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Vom Glück mit Vögeln zu leben

Investitionen zum Schutz natürlicher Lebensräume dienen nicht nur dem Erhalt einer vielfältigen Tier- und Pflanzenwelt, sie kommen auch uns Menschen zugute. Dieses Fazit zieht die Kieler Ökonomin Katrin Rehdanz aus einer kürzlich veröffentlichten Studie.

Haubenmeise
© Frank Derer

Vögel wie diese Haubenmeise sind schön anzusehen, sie lassen sich gut beobachten und ihr Gesang macht Freude. Wo viele Vogelarten leben, sind die Menschen scheinbar zufriedener.

Die glücklichsten Europäer sind diejenigen, die in ihrem Alltag die meisten Vogelarten sehen. Auf diesen Nenner kann man das Ergebnis einer Studie bringen, in der die Lebenszufriedenheit von Menschen aus 26 europäischen Ländern mit Daten zur Artenvielfalt in Beziehung gesetzt wurden. Beteiligt an dieser Studie war auch die Kieler Professorin Katrin Rehdanz vom Institut für Umwelt-, Ressourcen- und Regionalökonomik. »Wir haben für die Studie Daten analysiert, die bei regelmäßigen Befragungen zur Lebenssituation von Menschen in Europa erhoben werden.» Die Erhebung heißt European Quality of Life Survey und erfasst in einer repräsentativen Stichprobe der Bevölkerung eine Fülle von Daten zur Lebenssituation, darunter auch solche zum Haushaltseinkommen, zur Haushaltszusammensetzung und zum Wohnort, zum Alter, zur Erwerbssituation und zu politischen Einstellungen. In einem Teil geht es auch um Fragen nach dem subjektiven Wohlbefinden.

Die Werte zur Lebenszufriedenheit von 26.000 Menschen aus der Europäischen Union wurden in der Analyse unter Verwendung statistischer Methoden mit Daten zur Artenvielfalt (Vögel, Säugetiere, Bäume) und anderen Naturmerkmalen verknüpft. Dabei zeigte sich: Je höher der Artenreichtum von Vögeln, desto zufriedener sind die Befragten mit ihren Lebensbedingungen. Die Analysen zeigten zudem, dass eine Zunahme der Vogelarten um zehn Prozent mit einem höheren Zugewinn an Lebenszufriedenheit einhergeht als eine zehnprozentige Einkommenssteigerung.

Wichtig für die Lebenszufriedenheit sind auch andere Faktoren, beispielsweise die Erwerbstätigkeit. »Die Auswirkungen von Arbeitslosigkeit auf die Lebenszufriedenheit sind deutlich messbar», sagt Rehdanz. »Weitere wichtige Faktoren sind natürlich das Einkommen, aber auch soziale Kontakte und die Haushaltszusammensetzung.»

Nicht zuletzt entscheidet der Wohnort über die Zufriedenheit eines Menschen – unabhängig vom Artenreichtum. »Untersuchungen haben gezeigt, dass in Schleswig-Holstein die glücklichsten Deutschen leben.» Im europäischen Vergleich haben allerdings die Dänen die Nase vorn. Ein entscheidender Faktor ist hier die relativ ländliche Umgebung. Rehdanz: »Menschen in Großstädten sind generell unzufriedener.»

Die Mechanismen, die für die positive Beziehung zwischen der Anzahl an Vogelarten und dem subjektiven Wohlbefinden sorgen, kann die Studie nicht direkt erklären. Allerdings lässt sich aus anderen Studien ableiten, dass das Sehen und Beobachten von Vögeln und deren Verhalten in Gärten oder in der freien Natur positive Emotionen fördert. Zudem ist eine hohe Anzahl an Vogelarten ein Indikator für regionale und lokale Landschaftseigenschaften, die die Lebenszufriedenheit fördern.

Vögel sind zudem ideale Indikatoren für biologische Vielfalt in einem Gebiet. Die Studie unterstreicht daher, wie wichtig der Schutz der Artenvielfalt auch für Menschen ist. Denn bisher gibt es keine ökonomischen Kennziffern für Artenreichtum, saubere Luft und intakte Naturräume. »Die Dienste der Natur werden in unserer globalen Wirtschaft als selbstverständlich angesehen», sagt Rehdanz, die schon seit Jahren zum Wert von Umweltgütern forscht. »Niemand muss für Biodiversität oder für Regenwälder bezahlen, die das Klima regulieren. Wenn die Menschheit aber so weitermacht wie bisher», so die Befürchtung von Rehdanz, »ist nicht nur die Biodiversität bedroht, sondern auch wir Menschen selbst.» Die Studie zeige, dass Naturschutz für das menschliche Wohlbefinden ähnlich wichtig ist wie finanzielle Sicherheit. In den Schutz von Lebensräumen zu investieren ist also eine lohnende Anlage, weil damit auch zum menschlichen Wohlbefinden beigetragen wird.

Der im Februar 2021 erschienene Bericht über die Ökonomie der biologischen Vielfalt (The Economics of Biodiversity), der von der britischen Regierung in Auftrag gegeben wurde, macht ebenfalls darauf aufmerksam, dass die Berücksichtigung der Natur nach wie vor ein blinder Fleck in der Messung der Wirtschaftsleistung eines Landes ist. Die Studie unterstreicht die Notwendigkeit eines grundlegenden Wandels in der Art und Weise, wie wir zukünftig wirtschaftlichen Erfolg messen. Ein Umdenken kann dazu beitragen, den Verlust der biologischen Vielfalt aufzuhalten und gleichzeitig den Wohlstand einer Gesellschaft zu schützen und zu steigern.

Autorin: Kerstin Nees

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