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»Es gibt nicht das eine gemeinsame Interesse!«

Solidarität unter Frauen ist vielfältig und umkämpft. Die Kieler Politikwissenschaftlerin Brigitte Bargetz hat sich mit dem Thema eingehend befasst und unterscheidet fünf zentrale Arten von Solidarität.

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Beim Woman's March, einem Protestmarsch für Frauen- und Menschenrechte, gingen 2017 die Frauen in Washington auf die Straße.

Den Frauen reicht’s. Sexuelle Übergriffe sind nicht nur in Hollywood fast an der Tagesordnung, sondern auch in Deutschland gang und gäbe: Ob im öffentlichen Raum oder im privaten Umfeld – Frauen müssen sich immer noch oft gegen tätliche Übergriffe und verbale Belästigungen durch Männer wehren: »Das ist einfach nicht mehr hinnehmbar«, erklärt Dr. Brigitte Bargetz den Grund, warum 2017 unter anderem die #MeToo-Initiative entstand. »Viele Frauen solidarisieren sich, gehen gemeinsam im Kampf gegen hierarchische Geschlechterverhältnisse auf die Straße, protestieren gemeinsam im Internet und in sozialen Medien und versuchen, Dinge zu ändern«, erklärt die Politikwissenschaftlerin am Institut für Sozialwissenschaft der Universität Kiel.

»Solidarität unter Frauen bildet das Fundament des Feminismus«, erklärt Bargetz, die sich mit dem Thema feministische Solidarität auskennt. Im vergangenen Jahr hat sie – mit ihren Kolleginnen Alexandra Scheele und Silke Schneider – ein Heft darüber herausgegeben (Femina Politica 2/2019). »Zwar gibt es auch zwischen Frauen Differenzen. Viele Feministinnen eint aber der Kampf gegen patriarchale Gewalt gegen Frauen unterschiedlicher Herkunft, Klasse, Ethnizität und sexueller Orientierung.« Das ist jedoch nicht der einzige Grund, sich solidarisch zu zeigen. Die feministische Solidarität ist vielfältig. Frauen engagieren sich mitnichten nur für die Ziele der Frauenbewegungen, sondern unterstützen unterschiedlich definierte Minderheiten, solidarisieren sich weltweit mit Frauen, sorgen sich um Geflüchtete oder gehen für den Klimaschutz auf die Straße.

Viele Frauen solidarisieren sich, gehen gemeinsam im Kampf gegen hierarchische Geschlechterverhältnisse auf die Straße.

Brigitte Bargetz

»Meine Kolleginnen und ich unterscheiden fünf zentrale Arten von Solidarität«, erklärt Bargetz. Die politische Solidarität, der Kampf gegen Patriarchat und Sexismus als Antwort auf Ungerechtigkeit und Unterdrückung, ist eine davon. Institutionalisierte Solidarität bezeichnet hingegen die Unterstützung von sozial schwächeren Personen durch den Sozial- und Wohlfahrtsstaat, damit Teilhabe am öffentlichen Leben gelingt. Weitere Arten sind die Solidarität als Daseinsbegriff (die Anerkennung, dass Menschen wechselseitig aufeinander angewiesen sind), Solidarität als Gefühl sowie Solidarität als Praxis, in der Verbundenheit über Differenzen hinweg hergestellt wird.

So vielfältig feministische Solidarität ist, so viel Konfliktpotenzial und Widersprüche stecken in ihr. »Solidarität ist immer auch umkämpft«, finden Bargetz, Scheele und Schneider. »Es gibt nicht das eine gemeinsame Interesse, den einen gemeinsamen Kampf für die eine gemeinsame gute Sache«, so ihre Feststellung. »Die Herausforderung ist, eine Schnittmenge zu finden, einen Weg, der gemeinsam begehbar ist«, sagt Bargetz, wohl wissend, dass »Solidarität unter Frauen unter sexistischen, kapitalistischen und rassistischen Bedingungen mitunter schwer zu realisieren ist«.

Auch aufrührende Momente tragen zur Solidarisierung bei. Momente wie der Weinstein-Skandal, der die #MeToo-Bewegung auslöste: Jahrzehntelang soll der Filmproduzent in der amerikanischen Filmindustrie Frauen sexuell belästigt und genötigt haben. Ein Tweet darüber ging um die Welt. Unter dem Hashtag MeToo (»ich auch«) berichten Frauen seitdem von ihren Erfahrungen mit übergriffigen Männern. »Frauenbewegungen gab es in den vergangenen Jahrhunderten noch etliche mehr«, sagt Bargetz. Innerhalb der 1968er-Bewegung zum Beispiel gab es auch Solidarisierungen von Frauen. Die kritische Diskussion in den 1970er Jahren über den Abtreibungsparagraphen § 218 sorgte ebenfalls für eine Solidaritätsbewegung unter Frauen, die sich für die Streichung aus dem Strafgesetzbuch aussprachen. Auch die Bewegung »ni una menos« (»Nicht eine weniger«), die sich 2015 in Argentinien gegen Frauenmorde und sexualisierte Gewalt gründete und seither weit darüber hinaus an Bedeutung gewonnen hat, zählt dazu. Feministische Solidarität ist »nicht nur ein vielfältiges, sondern auch ein transnationales Ringen um Geschlechtergerechtigkeit«, sagt Bargetz. »Und das ist gut so. Solidarität bleibt wohl weiterhin ein Kampf und ist gleichzeitig selbst umkämpft.«

Autorin: Jennifer Ruske

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