Fasziniert von Pilzen

Professorin Eva Stukenbrock ist seit Januar 2022 Mitglied der französischen Akademie der Wissenschaften. Diese besondere Ehrung beruht maßgeblich auf ihrer Expertise zu pathogenen Pilzen. Wie sie ihre Liebe zu Pilzen entdeckte und welche Pläne sie für die Pflanzenwissenschaften in Kiel hat, beschreibt sie im Gespräch mit Rosemary Wilson, Koordinatorin des Kiel Plant Center.

Nahaufnahme einer Wurzelspitz mit Pilzbefall
Quelle: Henrik Nilsson, Erik Kristiansson, Martin Ryberg, Karl-Henrik Larsson (2005)

Mykorrhiza bezeichnet eine Symbiose von Pflanze und Pilz. Der Pilz hüllt die feinen Wurzeln der Pflanze ein (Foto) und versorgt diese mit Nährstoffen und Wasser. Im Gegenzug erhält er das Photosyntheseprodukt Zucker.

Rosemary Wilson: Was fasziniert Sie an Pilzen?

Eva Stukenbrock: Pilze sind eine besonders wichtige Organismengruppe. Sie prägen buchstäblich unsere Welt, werden aber oft übersehen. Einige der ersten Fossilien von Landpflanzen weisen Pilzstrukturen auf, was darauf hindeutet, dass die Ansiedlung von Pflanzen an Land nur mithilfe von Pilzen möglich war. Ihre Vielfalt und ihre Ökologie sind noch weitgehend unerforscht. Es gibt noch so viel zu entdecken!

Wollten Sie schon immer Wissenschaftlerin werden?

Als ich aufwuchs, war es mein Traum, die Umweltpolitik auf der ganzen Welt mitzugestalten. Nach meinem Studium ging ich nach Brasilien, um an einem Agroforstprojekt mitzuarbeiten. Und dort faszinierten mich die Mykorrhiza-Pilze. In Wäldern mit nährstoffarmen Böden spielen diese Pilze eine sehr wichtige Rolle bei der Versorgung der Bäume mit Nährstoffen. Als ich nach Dänemark zurückkehrte, wusste ich, dass ich meine Masterarbeit über Mykorrhiza-Pilze schreiben wollte. Das Projekt konzentrierte sich auf die dänische Küstenvegetation, also nicht ganz so exotisch, aber ein sehr spannendes Thema. Und es motivierte mich, eine Doktorarbeit zu schreiben. Von da an war mir klar, dass ich Wissenschaftlerin werden wollte.

Wie kam es zu Ihrem Interesse an pathogenen Pilzen des Weizens?

Mein Herz hat schon immer für eine bestimmte Gruppe von Mykorrhiza-Pilzen, die sogenannten arbuskulären Pilze, geschlagen. Diese Pilze haben eine sehr komplexe genetische Struktur, die schwer zu verstehen ist. Ich wollte mehr darüber lernen und schloss mich daher während meiner Promotion einer Forschungsgruppe in Zürich an, die auf dem Gebiet der Populationsgenetik pathogener Pilze weltweit führend ist. Während meiner Zeit dort erhielten wir Proben von wilden, mit dem Weizen verwandten Gräsern aus dem Nahen Osten. Mit ihrer Hilfe konnten wir bestätigen, dass der Weizenschädling Zymoseptoria triciti seinen Ursprung im Nahen Osten hat, wo der Weizen zuerst domestiziert wurde. Dieser Erreger verursacht große Zerstörungen im Weizenanbau, und wir konnten zeigen, dass seine Geschichte sehr eng mit der Geschichte des Menschen und dem Weizenanbau verbunden ist.

Welche Lehren können wir aus Ihrer Forschung ziehen?

Es ist sehr spannend, den Zusammenhang zwischen Landwirtschaft und Krankheitserregern zu untersuchen. Wir sehen, dass der Mensch durch die Domestizierung zwar viele neue Pflanzen- und Nutzpflanzenarten hervorgebracht hat, aber leider auch neue Krankheitserreger. Wir stehen nun vor großen Herausforderungen in Bezug auf die Pflanzenproduktion, nämlich diese Krankheitserreger zu kontrollieren und der Zunahme von Fungizidresistenzen zu begegnen. Im Wesentlichen sind es die Monokulturen in der Landwirtschaft, die es diesen Krankheitserregern ermöglichen, sich so schnell zu entwickeln und auszubreiten. Durch die Schaffung eines vielfältigeren Umfelds könnten sie gebremst werden. In Europa untersuchen Forschende verschiedene Möglichkeiten, um die dazu notwendige Erhöhung der Kulturpflanzenvielfalt zu erreichen.

Sie sind eines der Gründungsmitglieder des Kiel Plant Center (KPC). Welche Ziele verfolgt das Forschungszentrum?

Kiel ist ein fantastischer Ort, um Wissenschaft zu betreiben. Als ich hier ankam, wurde ich in mehrere bestehende und sich entwickelnde Forschungsnetzwerke und -initiativen aufgenommen. Sie konzentrieren sich auf Forschungsgebiete, die für meine Forschungsarbeit relevant sind, insbesondere Metaorganismen und ihre Evolution. Obwohl es in Kiel viel Fachwissen in der Pflanzenwissenschaft gab, fehlte uns eine Struktur, die uns zusammenbringt. Ich denke, das KPC füllt diese Lücke – und ich persönlich habe dank des KPC viele neue Kontakte geknüpft. Dazu gehört eine große neue Forschungskooperation, die untersucht, wie sich Pflanzen an biotischen und abiotischen Stress anpassen und darauf reagieren. Besonders im Hinblick auf den Klimawandel müssen wir viel darüber lernen, wie mit Pflanzen assoziierte Mikroorganismen die Pflanzengesundheit sowohl positiv als auch negativ beeinflussen können – zum Beispiel vor dem Hintergrund von Trockenheit oder erhöhten Temperaturen. Ich bin sehr gespannt auf dieses Projekt und die Zukunft des KPC.

Das Interview führte Rosemary Wilson

Eva Stukenbrock ist Professorin an der Universität Kiel und Fellow am Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie in Plön. Bevor sie 2014 nach Kiel kam, war sie Gruppenleiterin am Max-Planck-Institut für terrestrische Mikrobiologie in Marburg. Sie ist Sprecherin des Kieler Pflanzenzentrums und der International Max Planck Research School for Evolutionary Biology (IMPRS EvolBio). Sie ist stellvertretende Vorsitzende des Kieler Evolutionszentrums und leitet ein Teilprojekt des Kieler Sonderforschungsbereichs 1182 »Entstehen und Funktionieren von Metaorganismen« sowie des Graduiertenkollegs TransEvo. In Anerkennung ihrer Arbeit erhielt sie mehrere Auszeichnungen und Ehrungen, darunter zuletzt die Ernennung zum ausländischen assoziierten Mitglied der französischen Akademie der Wissenschaften.

Académie des Sciences

Die 1666 gegründete Akademie der Wissenschaften mit Sitz in Paris ist eine Versammlung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die aus den angesehensten französischen und ausländischen Forschenden ausgewählt werden. Sie befasst sich mit den politischen, ethischen und gesellschaftlichen Fragen zu aktuellen und zukünftigen wissenschaftlichen Themen. Die Akademie reflektiert, antizipiert, erklärt und äußert sich selbst, vor allem in Form von Stellungnahmen und Empfehlungen. Ihr Ziel ist es, den politischen Entscheidungsträgerinnen und -trägern einen Rahmen von Fachwissen, Rat und Aufmerksamkeit zu bieten und im weiteren Sinne die Debatten und Entscheidungen in unserer Gesellschaft zu erhellen. Darüber hinaus unterstützt die Akademie der Wissenschaften die Forschung, engagiert sich für die Qualität der wissenschaftlichen Ausbildung und fördert das wissenschaftliche Leben auf internationaler Ebene.

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