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Die Politik hat versagt – wie kann es besser gehen?

Die übermäßige Düngepraxis der Landwirtschaft war ein Thema der 50. unizeit-Ausgabe im Jahr 2008. Bereits damals warnte Professor Friedhelm Taube vor dem daraus resultierenden hohen Nitratgehalt im Grundwasser. Doch was sich seitdem getan hat, war „viel zu langsam und viel zu wenig“.

Luftbild mit Blick auf Traktor, der Gülle ausbringt
© iStock/Bestgreenscreen

Das Ausbringen von Gülle auf den Feldern ist übliche Praxis in der Landwirtschaft. Doch diese Düngepraxis belastet das Grundwasser.

Klare Grenzwerte sehen die EU-Nitrat-Richtlinie und die EU-Wasserrahmenrichtlinie für Schadstoffe in Gewässern vor. Doch die werden immer noch häufig überschritten. Die Konsequenz: 2018 hat die Europäische Union die Bundesregierung aufgrund der zu hohen Nitratbelastung des Grundwassers verklagt. Die Regierung muss nun reagieren. Das könnte für die derzeitige Düngepraxis Folgen haben. 

„Für die Umwelt und damit auch für den Menschen ist das Einhalten der EU-Umweltvorgaben essenziell“, sagt Professor Friedhelm Taube vom Institut für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung. Zu viel Stickstoff in der Umwelt belastet das Grundwasser und die Oberflächengewässer, und darüber hinaus sind über Ammoniak und Feinstaub auch unsere Atemluft und indirekt auch Klima und Biodiversität betroffen. „Es ist niemandem vermittelbar, dass in einem so reichen Land wie Deutschland Regeln der wissenschaftlich fundierten guten fachlichen Praxis der Düngung nicht eingehalten werden, und dies angesichts der Tatsache, dass Stickstoffüberschüsse des Sektors in der Größenordnung von 100 Kilogramm pro Hektar und Jahr zu großen Teilen – nach unseren Daten in der Größenordnung von 75 Prozent – in der Umwelt wirksam werden.“

„Seit mehr als 25 Jahren haben wir diese wissenschaftlichen Erkenntnisse und geben sie weiter an die Politik“, sagt der Professor, der unter anderem im Wissenschaftlichen Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft sitzt und dort die Politik mit Fakten versorgt. Doch getan habe sich bis zur Klage der EU gegen Deutschland und der Androhung von Strafzahlungen wenig. Taube: „Die Regierungen unterschiedlichster Couleur haben, was die Reduzierung von Nitraten im Grundwasser angeht, ganz klar versagt und die Interessenvertretungen des Berufsstandes haben ihren Teil dazu beigetragen.“ Das Nichtstun führte dazu, dass sich das mit hohen Nitratwerten belastete oberflächennahe Grundwasser nun wie eine breite, rote Schneise von Flensburg bis Hamburg quer durch Schleswig-Holstein zieht, erklärt Taube.

Dass es mit der Düngung auch anders geht, haben Länder wie Dänemark mit ähnlich intensiver Tierhaltung bewiesen, so Taube. Seit etwa 15 Jahren sind die Düngerabgaben dort auf staatlichen Druck drastisch reduziert worden. „Das war schmerzhaft für viele Betriebe im nördlichen Nachbarland, aber mit dieser Politik gelang es, erstens die Stickstoffeinträge in die Meere zu halbieren und zweitens nach diesem Erfolg die Restriktionen für die Landwirtschaft wieder zu lockern. Auch in Deutschland könnten wir schon viel weiter sein, möglichst mit nicht so drastischen Maßnahmen wie in Dänemark.“ Der Druck der EU bietet jetzt die Chance, die wahrscheinlich anstehenden Einschränkungen durchzusetzen – das sollte jedoch möglichst so organisiert werden, dass die Betriebe, die sich bisher an Regeln gehalten haben, nicht zusätzlich bestraft werden. 
 

Die Regierungen unterschiedlichster Couleur haben, was die Reduzierung von Nitraten im Grundwasser angeht, ganz klar versagt.

Friedhelm Taube

Auch hier haben Kieler Forscherinnen und Forscher unter anderem gemeinsam mit dem Deutschen Verband für Landschaftspflege entsprechende Vorlagen erarbeitet. Der Wissenschaftliche Beirat des Bundeslandwirtschaftsministeriums hat jüngst ein Gutachten mit Empfehlungen zur Zukunft der EU-Zahlungen für die Landwirtschaft nach 2020 vorgelegt, bei dem das Kieler Modell der Gemeinwohlprämie eine zentrale Rolle spielt. Dieser Ansatz sieht vor, viele messbare Umweltleistungen, die „gute“ Betriebe erbringen, zu erfassen und zu bewerten. In der Konsequenz sollen die EU-Agrarzahlungen nach 2020 nur diejenigen erhalten, die diese messbaren Zusatzleistungen erbringen, also genügend Ökopunkte gesammelt haben. Taube geht davon aus, dass die umfänglichen Herausforderungen an die Landwirtschaft in Deutschland (Klimawandel, Biodiversitätsverlust, Gewässerschutz, Tierwohl) in Verbindung mit einer sensibilisierten Zivilgesellschaft einen Transformationsprozess in Richtung Ökologisierung in Gang setzen werden, dessen Ende heute noch gar nicht absehbar ist.

In den Niederlanden heißt das neue Leitbild seit diesem Jahr Kreislaufwirtschaft. Dort werden gleichermaßen technische Innovationen und eine massive Verkleinerung der Nutztierbestände diskutiert. „Eines ist dabei aber auch klar: Wenn dieser Prozess gelingen soll, dann müssen die ‚guten‘ Betriebe, die sich in diese Transformation einbringen wollen, auch Planungssicherheit in staatliches Handeln haben, sonst werden sie sich darauf kaum einlassen“, betont Taube.

Die Agrar- und Ernährungswissenschaftliche Fakultät in Kiel arbeitet an diesen Zukunftsmodellen für die Landwirtschaft und für die Gesellschaft. Das Projekt der „ökoeffizienten Weidemilcherzeugung“ auf dem Versuchsgut Lindhof an der Eckernförder Bucht, eingebunden in ein EU-Konsortium, ist einer dieser Ansätze. „Dort wird das Modell eines umfassenden Umbaus zu ökologischer Landwirtschaft am Beispiel der Milcherzeugung im Gemischtbetrieb analysiert und alle Leistungen für landwirtschaftliche Betriebe und die Gesellschaft werden ebenso erfasst wie die damit verbundenen Kosten“, sagt Taube. Und auch das Graduiertenkolleg „Dritte Wege zur Ernährung der Einen Welt“, in dem fast 20 Promovierende unter Leitung der Professoren Christian Henning (Agrarpolitik), Konrad Ott (Umweltethik) und Friedhelm Taube solche dritten Wege analysieren, ist Teil dieser Zukunftsforschung. „Wir befinden uns gerade in der Umbruchphase und das ist extrem spannend, gerade auch für die Wissenschaft.“  

Autor: Jennifer Ruske

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