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Eine Frage der Ethik

Nachhaltigkeit gehört zu den großen Themen des 21. Jahrhunderts. Mehr denn je ringen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft heute um einen verantwortungsvollen Umgang mit begrenzten Ressourcen. Warum Nachhaltigkeitspolitik in erster Linie eine ethische Frage ist, und welche Rolle die Pandemie spielen könnte, erklärt der Philosophieprofessor und Ethiker Konrad Ott.

Rapsfeld und Solarpanele
© iStock/ollo

Um ein globales Problem wie den Klimawandel anzugehen, müsse Deutschland laut Konrad Ott auch auf seine Vorreiterrolle in Sachen erneuerbare Energien und Technologieentwicklung blicken.

Einerseits Fahrradboom und weniger Emissionen, andererseits Einwegmasken und Onlinehandel: Die Corona-Pandemie wirkt sich sowohl positiv als auch negativ auf die Umwelt aus. Diese Ausnahmesituation vor allem als Chance zu begreifen, dafür plädiert Konrad Ott, Professor am Philosophischen Seminar: »Die Pandemie stellt vieles infrage, unser gewohntes Leben haben wir seit über einem Jahr nicht mehr. Das war eine Zeit des Innehaltens, eine Zeit, sich zu fragen: Was ist wirklich wertvoll im Leben? Lasst uns daher jetzt überlegen, wodurch sich der zukünftige Normalzustand unserer Gesellschaft von dem vor der Pandemie unterscheiden sollte. Wir haben das Wissen über Klimawandel, Biodiversität und Naturschutz, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben ihre Hausaufgaben gemacht.« Ott beschreibt das mit einem Bild aus der antiken Mythologie. Kairos ist der Gott des rechten Augenblicks, beschrieben als Jüngling mit einer Locke auf der Stirn und kahlem Hinterkopf. »Wenn er vorübergeht und man hat nicht richtig zugegriffen, dann entschwindet er, die günstige Gelegenheit ist vertan und kommt vielleicht in einer Generation nie wieder«, erklärt der Ethiker.

Die Gelegenheit beim Schopfe packen könne man beispielsweise in Sachen Mobilität. Nicht zuletzt durch den Digitalisierungsschub hat die Pandemie gezeigt, dass es möglich ist, ein hohes Mobilitätsniveau mit weniger Verkehr umzusetzen, beispielsweise durch mobiles Arbeiten im Homeoffice. »Mobilität heißt, ich kann bestimmte Ziele erreichen. Ich könnte theoretisch innerhalb von 24 Stunden fast jeden Punkt auf der Welt erreichen, lebe aber lieber in der Provinz«, betont Ott. »Außerdem bin ich, auch wenn ich den ganzen Tag hier sitze, ausgesprochen mobil. Ich bin von 14 bis 16 Uhr bei einer digitalen Besprechung in Bremen und von 16 bis 18 Uhr per Zoom in Konstanz. Es gibt viele andere Leute, die haben zwar eine hohe Verkehrsleistung, weil sie jeden Tag 80 Kilometer pendeln, sind aber nicht besonders mobil, weil sie immer nur die gleichen Strecken fahren.« Auch im Bereich Tourismus stünden nun zahlreiche Geschäftsmodelle von Kreuzfahrten bis Kurzstreckenflügen auf dem Prüfstand.

Portraitbild Konrad Ott
© pur.pur

Die Corona-Pandemie als Chance begreifen: Ethiker Konrad Ott plädiert dafür, die Ausnahmesituation auch für ein Umdenken in Umwelt- und Nachhaltigkeitsfragen zu nutzen

 
Doch warum darf die Nachhaltigkeitspolitik den Einzelnen so stark in die Pflicht nehmen? Unser Umgang mit natürlichen Ressourcen, Klima oder Artenvielfalt werfe die moralische Frage auf, welche Welt künftigen Generationen zugemutet wird, so Ott. »Wenn ich mir dann die Schwierigkeiten anschaue, denkerisch Verantwortung für Menschen zu konzipieren, die es noch gar nicht gibt, die sich noch gar nicht mit eigener Stimme zu Wort melden können, deren Wertvorstellungen ich nicht kenne, deren Individualität ich gar nicht kennen kann – dann geht es von einer moralischen Frage in eine ethische Frage über. Denn die Ethik ist eine Reflexion moralischer Fragen. Nachhaltigkeit hat zwei normative Dimensionen: einmal die Zukunftsverantwortung und zum anderen die Frage nach den Werten der Natur.« Beide sind längst auch im Grundgesetz verankert. 1994 – kurz nach der Wiedervereinigung – wurde mit dem Artikel 20a der Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen neben Staatszielen wie Demokratie, Rechts- und Sozialstaatlichkeit in die Verfassung der Bundesrepublik eingeschrieben. Acht Jahre später wurde dieser Artikel um den Tierschutz erweitert.

Nachhaltigkeit hat zwei normative Dimensionen: einmal die Zukunftsverantwortung und zum anderen die Frage nach den Werten der Natur.

Konrad Ott

Ob die Politik dieser Selbstverpflichtung gerecht wird, ist eine Frage der Perspektive. Ott mahnt jedenfalls, die Erfolge nicht zu übersehen: »Ich kann mittlerweile auf 45 Jahre Umweltpolitik zurückblicken, wir haben auf der nationalen Ebene einiges erreicht. Luft- und Gewässerreinhaltung, 40 Prozent CO2 -Reduktion, Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie, Ausweisung von Nationalparks, Vogel- und Meeresschutzgebieten – ich könnte noch vieles aufzählen. Die Bilanz ist hierzulande gar nicht so schlecht, wie sie in manchen apokalyptischen Krisennarrativen beschrieben wird. Aber wir sollten nicht glauben, dass ein Prozent der Weltbevölkerung ein globales Problem wie den Klimawandel lösen kann.« Hier müsse man vor allem auf mittelgroße, sich schnell entwickelnde Länder und die eigene Vorreiterrolle blicken, etwa im Bereich des Kohleausstiegs und des Ausbaus erneuerbarer Energien. Technologieentwicklung und -diffusion könne es Schwellenländern ermöglichen, ohne Umwege auf erneuerbare Energien zu setzen. »Dann kommen wir vielleicht auch global in eine Richtung, die die globale Erderwärmung auf deutlich unter 2 Grad Celsius reduziert, idealerweise auf 1,5 Grad«, sagt der Ethiker.

Autorin: Anna-Kristina Pries

Zum Weiterlesen: Konrad Ott/Reinhold Popp (Hrsg.): Die Gesellschaft nach Corona ökologisch & sozial. Perspektiven für Deutschland & Österreich. LIT Verlag Münster, 2020.

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