unizeit Schriftzug

Große Werke aus dem hohen Norden

Es gab Zeiten, in denen sich die skandinavische Literatur offenbar gar zu hyggelig eingerichtet hatte und international ziemlich abgehängt war. Dass sich das schon vor 200 Jahren zu ändern begann und Werke aus dem Norden auch heute noch hohe Anerkennung genießen, hat seine Gründe.

Vier Personen, verteilt auf einer Theaterbühne
© picture alliance / Eventpress Hoensch

»Dämonen«, Theaterstück von Lars Norén, Regie: Thomas Ostermeier in der Schaubühne in Berlin, (v.l.): Lars Eidinger (Frank), Brigitte Hobmeier (Katarina), Eva Meckbach (Jenna), Tilman Strauss (Tomas)

Mankell, Lindgren, Lagerlöf, aber auch Strindberg oder Ibsen: Ihre Namen stehen für Gattungen wie Krimi, Kinderbuch, Theaterstück – und sind unabhängig davon hierzulande bekannter als die von so manchen aktuellen Fußballstars. Für Karin Hoff, seit März 2020 Professorin für Neuere Skandinavische Literatur an der Uni Kiel, ist das kein großes Wunder, denn in jedem Fall stehen diese und viele weitere Namen für eine Literatur, die dicht am Leben und an den großen Themen der jeweiligen Zeit ist. Was nach Einordnung der Wissenschaftlerin recht genau der Forderung des bedeutenden dänischen Literaturkritikers, Philosophen und Schriftstellers Georg Brandes (1842–1927) entspricht, wonach die Literatur – wenn sie denn lebendig sein will – stets die großen Probleme, Widersprüchlichkeiten und Befindlichkeiten in der Gesellschaft zur Debatte stellen sollte.

Bis das der Fall war, brauchte es freilich Vorarbeiten wie von dem Deutschen Friedrich Gottlieb Klopstock (1724–1803), der Mitte des 18. Jahrhunderts in Kopenhagen lebte und dort prägenden Einfluss ausübte. Professorin Hoff spricht vom »ersten Modernisierungsschub« der skandinavischen Literatur, die sich mit einiger Verspätung von der sogenannten »vernünftigen Poetik« zur »Genieästhetik« wandelte. »Es ging nicht mehr so sehr darum, Regeln zu befolgen, sondern die eigene Kreativität zu entfalten«, erläutert die Expertin, die sich bereits in Kiel habilitiert hatte und nach längerem Wirken an der Uni Göttingen wieder hierher zurückgekehrt ist.

Frau vor Bücherregal
© Martin Geist

Karin Hoff ist Expertin für skandinavische Literatur.


Vergleichbar wichtig sowohl durch seine Themen wie auch als Vermittler zwischen der skandinavischen Literatur und dem Rest Europas war aus Sicht von Professorin Hoff auch eben jener Georg Brandes, ein Däne, der sich lange in Berlin aufhielt, ebenso wie in Paris und anderen Städten, und die Kultur des Austauschs geradezu lebte. Dank solcher Botschafter verlief der Transfer hin und her, und im Norden entstanden Werke von fulminanter Wucht. Der Norweger Henrik Ibsen (1828–1906) schuf mit seiner Nora eine Frauenfigur von unerhörter Konsequenz. Drei Kindern und ihrem Mann kehrte sie den Rücken, wandte sich einer ungewissen Zukunft zu – und überforderte damit womöglich zumindest das deutsche Publikum. Mit Rücksicht auf diesen wichtigen Markt schrieb Ibsen sein »Puppenheim« tatsächlich um und dichtete ihm einen weniger radikalen, den sogenannten »Flensburger Schluss« an. »Dann nahm er aber doch wieder Abstand davon und entschied sich für künstlerische Konsequenz«, weiß Karin Hoff.

Überhaupt begann damals, was immer noch da ist: Die Schreibenden befassten sich mit den Fesseln der Ehe, dem nicht durchweg segensreichen Einfluss der Kirche, mit der Frauenfrage, mit sozialer Ungleichheit, kurz mit allem, was die Gesellschaft umtreibt. »Das zieht sich tatsächlich vom Krimi bis zum Kinderbuch durch«, sagt Karin Hoff unter anderem mit Blick auf Astrid Lindgren und Selma Lagerlöf, die im Geiste der Reformpädagogik die Kinder selbst in den Mittelpunkt stellten und Heldinnen wie das aufmüpfige Mädchen Pippi Langstrumpf schufen – oder es auf der anderen Seite wie in den Geschichten von Nils Holgersson oder den Brüdern Löwenherz wagten, das Tabuthema Tod in einem Buch für diese Altersgruppe aufzunehmen. Dazu wiederum kommt der große August Strindberg (1849–1912), der für die einen ein ästhetischer Erneuerer, für die anderen purer Provokateur war und es ohne Weiteres auch einmal zu einer Anklage wegen Gotteslästerung brachte.

Gedeihen und über die Staatsgrenzen wirken konnte all das letztlich nur in einem Milieu der künstlerischen und ein Stück weit auch politischen Offenheit, glaubt Karin Hoff, die der skandinavischen Kultur bis heute eine angesichts der überschaubaren Größe der einzelnen Länder bemerkenswerte Bedeutung beimisst. So markierte Peter Høeg mit »Fräulein Smillas Gespür für Schnee« erst Anfang der 1990er-Jahre eine weitere Modernisierungsphase mit genreübergreifenden Motiven. Ein weiteres Beispiel ästhetischer Grenzüberschreitungen ist der zu Jahresbeginn an COVID-19 verstorbene Lars Norén, dessen Stück »Dämonen« aktuell unter anderem an der Berliner Schaubühne aufgeführt wird.

Skandinavisch ist also weiterhin schick – wenn man denn so will. Wie schon Ende des 20. Jahrhunderts, als das deutsche Duo Arne Holz und Johannes Schlaf aus Marketinggründen unter dem Namen Bjarne P. Holmsen naturalistisch gefärbte Inhalte publizierte. »Die Nummer funktionierte«, befindet Professorin Hoff und betont, dass das nicht der einzige derart gelagerte pseudo-skandinavische Versuch in der jüngeren Vergangenheit war.

Autor: Martin Geist

unizeit-Suche:

In den unizeit-Ausgaben 27-93 suchen