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Die Athletik des Digitalen

Rennen, Fußballspielen, Turnen: Das und vieles mehr ist Sport. Aber gilt das auch für Computerspiele wie League of Legend oder gar Counter-Strike? Durchaus, meinen die Aktiven der E-Sport-Hochschulgruppe der Uni Kiel, die mittlerweile bundesweit nicht nur präsent, sondern auch erfolgreich ist.

Vier Menschen an Computern
© HSG E-Sport

Das Kieler Liga-1-Team für League of Legends in Aktion.

Es war im Herbst des Jahres 2017, als Alexander Utecht eine Fernsehdokumentation über E-Sport an der Sporthochschule Köln sah. Ebenso wie Leichtathletik und Co gehörten am Rhein damals schon digitale Wettkämpfe zum offiziellen Hochschulsport. Gespielt wurde unter anderem in der Uni-Liga der besten Studierenden Deutschlands. »Da muss doch Kiel als Landeshauptstadt auch dabei sein«, sagte sich Utecht und suchte Leute, die ebenso dachten. Ungefähr 20 davon fanden sich noch gegen Ende desselben Jahres ein, sodass es seit Anfang 2018 eine offizielle E-Sport-Hochschulgruppe an der Uni Kiel gibt.

Seither hat sich die Gruppe gedeihlich entwickelt. Etwa 80 universitäre E-Sport-Fans sind dabei, dazu etliche regelmäßig präsente, aber nicht offiziell zur Hochschulgruppe gehörende Aktive der Fachhochschule und der Muthesius-Kunsthochschule. Sehr hoch ist der Anteil an Studierenden technischer und naturwissenschaftlicher Fächer. Männer befinden sich mit etwa 90 Prozent eindeutig in der Mehrheit. Virtuelle Kampf- und Strategiespiele sind offenbar ihre Domäne. Das kann auch Alexander Utecht bestätigen. Sein halber Freundeskreis beschäftigte sich in der Freizeit am Computer mit »Rechnerspielen«, irgendwann fing er selbst damit an, verbesserte sich mit der Zeit und wollte dann mehr. »Man entwickelt halt Ehrgeiz«, beschreibt er den Effekt, der sich bei anderen Sportarten kaum anders darstellt.

Persönlich hält es der 25-Jährige, der im Herbst 2019 sein Masterstudium in Angewandten Geowissenschaften begann, vor allem mit Counter-Strike, dem umstrittensten Spiel auf der Liste der Kieler E-Sport-Gruppe. Nach klassischem Ego-Shooter-Muster geht es um den mit aller Waffengewalt geführten Kampf Gut gegen Böse. Aber nach Utechts Empfinden geht es eben vor allem um Taktik, Timing, Kommunikation, Besonnenheit und Reaktionsschnelligkeit. Anders gestrickt ist die League of Legend, in der es, eher der Logik eines Brettspiels folgend, darum geht, beispielsweise gegnerische Türme zu erobern. Wettbewerbsmäßig engagiert ist die Kieler Gruppe aber auch in der Rocket League, in der ganz konventionell möglichst viele Tore geschossen werden müssen. Hearthstone hingegen ist wie ein digitales Kartenspiel, während in Overwatch in Fantasy-Ambiente verpackt »geballert« wird.

Unabhängig von der jeweiligen Verpackung wollen die E-Sport-Aktiven aber nicht anders als Fußballteams möglichst gute Leistung zeigen. Das gelingt ihnen trotz ihrer noch jungen Geschichte teils sehr passabel. In Overwatch erreichten sie jüngst das Finale in der Uni-Liga und am Ende den zweiten Platz. Erst im Halbfinale war außerdem in Counter-Strike und League of Legend Schluss. Counter-Striker Utecht und seine Mitstreiter hatten in der nicht nur für Uni-Teams offenen nationalen Liga sogar an einer handfesten Sensation geschnuppert und gegen weitaus höher gehandelte Teams beinahe das Finale erreicht. »Leider gingen ein, zwei Runden echt unglücklich verloren«, erzählt Alexander Utecht, der auch Vorsitzender dieser Hochschulgruppe ist.

So sportlich den Aktiven der Sinn stehen mag, so regelmäßig begegnen sie indes einschlägigen Vorbehalten. Die sind nach Eingeständnis des Kieler Studenten zuweilen tatsächlich »nicht ganz unbegründet«. Zwar selten, aber es gebe Kommilitonen, die es auf Kosten des Studiums am Bildschirm übertreiben, räumt er ein. Das Bild vom Dauerzocker, der sich von Chips, Cola und Energy-Drinks ernährt und immer dicker wird, ist laut Utecht dagegen eindeutig ein Klischee. Zumindest dann, wenn es wettkampfmäßig zur Sache geht, wird praktisch vor jedem Bildschirm Wasser getrunken. Und zum Ausgleich betreibt der E-Sportler wie viele andere Ausdauersport, »weil das auch die Konzentration fördert«.

Der Förderung bedarf nach Utechts Überzeugung der E-Sport in Kiel noch geraume Zeit. Trotz des Ende 2019 aus der Taufe gehobenen Landeszentrums für E-Sport und Digitalisierung hinke man mit diesem Thema weit hinter Ländern wie Südkorea oder dem skandinavischen Raum hinterher, befindet er. Ein schönes Zeichen wäre es deswegen aus seiner Sicht, wenn der E-Sport bald ins Repertoire des Kieler Hochschulsports aufgenommen würde. So wie in Köln, wo die Athletik des Digitalen inzwischen sogar ein Forschungsgebiet darstellt. Die Sportwissenschaft vergleicht dort beispielsweise die Stressbelastung beim E-Sport mit der in klassischen Sportarten.

Autor: Martin Geist

www.esport-hsg.uni-kiel.de

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