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Der Kunst nachspüren

Teilhabe für alle Menschen ermöglichen: Das ist das erklärte Ziel der Kunsthalle zu Kiel. Mit speziellen Online-Führungen können hier sogar blinde und sehbehinderte Menschen Kunstgenuss erleben.

Tastkopie eines Gemäldes
© Kunsthalle zu Kiel, Carolin Romanowski

Tastkopien von Gemälden ermöglichen es blinden und sehbehinderten Menschen, während der Führungen durch die Kunsthalle, die besprochenen Werke besser und gegenständlicher wahrzunehmen. Bei Online-Vorträgen für die Zielgruppe werden die Werke durch detaillierte Beschreibungen erlebbar gemacht.

Rundgänge durch die Räume per PowerPoint-Präsentation, Vorträge über einzelne Werke, Künstler- und Künstlerinnengespräche: Nach der Schließung der Museen aufgrund der Corona-Pandemie hat die Kunsthalle zu Kiel ein umfangreiches digitales Programm aufgebaut, das per Videokonferenz Einblicke in die laufende Ausstellung erlaubt. Seit Juli 2020 können sich Kunstinteressierte aus jeder Ecke des Landes zu den Vorträgen dazuschalten und über die Chat-Funktion oder das Mikrophon sogar Fragen stellen. »Das klappt richtig gut«, erklärt Andrea Fuest, Leitung der Bildung und Vermittlung in der Kunsthalle der Universität Kiel. »Das Positive dabei ist, dass wirklich jede und jeder sich dazuschalten kann, egal, wo er oder sie wohnt – ohne lange Anfahrtswege quer durch das Land«, hat Fuest als Rückmeldung bekommen. Als ebenfalls sehr positiv empfinden die Gäste die oft intim-familiäre Wohnzimmeratmosphäre, die sich bei den Gesprächen mit Kunstschaffenden einstellt, wenn diese am Laptop in ihren heimischen vier Wänden ihre Werke erklären. Ebenfalls vorteilhaft ist, dass man sich spontan und kostenlos anmelden kann und es keine Beschränkung von Gruppengrößen gibt. Kein Wunder also, dass das vielseitige und umfangreiche Programm so gut angenommen wird: Regelmäßig besuchen mehr als 50 Kunstinteressierte die Online-Vorträge mit den Guides der Kunsthalle vom Sofa aus.

»Die digitalen Angebote per Videokonferenz funktionieren jedoch eher für sehende Menschen«, weiß Fuest. Während die Guides über die Werke sprechen, werden diese in Form von Bildern in PowerPoint-Präsentationen gezeigt. »Die große Herausforderung für uns war, unsere Vorträge auch für blinde und sehbehinderte Menschen nutzbar zu machen«, sagt Fuest, der das Thema Inklusion wichtig ist. »In der Kunsthalle sind wir im Januar 2020 mit Führungen durch die Ausstellung für nicht sehende Menschen plus Begleitperson gestartet«, erklärt die Fachfrau für Bildung und Vermittlung. Was dabei wichtig ist, haben die Guides in Gesprächen und einem Workshop mit dem Verein Andersicht – Kompetenz für hör- und tastsinnige Projektarbeit erfahren und in der Kunsthalle umgesetzt. »Das Feedback auf diese Führungen war wirklich gut. Besonders gut kamen unsere Tastobjekte und Tastkopien zu ausgewählten Gemälden an. Mit denen wird das Bild, das durch die Worte der Kunstvermittlerinnen und -vermittler in den Köpfen der Menschen entsteht, verankert und erhält einen gegenständlichen Rahmen«, hat Fuest erfahren. »Auch die Führung durch den Skulpturengarten, bei dem die Werke ebenfalls mit den Händen erkundet werden durften, war gut besucht.« Doch dann kann Corona mit all den Einschränkungen.

Auch für blinde und sehbehinderte Menschen geht es, dank der Förderung vom Diversitätsfond der CAU, seitdem digital weiter: »Wir haben versucht, die Tipps aus dem Workshop in unserem Online-Angebot umzusetzen«, sagt Fuest. Heißt, die Guides reduzieren ihre Vorträge. Sie behandeln statt der gesamten Ausstellung nur einige ausgewählte Bilder oder Stücke und beschreiben diese sehr genau. Angefangen beim Titel, bei der Größe, wo sie im Raum hängen oder stehen, der (Mal-)Technik und dem Material bis natürlich dazu, was auf den Bildern zu sehen ist, beziehungsweise was eine Skulptur darstellt. Erklärungen gibt es auch zu den Kunstschaffenden. »Wir zeigen die Stücke natürlich auch, versuchen aber hauptsächlich durch unsere Worte, die Werke im Kopf der Gäste entstehen zu lassen«, sagt Fuest. »Auf die Tastkopien, mit denen Hände ein Werk lesen können, können wir in der Videokonferenz ja leider nicht zurückgreifen.«

Dafür sind andere Dinge wichtig, wie zum Beispiel, dass es anstelle eines langen Frontalvortrags mehr Gespräche und Diskussionen sowie viel Raum für Fragen gibt. Und das klappt: »Das Feedback ist wirklich sehr gut«, freut sich Fuest über die positive Resonanz aller Gäste – auch der sehenden. Denn natürlich sind auch die Vorträge für blinde und sehbehinderte Menschen inklusiv.

Autorin: Jennifer Ruske

Die Online-Vorträge für blinde und sehbehinderte Menschen mit ausführlicher Werkbeschreibung sind offen für alle Interessierten. Sie finden aktuell einmal im Monat am Sonntag um 11:00 Uhr statt. Nächster Termin: 11. April. Thema ist die Ausstellung »Zauber der Wirklichkeit. Der Maler Albert Aereboe«.

Alle anderen Online-Vorträge der Kunsthalle starten montags um 19:00 Uhr.

Link zur Videokonferenz unter: www.kunsthalle-kiel.de/de/veranstaltungen/kalender

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