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Gefühle als Werkzeug

Miteinander zu reden, Geschichten zu erzählen ist ein Urbedürfnis der Menschheit. Denn es weckt in uns Gefühle – positive wie negative. Das nutzt der Rechtspopulismus für seine Zwecke. Ein Symposium an der Kieler Universität ergründete, wie Erzählungen in der Politik auch durch Gefühle wirken.

Boot mit Geflüchteten
© picture alliance/Zihri Maulana

Es sind diese Bilder von überfüllten Flüchtlingsbooten oder einem kleinen Jungen, der tot am Strand liegt. Immer wieder gibt es Opfer von Flucht und Vertreibung, die es nicht über das Mittelmeer ans rettende Ufer geschafft hat. »Diese Bilder und die Geschichten, die dahinterstecken, lösen bei den meisten Menschen Emotionen wie Trauer, Mitleid und Mitgefühl aus«, erklären die Politikwissenschaftlerinnen Nina Elena Eggers und Dr.in Brigitte Bargetz, die im Institut für Sozialwissenschaften der CAU, Fachbereich Politikwissenschaft, unter anderem über Narrative und Emotionen in der Politik forschen. »Rechtspopulistinnen und -populisten ist es aber gelungen, diese Geschichte aus ihrer Sichtweise ganz anders fortzuschreiben und damit auch die Empathie der Menschen für die Situation der Geflüchteten umzukehren«, so Eggers. »Da hieß es auf einmal, Mitleid bräuchte man nicht zu haben, schließlich würden Geflüchtete, einmal in Deutschland, doch zu Kriminellen und ,Messermännern'. Aus dem Opfer wird so in der Erzählung der Rechten schnell ein potenzieller Täter, indem Ereignisse in einen völlig anderen Zusammenhang gerückt und kausal und zeitlich neu verknüpft werden«, erläutert die Diplom-Politikwissenschaftlerin. Es sei ein typisches Vorgehen im Populismus, bestimmte Geschichten und die darin enthaltenen Emotionen auch gezielt einzusetzen, um Ängste gegen Migranten und Migrantinnen zu schüren. Diese Form der Politik und ihre Auswirkungen waren Thema des digitalen Symposiums »Affektive Narrative des Rechtspopulismus«, das die Politikwissenschaftlerinnen im Juni und Juli ausrichteten. Der Begriff »affektive Narrative« beschreibt den Zusammenhang zwischen dem Erzählen und Gefühlen.

Geschichtenerzählen ist ein universelles Grundbedürfnis der Menschen. Das war schon zu vergangenen Zeiten so, als Menschen rund ums Lagerfeuer den Geschichten ihrer Vorfahren lauschten. In einer Zeit, in der nur die wenigsten lesen und schreiben konnten, war das die einzige Form, ihre Kultur und ihre Geschichte zu bewahren und weiterzugeben. Und gerade politische Kollektive gründen sich auf gemeinsam geteilten Erzählungen wie nationalen Mythen.

Es ist diese besondere Verknüpfung von Geschichten, Erinnerungen und Gefühlen, die das Erzählen zu einem zentralen Moment der Politik, besonders der rechten Politik macht.

Brigitte Bargetz

»Erzählungen haben aber auch immer etwas mit Emotionen zu tun«, erklärt Bargetz. Alte Geschichten wecken oft nostalgisch verklärte und sehr subjektive Erinnerungen an vergangene Zeiten, »als alles scheinbar viel einfacher und besser und das gemeinschaftliche Leben noch organisch und heil war«, ergänzt Eggers. Aktuelle Erzählungen besonders der rechten Szene knüpfen mit ihren Geschichten an die Emotionen an, die die Menschen derzeit bewegen. In Zeiten von Corona sind das Gefühle von Angst, Wut, Resignation, Ohnmacht oder Unzufriedenheit, sie lenken diese auf Feindbilder wie »die etablierte Politik« oder »die Anderen«, die sie zur Bedrohung stilisieren.

»Es ist diese besondere Verknüpfung von Geschichten, Erinnerungen und Gefühlen, die das Erzählen zu einem zentralen Moment der Politik, besonders der rechten Politik macht«, so Bargetz. Über Erzählungen werden politische Erfahrungen verarbeitet, Gefühle sortiert, Stimmungen verstärkt, bestimmte Verhältnisse verbildlicht und legitimiert. Das zeige sich besonders im gegenwärtigen Erstarken des Rechtspopulismus, so Bargetz. Wenn etwa Björn Höcke (AfD) jubelnde Mengen mit einer Erzählung von wiedererwachender Männlichkeit und nationaler Wehrhaftigkeit begeistert oder Donald Trump eine Geschichte des ehemaligen amerikanischen Präsidenten und Sklavenhalters Andrew Jackson als großherzigen, im Angesicht des Bürgerkrieges wütend werdenden Friedensstifters erzählt.

»Diese Geschichten bieten starke Identifikationsfiguren und Projektionsflächen an, sie zeichnen ein Heldenbild oder ein ‚Gut gegen Böse‘, thematisieren ein ‚Wir gegen die anderen‘. Durch die starken Emotionen, die die Erzählungen auslösen, fühlen sich Menschen in ihren Ängsten wiedererkannt und verstanden«, sagt Eggers, und fährt fort: »Ein solches Zugehörigkeitsgefühl versuchen auch Populisten zu vermitteln, wenn sie ein ‚Wir sind das Volk‘ proklamieren und damit aber nur bestimmte, nämlich weiße und meist männliche Menschen meinen und zeitgleich Ausgrenzungen und Hetze betreiben.«

Das Problem dabei: Die Erzählungen werden oft nicht hinterfragt, sondern die »anderen Wahrheiten« werden akzeptiert. »Eine Aufklärung mit sachlichen Argumenten kann nicht immer helfen, denn die Fakten müssen auch als wahr gefühlt werden«, sagt Eggers. Und Bargetz ergänzt: »Politische Aufklärung muss auch affektiv mitgedacht werden.« Welche anderen Möglichkeiten es gibt, Fake News oder populistische Erzählungen der Rechten zu begegnen, wurde beim Symposium diskutiert.

Autorin: Jennifer Ruske

Weitere Informationen:
www.politik.uni-kiel.de/de/professuren/PolTheo

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