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Himmlischer Jubel auf 300 Seiten

Die Brahms-Gesamtausgabe ist um einen Band reicher: Der Kieler Musikwissenschaftler Dr. Johannes Behr hat zusammen mit Professor Ulrich Tadday von der Universität Bremen das Triumphlied op. 55 herausgegeben. Ausgangspunkt der gemeinsamen Arbeit war eine kleine Sensation.

Noten und PortraitbildBrahms
© Institut für Musikwissenschaft und Musikpädagogik

Es ist ein Fund, wie man ihn wohl nur einmal im Leben macht: Bei den Forschungen für ihre Doktorarbeit 2012 fand die Bremer Studentin Katrin Bock im Archiv der Philharmonischen Gesellschaft Bremen eine Reihe von handgeschriebenen Chor- und Orchesternoten des Triumphliedes op. 55 von Johannes Brahms (1833–1897). Genauer gesagt, Notenblätter für den ersten Satz, der am 7. April 1871 im Dom der Hansestadt erstmals aufgeführt wurde. Das Sensationelle an ihrem Fund: Die Notenhandschriften überliefern eine Frühfassung, die sich deutlich vom ersten Satz im 1872 erschienenen Druck unterscheidet. »Das macht das Triumphlied noch mehr zu einem ganz besonderen Werk«, sagt Dr. Johannes Behr. Der Musikwissenschaftler ist Brahmskenner und gehört zum Team des Forschungszentrums Johannes Brahms Gesamtausgabe am Musikwissenschaftlichen Institut der CAU. Unter der Leitung von Professor Siegfried Oechsle wird dort das Gesamtwerk des in Hamburg geborenen Komponisten nach wissenschaftlichen Kriterien neu ediert. Ziel des Langzeitvorhabens ist es, sämtliche Werke Brahms in insgesamt 67 Bänden zu veröffentlichen.

Den 31. Band der Gesamtausgabe, der sich dem Triumphlied op. 55 widmet, hat Behr zusammen mit dem Bremer Musikwissenschaftler Professor Ulrich Tadday herausgegeben. »Wir haben damals aus den Chor- und Orchesterstimmen, die wir auf einzelnen Notenblättern fanden, eine Partitur rekonstruiert«, erklärt Tadday, der für die Edition der Frühfassung des ersten Satzes im Anhang des Bandes verantwortlich war. Behr oblag die Aufgabe, das 1872 erschienene Werk herauszugeben und dafür alle überlieferten Quellen – Handschriften und Drucke der Partitur, des Klavierauszugs, der Chor- und Orchesterstimmen – Note für Note miteinander zu vergleichen, um möglichen Schreib- oder Kopistenfehlern auf die Spur zu kommen. »Diese Arbeit und die Erforschung der Entstehungs-, Publikations- und Aufführungsgeschichte hat gut drei Jahre gedauert«, so Behr. Die Ergebnisse beider Experten füllen gute 300 Seiten im DIN-A4-Format.

»Das Triumphlied ist ein hochspannendes Werk, denn es gehört zu den heute eher unbekannten, wenig gespielten Stücken des Komponisten«, erklärt Behr den Reiz der langwierigen Aufgabe. In dem dreisätzigen Werk geht es inhaltlich um die Offenbarung des Johannes (Vers 19) vom Jubel im Himmel. Eben solche übergroße Freude wollte Brahms mit dem Triumphlied ausdrücken, das er anlässlich der Beendigung des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 und der damit verbundenen Gründung des Deutschen Kaiserreiches komponierte – also vor genau 150 Jahren. Darauf deutet auch eine Widmung für Kaiser Wilhelm I. in der Druckfassung hin.

»Das Triumphlied war zu Brahms’ Lebzeiten und noch darüber hinaus populär«, erklärt Behr. »Bis 1933 wurde das aufwändige Werk für Doppelchor, Baritonsolo und großes Orchester über 90-mal aufgeführt. 1933 fanden gleich fünf Aufführungen zur Feier des 100. Geburtstags von Brahms statt.« Für die folgenden Jahre bis 1945 ist in Deutschland dagegen keine einzige Aufführung mehr nachweisbar. Dennoch wurde das Triumphlied in der Nachkriegszeit lange auf seinen deutsch-patriotischen Entstehungshintergrund reduziert und infolgedessen im Konzertleben gemieden. Erst in den letzten Jahrzehnten erklang das Stück vereinzelt wieder in Konzerten und wurde inzwischen mehrfach auf CD eingespielt. Auch in der Musikwissenschaft erschienen in letzter Zeit mehrere Publikationen, die sich um eine differenziertere Beurteilung des vielschichtigen Werkes bemühen, so Behr.

Zum wiedererwachten Interesse hat sicherlich der Fund der »Bremer Frühfassung« des ersten Satzes beigetragen, der am 7. April 1871 – zusammen mit Brahms’ Deutschem Requiem op. 45 – in einem Konzert zum Gedenken an die Gefallenen des Deutsch-Französischen Krieges aufgeführt wurde. »Brahms hatte damals gerade den ersten Satz des Triumphlieds fertig komponiert und nach Bremen geschickt, damit die Orchester- und Chorproben beginnen konnten«, erläutert Tadday.

Für das finale Werk habe er den ersten Satz jedoch noch einmal geändert. Doch was genau ist anders? Das wissen die beiden Musikwissenschaftler: Im April 1871 stand der erste Satz noch in C-Dur und damit einen ganzen Ton tiefer als in der Druckfassung von 1872. Im Klang wirkt die Frühfassung dennoch etwas ‚lichter‘, da hier die tiefen Blasinstrumente Kontrafagott und Tuba fehlen, die Brahms erst später hinzufügte. Und schließlich gibt es auch im Notentext viele Unterschiede – von einzelnen geänderten Noten bis hin zu völlig neu komponierten Stellen. »Brahms war, was die Arbeit an seinen Kompositionen anging, ein Geheimniskrämer. Er hat selten Einblicke in seinen Schaffensprozess gewährt und Skizzen meist vernichtet«, sagt Tadday. »Umso erfreulicher ist es, dass beim Triumphlied die Frühfassung immerhin eines Satzes erhalten geblieben ist«, ergänzt Behr. »Dieser neue Gesamtausgaben-Band bietet also die seltene Möglichkeit, zwei Werkfassungen miteinander zu vergleichen und auf diese Weise Brahms gewissermaßen beim Komponieren auf die Finger zu schauen.«

Autor: Jennifer Ruske

www.brahmsausgabe.uni-kiel.de

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