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»Creutzfeldt, eine Ausnahme unter den Psychiatern des Dritten Reiches!«

Der berühmte Hirnforscher Hans Gerhard Creutzfeldt war von 1938 bis 1953 Professor an der Universität Kiel. Zu seinem Handeln im Dritten Reich analysierte der Neurophysiologe Professor Michael Illert bisher nicht ausgewertete Quellen

Hans Gerhard Creutzfeldt
© Universitäts-Nervenklinik Kiel, Prof. Dr. K. Christiani

Hans Gerhard Creutzfeldt ist bekannt als Erstbeschreiber einer rasch fortschreitenden und zum Tode führenden Erkrankung des Gehirns, die nach ihm und Alfons Jacob als Creutzfeldt-Jacob-Krankheit benannt wurde. Mit dem Ausbruch der Rinderseuche BSE (bovine spongiforme Enzephalopathie) in den 1990er Jahren wurden diese Hirnkrankheit und ihre Entdecker in der Öffentlichkeit bekannter. Damals trat bei jungen Menschen eine neue Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit auf, die durch den Verzehr von BSE-verseuchtem Rindfleisch hervorgerufen wurde.

Der 1885 in Hamburg-Harburg geborene Creutzfeldt wurde 1938 auf die Professur für Psychiatrie und Neurologie der Universität Kiel berufen. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzten ihn die britischen Besatzungsbehörden im Juli 1945 als Rektor der Universität Kiel ein. Michael Illert, der sich seit der Vorbereitung zur Ausstellung »Universitätsmedizin Kiel 350« eingehend mit Creutzfeldt beschäftigt hat, sagt dazu: »Nach dem Krieg waren seine moralische Integrität und Opposition zum nationalsozialistischen System unumstritten.« Erst in der jüngeren Vergangenheit sei Creutzfeldts Handeln im Dritten Reich kritisch hinterfragt worden. »Da waren Unklarheiten und Widersprüche, die mich nachforschen ließen«, erklärt Illert. »Viele Psychiater an Universitäten und großen Landesheilanstalten unterstützten im Dritten Reich die ‚rassenhygienischen‘ Konzepte des Regimes. Daher ist eine differenzierte, in die Tiefe gehende Analyse notwendig. Im Ergebnis war Creutzfeldt eine Ausnahme unter seinen psychiatrischen Fachkollegen.«

Illerts Analyse ist jetzt als Buch erschienen. Darin geht er nach einer Darstellung von Creutzfeldts Lebensweg der Frage nach, ob dieser die Strukturen des nationalsozialistischen Systems für fachliche oder persönliche Vorteile nutzte. Dafür findet er keine Hinweise, wie auch nicht für öffentliche Äußerungen, mit denen er das System gestützt hätte.

Detailliert geht Illert auf Creutzfeldts gutachterliche Tätigkeit bei »Erbgesundheitsverfahren« ein. Die »Erbgesundheitsgerichte« wurden durch das »Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses« ab 1934 eingeführt. Sie entschieden über Anträge zur Zwangssterilisation unter anderem an geistig und körperlich behinderten Menschen sowie Patientinnen und Patienten psychiatrischer Heil- und Pflegeanstalten. Illert wertete eine große Zahl von Gutachten aus und dokumentierte, dass in allen Verfahren, an denen Creutzfeldt beteiligt war, die Gerichte sich in deutlich weniger Fällen für das Vorliegen von »Erbkrankheiten« entschieden als im Falle von Verfahren mit anderen Gutachtern. »Die Auswertungen zeigen«, so Illert, »dass Creutzfeldt – anders als viele Gutachter – den Anforderungen des nationalsozialistischen Staates an die Sachverständigen nicht folgte und den individuellen Patienten und nicht das Interesse des Staates in den Mittelpunkt stellte.«

Ein weiterer Schwerpunkt liegt in der Aufklärung der »Euthansie« in Schleswig-Holstein zwischen 1939 und 1945. Hier dokumentiert Illert die Zahlen und zeitlichen Abläufe von Patientenverlegungen sowie die jeweiligen Reaktionen von Creutzfeldt. Ein neues Licht wirft Illert auch auf die von Creutzfeldt begutachteten Fälle in Militärgerichtsprozessen. Als beratender Psychiater der Marine musste er Gutachten zur Zurechnungsfähigkeit von Marineangehörigen erstellen. Dazu arbeitet Illert heraus, dass im Dritten Reich Soldaten, die wegen Unzurechnungsfähigkeit freigesprochen worden waren, häufig der »Euthanasie« zugeführt wurden. Der letzte Abschnitt widmet sich Creutzfeldts Rektorat an der Universität Kiel und seiner Entbindung als Rektor im Mai 1946.

Mit seinem reich illustrierten Buch liefert der Kieler Neurophysiologe Illert eine Vielzahl von neuen Fakten und Interpretationen, die zu einer Neubewertung dieses für die Universität wichtigen Arztes und Wissenschaftlers führen könnten. Lesenswert sind auch die im Anhang abgedruckten vier exemplarischen Entscheidungen des »Erbgesundheitsobergerichts« Berlin zur Sterilisation. Sie geben einen tiefen Einblick in die menschenverachtende und oberflächliche Denk- und Argumentationsweise von Anklägern in solchen Verfahren.

Autorin: Kerstin Nees

Zum Weiterlesen:

Michael Illert: Hans Gerhard Creutzfeldt (1885–1964): Nervenarzt, Wissenschaftler, erster Nachkriegsrektor der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Verlag Ludwig, Kiel 2020.

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