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Auf den Spuren von Davos

Das legendäre Streitgespräch zwischen Ernst Cassirer und Martin Heidegger bei den internationalen Davoser Hochschulkursen 1929 ist in die Philosophiegeschichte eingegangen. Ihre philosophische Diskussion ist heute noch aktuell und 90 Jahre später Thema einer eigenen, studentischen Konferenz.

Verschneite, sonnige Gebirgslandschaft
© assalve/iStock

In den verschneiten Bergen von Davos, auf neutralem Schweizer Gebiet, sollten sich Deutschland und Frankreich nach dem Ersten Weltkrieg wieder annähern und das auch wissenschaftlich. Mit diesem Ziel wurden 1928 die internationalen »Davoser Hochschulkurse« ins Leben gerufen. »Die Welt befand sich damals im Umbruch. In Deutschland versuchte man erstmals, demokratische Strukturen zu etablieren. Die Jüngeren hatten das Gefühl, sie müssten sich jetzt kümmern, weil die Wege der Elterngeneration in die Krise geführt hatten«, erklärt Frederike Loch, die Philosophie auf Lehramt studiert und im vergangenen Sommersemester an einem Seminar an der Uni Kiel zu den Diskussionen in Davos teilnahm. Dort fielen ihr und anderen Studierenden Parallelen zu heute auf. »Damals wie heute scheinen die Fehlgänge der Vergangenheit wenig Orientierung für die Zukunft zu bieten. Deshalb brechen die großen Fragen auf, wie danach, was der Mensch eigentlich ist.« Diese Frage war das Thema der Tagung von 1929.

Loch und andere Studierende beschlossen, zum Abschluss des Seminars selbst eine Konferenz zum Thema »Davoser Disputation« zu organisieren. Jetzt hieß es, in wenigen Wochen einen Veranstaltungsort zu finden, Referentinnen und Referenten einzuladen, Unterstützungen wie die studentische Forschungsförderung der CAU zu beantragen, Werbeplakate zu drucken und eigene Vorträge vorzubereiten – zusätzlich zum normalen Studium. Die größte Herausforderung sei die Einladung gewesen. Zu knapp war der Termin für viele, auch wenn sie das Thema spannend fanden. Immerhin ging der Höhepunkt der Hochschulkurse von 1929 als »Davoser Disputation« in die Philosophiegeschichte ein: Das legendäre Aufeinandertreffen der Philosophen Ernst Cassirer und Martin Heidegger.

Ernst Cassirer und Martin Heidegger
© gemeinfrei

Links Ernst Cassirer, rechts Martin Heidegger

Der eine (Cassirer) ein etablierter Philosophie-Professor, der andere (Heidegger) ein 15 Jahre jüngerer »Newcomer«, der mit philosophischen Traditionen brach. Der eine glaubte daran, der Mensch könne durch die Kraft seines Geistes die Endlichkeit, wie den Tod, überwinden. Der andere hielt gerade die Endlichkeit für einen notwendigen Bestandteil des Menschseins. Der eine musste später aufgrund seiner jüdischen Abstammung fliehen. Der andere machte als NSDAP-Mitglied Karriere und wurde Universitätsrektor. »Besonders diese Gegensätze sorgten dafür, dass ihr Treffen zu einem Mythos wurde. In Wahrheit war die Konfrontation gar nicht so spektakulär«, sagt Loch. Man erkannte die Haltung des anderen an, auch wenn man anderer Meinung war. Was den Teilnehmenden von damals vermutlich stattdessen in Erinnerung blieb, war die besondere Atmosphäre der Tagung. Der spätere Arzt Ludwig Englert nahm 1929 als Student teil und berichtete im anschließend erschienenen Tagungsband begeistert von dem ungewohnt engen Austausch zwischen Studierenden und Professoren.

Ähnliche Erfahrungen machten die CAU-Studierenden bei ihrer eigenen Konferenz mit dem Titel »Davoser Disputation 1929«. »Unsere Zusammenarbeit mit den Lehrenden war anders als im akademischen Alltag. Viele organisatorische Fragen haben wir gemeinsam geklärt – das gibt natürlich Selbstvertrauen«, erinnert sich Frederike Loch. Ein Klima, in dem sich jeder traut, Fragen zu stellen und mitzureden, war auch für die fachliche Diskussion ein Ziel des studentischen Organisationsteams. So ging es vom klassischen Hörsaal ins Kieler Literaturhaus, wo auch in Kaffeepausen ungezwungenen diskutiert werden konnte. »Sogar unsere beiden externen Referenten Privatdozent Dr. Thomas Meyer von der Ludwig-Maximilians-Universität München und Dr. Jörn Bohr von der Bergischen Universität Wuppertal haben sich bei uns für die sehr lehrreiche Veranstaltung bedankt«, freut sich die 25-Jährige.

Anders erging es 1929 Heidegger. Er habe zwar einige schöne Skitouren gemacht, schrieb er im Anschluss an die Tagung einem Bekannten, sachlich aber dem Aufenthalt in Davos nicht viel abgewinnen können. Und was nahmen die jungen Leute aus Davos mit, um die Welt zu verändern? »Durch die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise und die Machtergreifung der Nazis 1933 wurden die Davoser Hochschulkurse insgesamt nur vier Mal durchgeführt. Viele Ideen und Pläne, die damit in Zusammenhang standen, verloren sich«, fasst Frederike Loch zusammen. Bleibt zu hoffen, dass hier die Parallelen enden.

Autorin:Julia Siekmann

Quick-and-Tiny-Förderung

Auf Forschungsreise gehen, Studien durchführen, Softwareideen testen oder, wie hier, eine eigene Konferenz organisieren: Die »Quick-and-Tiny«-Förderung hat bisher 24 Studierendenprojekte dabei unterstützt, möglichst unbürokratisch eigene Forschungsthemen zu verfolgen. Der Impuls dazu stammt aus der Exzellenzwerkstatt, bei der alle Unimitglieder Vorschläge machen konnten, um Lehre, Forschung und Arbeiten zu verbessern. Die Werkstatt war Teil des hochschulweiten Beteiligungsverfahrens, um den CAU-Antrag im Rahmen der Exzellenzstrategie zu entwickeln. (jus)

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