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Raub und Rückerstattung

»Arisierung«. Mit diesem Begriff verschleierten die Nationalsozialisten einen in der jüngeren Geschichte beispiellosen Raubzug. Wie die staatlich verordnete Abschöpfung jüdischen Vermögens vonstatten ging, wurde jetzt am Beispiel Schleswig-Holsteins erstmals für ein deutsches Flächenland untersucht.

Historisches Bild der Kappelner Mühlenstraße um 1910
© Archiv Philipsen

Blick in die Kappelner Mühlenstraße um 1910. Auch das Geschäft ›Alfred Eichwald‹ wurde boykottiert und später sogar verwüstet. Sieben Familienmitglieder wurden von den Nazis ermordet.

»›Jeder Käufer sucht möglichst günstig zu kaufen.‹ – Raub, Rückerstattung und Entschädigung jüdischen Eigentums in Schleswig-Holstein«. So heißt die von Professor Manfred Hanisch mit der Bestnote Opus eximium (herausragendes Werk) bewertete Promotionsarbeit von Sven Hamann, der 2008 sein Geschichtsstudium an der Uni Kiel abschloss, inzwischen als Gymnasiallehrer in Ahrensburg arbeitet und außerdem an der CAU einen Lehrauftrag im Fachbereich Didaktik der Geschichte erfüllt.

Die Doktorarbeit des Historikers zog sich aber nicht nur wegen dieser beruflichen Umstände lange hin, sondern auch wegen der aufwändigen Recherche. Hamann: »Im Gegensatz zu schon gut untersuchten Ballungsräumen wie Hamburg oder Mannheim mit etwas überschaubarerer Quellenlage muss in einem Flächenland in ungleich mehr Einrichtungen recherchiert werden. Da gibt es jede Menge Finanzämter oder regionale Archive, in denen vielleicht etwas zu finden ist, und das kostet natürlich Zeit.«

Der Lohn solcher Mühen ist unter anderem die Erkenntnis, dass Schleswig-Holstein in mancherlei Hinsicht als Sonderfall gelten muss. Während etwa der jüdische Bevölkerungsanteil im Deutschen Reich des Jahres 1933 mit 0,8 Prozent angegeben wurde, betrug dieser Wert für dessen nordwestlichste Provinz nur 0,13 Prozent, mithin also ein Sechstel. Ebenfalls auffällig: 36,8 Prozent der Jüdinnen und Juden hatten damals im hohen Norden eine ausländische Staatsbürgerschaft, reichsweit waren es nur 23,3 Prozent. Zu einem guten Teil dürfte das aus Sicht von Sven Hamann damit zu erklären sein, dass nach dem Ersten Weltkrieg eine starke jüdische Zuwanderung aus Osteuropa einsetzte. »Viele wollten wahrscheinlich weiter, zum Beispiel in die USA, blieben dann aber doch in Schleswig-Holstein«, vermutet der Historiker.

Dass die sogenannte »Arisierung« hier deutlich anders ablief als in der Metropole Hamburg, hat auch mit der Sozialstruktur des ausländischen Teils der jüdischen Bevölkerung zu tun. In der Hansestadt befanden sich zahlreiche Unternehmen von internationaler Bedeutung in jüdischem Eigentum, während weiter nördlich hauptsächlich sehr kleine Betriebe zu finden waren. Sie traf der reichsweite Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933 mit voller Wucht, während auf Geheiß der Nazi-Regierung die weltweit verflochtenen Firmen in der Hansestadt verschont blieben. Die systematische Enteignung vollzog sich danach auf verschiedenen Wegen. Wer Deutschland frühzeitig wegen der antisemitischen Repressalien verließ, konnte sein Hab und Gut meist noch zu ganz ordentlichen Preisen verkaufen, später drückte laut Hamann allein schon die dramatisch verschärfte Bedrohungslage gewaltig auf die Erlöse. Der mit den »Arisierungen« erzielte Profit verblieb in der Regel überwiegend bei staatlichen Stellen. Augenscheinlich wird dies bei der »Holland-Aktion«, bei der im Juli 1942 in der Nähe von Amsterdam gelagertes Umzugsgut emigrierter Jüdinnen und Juden der ausgebombten Bevölkerung in Lübeck zur Verfügung gestellt werden sollte. »Allerdings kam nur ein Teil der Sachen in der Hansestadt an, wertvolle Gegenstände waren bereits zuvor entwendet worden«, berichtet Hamann. Der verbliebene Rest sei obendrein meist in einem so schlechten Zustand gewesen, dass selbst die obdachlos Gewordenen kaum Interesse daran hatten. Unterm Strich, befindet Hamann, sei die »Holland-Aktion« ein Musterbeispiel für propagandistisch ausgeschlachtete »Arisierung«, die in allererster Linie zur Bereicherung vor allem staatlicher Stellen diente.

Gleichwohl gibt es durchaus Geschichten wie die von einem ursprünglich bei Karstadt beschäftigten Chefdekorateur, der sich für wenig Geld ein jüdisches Geschäft sicherte und so zu bedeutendem Wohlstand kam. Wenn es dagegen um Rückgabe oder Entschädigung ging, lief es nach Hamanns Recherchen meist nicht so glatt. Das Land Schleswig-Holstein lehnte die Ausarbeitung eines eigenen Landesentschädigungsgesetzes rundherum ab, bis sich das Thema durch ein 1956 beschlossenes und rückwirkend zum Jahr 1953 in Kraft getretenes Bundesentschädigungsgesetz erledigte.

»Auch weil es nach wie vor antisemitische Vorurteile gab«, hatten die Geschädigten große Probleme, ihre Ansprüche durchzusetzen, sagt der Forscher und nennt das Beispiel des Kielers Max Berger, der später unter dem Namen Moshe Bartur israelischer Botschafter in Tokio wurde. Sein Anspruch auf Entschädigung für das elterliche Textilunternehmen wurde vor Gericht abgelehnt. Erst nachdem höchste politische Kreise auf die »außenpolitische Relevanz« des Falls verwiesen, kam es schließlich doch noch zu einer Ausgleichszahlung.

Die Dissertation »,Jeder Käufer sucht möglichst günstig zu kaufen.' – Raub, Rückerstattung und Entschädigung jüdischen Eigentums in Schleswig-Holstein« wird voraussichtlich Ende des Jahres veröffentlicht.

Autor: Martin Geist

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