaftslehre wurde. Es liegt daher nahe, dass er sich neben vielerlei anderen Projekten auch den Folgen des Austritts von Großbritannien aus der Europäischen Union widmet. Sein Fazit klingt dabei wenig erheiternd: »Im Prinzip verlieren alle.«

Schon aus Gründen der allgemeinen Logik führt an dieser Schlussfolgerung nach Überzeugung des Wissenschaftlers kaum ein Weg vorbei. »Der Brexit bedeutet, dass ein funktionierendes System wirtschaftlicher Beziehungen auseinandergerissen wird, und das kann keiner Seite Vorteile bringen«, argumentiert Reitz, der gleichwohl die drängendsten Probleme in Großbritannien sieht.

Stefan Reitz
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Stefan Reitz

Gebangt werden muss auf der Insel nicht zuletzt um die Stellung der Hauptstadt London als internationales Zentrum für Finanz­dienst­leis­tungen. Die dort ansässigen Banken tätigen nach Reitz’ Einschätzung ihre Geschäfte hauptsächlich deshalb so gedeihlich, weil sie dank der britischen EU-Mitgliedschaft automatisch über für die gesamte Union gültige Lizenzen verfügen.

»Schon jetzt zeigt sich aber, dass die Geldhäuser ihren Standort aufs Festland verlegen, wenn diese Lizenzen weg­fallen oder auch nur wegzufallen drohen«, stellt Reitz fest. Die Folge: Städte wie Paris, Frankfurt oder Warschau dürften für den Finanzsektor interessanter werden, London werde nach Überzeugung des sowohl am Institut für Quantitative Betriebs- und Volkswirtschaftliche Forschung (QBER) als auch am Institut für Weltwirtschaft (IfW) tätigen Wissenschaftlers »massiv an Bedeutung verlieren«.

Verstärkt werde dieser Bedeutungsverlust durch das, was die Wirtschaftswissenschaft negative Skalen­effekte nennt. Güter oder Dienstleistungen können umso günstiger auf den Markt gebracht werden, je größer ihre Anzahl ist. Umgekehrt steigen laut Reitz beim Brexit die Kosten für Finanzdienstleistungen, wenn sie in geringerer Anzahl erbracht werden und in der Folge eine erhebliche Menge an Arbeitskräften aus Großbritannien abfließt.

Was bedeutet: Unwirtschaftlicher wird das Geschäft mit den Finanzdienstleistungen nicht nur, weil es an sich schrumpft, sondern auch, weil es an qualifiziertem Personal mangelt. »Reine Spekulation« wäre es nach Meinung von Reitz zwar, die Brexit-Folgen in Euro oder Pfund beziffern zu wollen, was die Folgen für den Arbeitsmarkt betrifft, wagt er sich aber ein Stück weit vor. »Nicht sehr unplausibel« sei der Verlust einer irgendwo im fünfstelligen Bereich angesiedelten Zahl von Jobs, glaubt er.

Um einiges komplexer sieht es bei den Brexit-Folgen für die Realwirtschaft aus. Egal ob es sich um Autos, Haushaltsgeräte oder Maschinen handelt, heutzutage landet ein Produkt oft erst bei der Kundschaft, nachdem zahllose Einzelteile nationale Grenzen passiert haben. Fällt aber der Freihandel weg und werden demzufolge bei jedem Zwischenschritt Zölle fällig, verteuern sich die Produkte für alle Seiten.

»Das ist auch für Unternehmen auf dem Festland ein Problem«, betont Reitz. Oftmals seien diese Firmen durch langfristige Lieferverträge an britische Zulieferbetriebe gebunden und können insofern nicht mal eben auf Partnerbetriebe im zollfreien Euroraum umstellen. Weil Großbritannien außerdem für etliche EU-Länder ein durchaus bedeutender Absatzmarkt ist, verstärken sich die negativen Folgen auf dem Festland.

Dennoch scheint es auch realwirtschaftlich für die Insel bedrohlicher auszusehen. So ist Großbritannien für Autofirmen aus Japan und Korea seit je das Eingangstor zur EU, für viele weitere Branchen aus dieser Region sieht es ähnlich aus. Fällt diese Funktion weg, warnt Reitz, drohen der britischen Wirtschaft empfindliche Einbußen. Entgegenwirken könne Großbritannien alldem nur mit einer langen Reihe von bilateralen Handelsabkommen. Globale Größen wie China haben allerdings am durch den EU-Austritt geschrumpften Großbritannien kein gesteigertes Interesse, schätzt Reitz. Die Verhandlungen dürften deshalb nach seiner Ansicht langwierig und eher zum Vorteil der jeweils anderen Seite verlaufen.

Für die EU und ihr abtrünniges Mitglied empfiehlt der Wissenschaftler einen Weg, der die Verluste auf beiden Seiten so gering wie möglich hält. Was, wie er zugibt, leichter gesagt ist als getan. Zugeständnisse, so seine Befürchtung, können sich beide Seiten schon aus politischen Gründen nur äußerst eingeschränkt leisten.

Autor: Martin Geist

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