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Mobile Nachbarschaftshilfe

Umweltfreundliche Mobilität – das steckt hinter dem Schlagwort Verkehrswende. Wie diese auch in ländlichen Räumen gelingen kann, ergründet ein Projekt der Arbeitsgruppe Kulturgeographie.

Ein Mann und eine Frau sitzen im Auto
© Luis Karcher

Andere Leute mitnehmen und selbst bei anderen mitfahren – Fahrgemeinschaften leisten einen wichtigen Beitrag zur Verkehrswende. Die Bereitschaft zum gemeinsamen Fahren untersucht Jana Kühl (am Steuer).

Ohne Privatauto geht auf dem Land gar nichts. Diese Aussage würden wohl viele Menschen, die jenseits von Ballungszentren mit gut ausgebautem öffentlichen Nahverkehr wohnen, vorbehaltlos unterschreiben. Aber tatsächlich tut sich so einiges in Sachen Verkehrswende, auch in ländlichen Regionen. Verschiedene Gemeinden bieten etwa Carsharing mit Elektroautos an. Das Dörpsmobil im nordfriesischen Klixbüll zum Beispiel ist so eine Innovation, die bereits bundesweit Nachahmer gefunden hat. Das elektrisch mit Strom aus gemeindeeigenen Windkraftanlagen betriebene Fahrzeug steht für Einsätze zur Verfügung und kann auch von Privatleuten gemietet werden. Die angegliederte Mitfahrplattform und der Pool an ehrenamtlichen Fahrerinnen und Fahrern für Menschen ohne Führerschein bieten zusätzliche Vorteile. Im Kommen sind auch sogenannte Mitfahrbänke, die moderne Variante des Trampens. Wer auf einer solchen Bank Platz nimmt, sucht eine Mitfahrgelegenheit; für das gewünschte Fahrtziel gibt es zum Beispiel Schilder zum Aufklappen. Im Kern geht es bei diesen Initiativen darum, das Autofahren umweltfreundlicher zu machen, indem Menschen mit gleichem Ziel gemeinsam fahren.

Ob und wie das funktioniert, hängt wesentlich von der Bereitschaft ab, die eigene Mobilität anders zu organisieren, andere Leute mitzunehmen bzw. selbst bei anderen mitzufahren. Das ist alles andere als selbstverständlich, wie Professor Florian Dünckmann vom Geographischen Institut der Uni Kiel betont. »Um Verhaltensänderungen in die Fläche und Kultur zu bringen, braucht man manchmal wirklich lange Zeit«, sagt der Leiter der Arbeitsgruppe Kulturgeographie. In dem Forschungsprojekt »Gemeinsames Fahren als Beitrag zu einer Verkehrswende in ländlichen Räumen Schleswig-Holsteins« untersuchen Dünckmann und seine Mitarbeiterin Dr. Jana Kühl, ob die Idee des gemeinsamen Fahrens Potenzial hat.

Dabei geht es nicht um kommerzielle Angebote wie Sammeltaxis oder dergleichen, sondern um das private Mitfahren. »Mit ‚gemeinsam fahren‘ meinen wir, dass Menschen, die in ländlichen Räumen wohnen und das gleiche Ziel haben, gemeinsam in einem PKW fahren, privat organisiert im Sinn der Nachbarschaftshilfe«, verdeutlicht Kühl. »Unsere Intention ist es, grundlegend abzuklopfen, kann das funktionieren, trifft es auf Widerhall, und wenn nicht, wo hakt es?«
 

Um Verhaltensänderungen in die Fläche und Kultur zu bringen, braucht man manchmal wirklich lange Zeit.

Florian Dünckmann

Um einen Überblick darüber zu bekommen, welche Formen des gemeinsamen Fahrens bereits praktiziert werden und welche Meinungen es dazu gibt, läuft eine Fragebogenaktion in zwei Fallstudienräumen. Kühl: »Wir konzentrieren uns auf zwei Ortschaften, Schafflund (bei Flensburg) und Nortorf (bei Neumünster), in denen wir uns das ganz genau anschauen. In der standardisierten Befragung geht es darum, herauszufinden: Wie sind die Leute mobil, wo sind sie mobil, wie ist ihre generelle Einstellung zu dem Thema, bei jemandem mitzufahren und in welcher Form praktizieren sie es bereits?« Darauf aufbauend führt die Wissenschaftlerin außerdem persönliche Gespräche mit mindestens zehn Personen aus jeder Ortschaft. »Diese Gespräche sind fast noch wichtiger. Wir wollen damit herauszufinden, nach welchen Logiken die Leute ihre Mobilität organisieren, was sie eventuell motiviert umzusteigen und woran es praktisch hakt.« Die Idee zu dem Projekt wurde gemeinsam mit der Gesellschaft für Energie und Klimaschutz Schleswig-Holstein GmbH (EKSH) entwickelt, die das Ganze auch finanziell fördert.

»Das gemeinsame Fahren haben wir als Möglichkeit identifiziert, Verkehr einzusparen, ohne zusätzliche Infrastrukturen schaffen zu müssen«, sagt Kühl. Auf lange Sicht soll das Projekt auch einen Beitrag zur Verkehrswende leisten. Falls sich in der Studie herausstellt, dass es eine prinzipielle Bereitschaft zum gemeinsamen Fahren gibt, es aber an Anstößen fehlt oder an Hilfsmitteln, die die Organisiation erleichtern, könnte das in der Praxis berücksichtigt werden. Dünckmann: »Das könnte zum Beispiel eine Mitfahr-App sein, bei der man ein Profil anlegen muss, so dass man etwas über die Personen erfahren kann, die einen mitnehmen.« Internet-Plattformen oder Nachbarschaftsnetzwerke können eine Hilfe bei der Organisation des Mitfahrens sein, sofern eine grundsätzliche Bereitschaft dafür vorhanden ist.

Autorin: Kerstin Nees

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