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»Evolution ist Bestandteil von allem, was uns umgibt«

Florian Henkies, 27, ist einer von 15 Promovierenden im neuen Graduiertenkolleg TransEvo. unizeit sprach mit ihm über die Bedeutung der Evolutionsforschung in Kiel, die Vorteile eines Promotionsstudiums in einem Graduiertenkolleg und die besonderen Herausforderungen im Corona-Jahr.

Florian Henkies im Labor
© Christian Urban, Uni Kiel

Florian Henkies forscht an Strategien zur Vermeidung von Antibiotikaresistenzen.

unizeit: Wie sind Sie mit dem Graduiertenkolleg in Kontakt gekommen?

Florian Henkies: Ich bin im Graduiertenkolleg TransEvo im Projekt von Professor Hinrich Schulenburg tätig, wo es grundsätzlich darum geht, wie sich humane Krankheitserreger unter Antibiotikagabe im evolutionären Kontext verhalten. Ich habe in Kiel im Bachelor Ernährungswissenschaften studiert und den Master in Medical Life Sciences gemacht. Das Ende hat sich dann sehr gut überschnitten mit der Ausschreibung von TransEvo. Da habe ich mich beworben und hatte das Glück, dass ich genommen wurde.

Was ist Ihr Projekt in der Graduiertenschule für die nächsten Jahre?

Ich beschäftige mich damit, wie wir evolutionäre Prozesse nutzen können, um zum Beispiel die Wirkungsfähigkeit von Antibiotika zu erhöhen oder um Resistenzbildungen zu vermeiden. Mein Hauptaugenmerk liegt auf der negativen Hysterese. Das ist ein Prozess, in dem eine kurze Vorbehandlung mit einem Antibiotikum die Wirkung eines darauffolgenden Antibiotikums erhöht. Das Ziel ist, das Konzept in die Klinik zu bringen.

Warum ist es im größeren Zusammenhang wichtig, evolutionäre Prinzipien auf verschiedene Felder anzuwenden, nicht nur auf die Medizin?

Für die meisten Menschen ist Evolution ein Thema, das lange zurückliegt und uns erklären kann, wie die Artenvielfalt auf der Welt entstanden ist. Generell wirkt Evolution jedoch jeden Tag um uns herum, und besonders wir als Menschen beeinflussen sie. Neben der Medizin werden auch in der Agrarwirtschaft immer mehr Pilze, Bakterien und Schädlinge resistent gegen die eingesetzten Bekämpfungsmittel. Ein weiteres eindrucksvolles Beispiel ist der Einfluss der Fischerei auf Fischpopulationen. Die Regularien zur Mindestgröße der gefangenen Fische haben dazu geführt, dass wir uns immer kleinere Fische »züchten«. Dies sind alles Probleme, die wir im GRK untersuchen.

Bakterienkolonien in bunten Petrischalen

Am Experiment zeigt sich, wie Antibiotika das Wachstum von Bakterien hemmen.

 
Warum lohnt es sich nach Kiel zu kommen, wenn man sich für Evolutionsforschung interessiert?

Seit sieben Jahren bin ich jetzt in Kiel und selbst in der kurzen Zeitspanne hat sich viel getan. Grundsätzlich haben wir natürlich hier mit dem Plöner Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie eine große Institution, die auf jeden Fall für Kiel und das Kieler Umland spricht. Einige unserer Projekte sind direkt dort am Institut angesiedelt. Dann sind sehr viele Initiativen gestartet worden, wie zum Beispiel das Kiel Evolution Center, der Bau des neuen Forschungszentrums CeTEB und zwei Masterstudiengänge (MAMBE, MEDlife) mit evolutionärem Bezug. Man sieht, dass Evolutionsforschung in Kiel sehr stark gefördert wird.

Was unterscheidet die Teilnahme am GRK-Programm von einer individuellen Doktorarbeit?

In einem GRK-Programm ist alles ein bisschen strukturierter. Sonst braucht man vielleicht vier bis sechs Jahre für eine Doktorarbeit, und dann kommt es immer sehr stark auf die Betreuung an, ob man tatsächlich zum Abschluss kommt. Im GRK gibt es eine Qualitätssicherung, um zu garantieren, dass wir in der gesetzten Zeit von gut drei Jahren fertig werden. Wir haben mindestens einmal im Jahr ein sogenanntes Thesis Advisory Committee, für das wir einen Jahresbericht verfassen und den Fachgremien vorstellen. Dazu gibt es dann von Professorinnen und Professoren sowie PostDocs wertvolles Feedback. Am GRK sind sehr viele Institutionen beteiligt, in die man Einblicke bekommen kann. Außerdem gibt es in GRKs auch immer einen »schulischen« Teil, in dem Module absolviert werden. Diese beinhalten zum einen wertvolle Softskills wie beispielsweise Zeitmanagement, aber auch Kurse, die uns die Grundlagen der TransEvo-Forschung vermitteln.

Welche Probleme gab es im Corona-Jahr 2020 für die neuen Doktorandinnen und Doktoranden?

Ich hatte das Riesenglück, dass ich vor Corona angefangen habe und bereits drei Monate gearbeitet hatte. Daher hat die Reduzierung der im Labor zugelassenen Personen hauptsächlich bedeutet, dass wir uns in Schichten aufteilen mussten. Rein wissenschaftlich hat mich Corona zum Glück nicht so stark beschränkt. Da ich mit meiner Partnerin zusammenwohne, ist auch die soziale Isolation nicht so problematisch. Für einige Promovierende, vor allem die, die aus einem Nicht-EU-Land gekommen sind, war das schon dramatisch. Die Botschaften waren nicht offen, sie wussten nicht, ob sie ein Visum bekommen und ob sie überhaupt hier anfangen können. Klassische Orte, um neue Leute kennenzulernen, zum Beispiel Sportvereine, sind geschlossen. Das erschwert den Start in einem neuen Land natürlich.

Das Gespräch führte Christian Urban.

Angewandte Evolutionsforschung

Das Graduiertenkolleg 2501 für Translationale Evolutionsforschung (GRK TransEvo) wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert. Ziel ist es, die Relevanz evolutionärer Prinzipien für aktuelle Probleme zu untersuchen und zu fördern. Unbeabsichtigte Ergebnisse menschlicher Eingriffe resultieren oft aus Handlungen, die die natürliche Selektion beeinflussen, zum Beispiel der Einsatz von Antibiotika oder Krebsmedikamenten in der Medizin, von Pestiziden in der Landwirtschaft oder die Störung der Ökosysteme der Erde durch den Menschen. Doch evolutionäre Konzepte werden nur selten genutzt, um das Verständnis dieser Herausforderungen zu verbessern und neue nachhaltige Lösungen zu entwickeln. Im 2020 gestarteten GRK TransEvo mit zurzeit 15 Promotionsstudierenden geschieht genau das: Wissen und Konzepte aus der Grundlagenforschung in der Evolutionsbiologie werden genutzt, um künftig aktuelle Herausforderungen besser zu verstehen und zu bewältigen.

www.transevo.de

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