unizeit Schriftzug

Herrin der Ringe

In aufwändiger Kleinarbeit erfasst die Dendrochronologin Lisa Shindo Jahresringe von historischen Holzbalken und Möbeln, um deren Alter und Herkunft sowie die ökologischen und klimatischen Verhältnisse der Vergangenheit in der Region herauszufinden.

Frau bohrt an Deckenbalken
© Alexia Lattard

Mit speziellem Werkzeug entnimmt Dendrochronologin Lisa Shindo kleine Proben aus den Holzbalken alter Häuser in den südfranzösischen Alpen.

Nachhaltiges Bauen ist keine Erfindung der Neuzeit. Schon unsere Ahnen recycelten nicht nur Steine, sondern auch Holzbalken früherer Behausungen für neue Hütten und Möbelstücke. Das lässt sich wissenschaftlich belegen, denn das Besondere an Holz ist: Es lässt sich dank seiner Jahresringe zeitlich datieren. Und nicht nur das. Die Wachstumsringe können unter anderem auch Aufschluss über klimatische und ökologische Begebenheiten im Laufe der Jahrhunderte geben. Dendrochronologie heißt die entsprechende Wissenschaftsdisziplin, die auch Wissenschaft vom Baumalter oder Baumringdatierung genannt wird. Lisa Shindo ist Expertin in diesem Fachgebiet und will im Rahmen des Exzellenzclusters ROOTS den Umwelteinflüssen in den südfranzösischen Alpen auf die Spur kommen.

Holz, vor allem altes Holz, hat es der Französin angetan: »Holz ist ein faszinierender Rohstoff, lebendig, langlebig, vielseitig einsetzbar und dabei natürlich und nachwachsend«, erklärt die 35-Jährige. Wegen all dieser Eigenschaften wird Holz von den Menschen seit jeher geschätzt. Nicht nur als Baustoff für Häuser, Schiffe, Brücken, Möbel, Instrumente, zum Herstellen von Papier oder zum Heizen und Kochen, sondern auch – zum Beispiel als Wald – als natürlicher Schutz sowie als Lebensraum zahlreicher Tiere. »Unseren Vorfahren war daher klar, dass Wälder gepflegt und Bäume nicht nur gefällt, sondern auch neu angepflanzt werden müssen, damit zum Beispiel in den Bergen keine Erosionen entstehen«, weiß Shindo aus alten Waldschutz-Gesetzestexten. Diese Interaktion des Menschen mit Bäumen und dem Rohstoff Holz ist ein weiterer Aspekt ihrer Forschung.

»Der Mensch und die Bäume, das ist eine besondere Beziehung«, sagt Shindo, die seit rund eineinhalb Jahren an der Kieler Universität arbeitet. Sie ist dabei, eine dendrochronologische Abteilung einzurichten und erste Seminare anzubieten. Parallel dazu laufen ihre Forschungen. Die führen sie in den Südosten Frankreichs in die Gegend von Avignon, wo sie in Bergdörfern Holzbalken in alten Häusern und Kirchen untersucht. »Ein erster Schritt meiner Forschung ist die Altersbestimmung von verbautem Holz und die Analyse der Jahresringe, also wie gut der Sommer war, wie viel Wasser der Baum abbekommen hat. Das zeigt sich an der Dicke der Wachstumsringe.« Diese Messungen sollen Daten bringen, auf denen sie weitere Forschungen aufbaut.

Holzstücke
© Jennifer Ruske

Anhang der Jahresringe auf den Holzproben wird das Alter des Holzes bestimmt – und die Zeit in denen die Bäume gewachsen sind.

Um an die Jahresringe zu kommen, nimmt die Wissenschaftlerin mit einem Werkzeug rund 20 Zentimeter lange, sehr dünne Probenstücke von der Außenseite der Holzbalken bis hin zum Kern. Bei kostbaren Möbelstücken und Instrumenten müssen Fotos reichen. Gezählt werden die Ringe manuell, ein Mikroskop und eine spezielle Software unterstützen die Forscherin bei ihrer Arbeit. Shindo erstellt auf dem PC anhand der Jahresringe eine Verlaufskurve mit Ausschlägen nach oben und unten. »Steigt die Kurve, ist es ein dicker Ring, also ein gutes Jahr, fällt die Kurve, ist es ein schlechtes Jahr für den Baum gewesen«, erklärt die Dendrochronologin. Anhand dieser Kurve sowie vergangener (Klima-)Daten versucht sie, ihre Proben zu datieren. Hilfreich dabei sind bereits datierte Referenzkurven aus der Region. Weisen ihre Probe und die Referenzkurve einen ähnlichen Verlauf auf, ist sicher, dass beide Holzstücke aus der gleichen Zeit stammen. »So lässt sich zum Beispiel nachweisen, ob ein historisches Möbelstück oder ein altes Holzinstrument ein Original oder eine Fälschung ist«, erklärt sie.

Sobald die Datierung ihrer umfangreichen Probensammlung abgeschlossen ist, sollen weitere Forschungen folgen. Eine davon ist, die Klimaverhältnisse der Vergangenheit in der Region zu rekonstruieren und besondere Umwelteinflüsse abzulesen. »In den Baumringen lässt sich alles finden, die Herausforderung ist, es richtig zu entschlüsseln.« Ganz einfach ist das nicht, denn eine Reihe von oft unbekannten Parametern spielt dabei eine entscheidende Rolle: Die Qualität des Holzes und die Art des Holzwachstums – schnell oder langsam – gehören dazu. Einfluss auf das Baumwachstum haben aber auch andere Faktoren: Werden Bäume in der Umgebung gefällt, fällt mehr Licht auf den Stamm, der dadurch besser wächst. Werden hingegen einzelne Zweige abgeschnitten, schwächt das den Baum. »In dem Jahr wird weniger Holz produziert«, erklärt die Expertin. »Wir können daher in Bezug auf Klima und Ökologie oft nur Hypothesen aufstellen.« Um die aber möglichst genau zu belegen, um »eine vollständige Vision der Region in einer Epoche« zu bekommen, nutzt die Wissenschaftlerin den Austausch über den Exellenzcluster ROOTS mit Fachleuten aus der Geschichte, der Archäologie und der Geographie, Geomorphologie und anderen Fachbereichen. Doch erst einmal geht es für sie wieder an die Datensammlung, eine Arbeit, die langwierig ist. »Das Zählen der Baumringe wird mich mein ganzes wissenschaftliches Leben begleiten«, weiß Shindo. Der spannende Blick in die Vergangenheit, der sich dabei ergibt, ist die aufwendige Vorarbeit jedoch absolut wert.

Autorin: Jennifer Ruske

unizeit-Suche:

In den unizeit-Ausgaben 27-93 suchen