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Einfach anders

Würden die Leute nur das sagen, worauf es wirklich ankommt, dann ginge es sehr wortkarg zu auf dieser Welt. Dass tatsächlich allerorten munter drauflos geredet wird, hat viel mit Höflichkeit zu tun. Ein klarer Fall (nicht nur) für die Linguistik.

Symbold Verbeugungen
© pur.pur

»Ich hätte vielleicht gern ein Schnitzel.« Als Dr. Petr Nadenicek vor ungefähr 15 Jahren neu in Deutschland war, wählte er diese Formulierung beim Bestellen im Restaurant, ohne groß darüber nachzudenken. Die Folge waren Missverständnisse, wie er sich erinnert: »Damit konnte die Kellnerin überhaupt nichts anfangen. Sie fragte sich, will er jetzt oder will er nicht.« In erster Linie wollte der in Tschechien geborene Gast nur höflich sein. Auch wenn ein Restaurant eine Dienstleistungseinrichtung ist, schickt es sich im östlichen Nachbarland, seinen Wunsch im Konjunktiv zu äußern. Und genau die Bedeutung eines Konjunktivs hat in diesem Beispiel das Wörtchen »vielleicht«. »Damit setzt man das Gegenüber nicht so unter Druck«, erläutert Nadenicek, der heute am Institut für Slavistik tätig ist. Wäre zum Beispiel das Schnitzel ausverkauft, so sähe sich die Kellnerin nicht gezwungen, ein dringendes Anliegen rundweg ablehnen zu müssen.

Über das aktuelle Wetter zu reden, hat in der Regel keinen informativen Zweck, es sei denn, wir haben es gerade mit einer Sturmflut zu tun.

Petr Nadenicek

Diese kleine Geschichte ist nur eines von unzähligen Beispielen über die von Land zu Land, immer wieder sogar von Region zu Region unterschiedlichen Vorstellungen von Höflichkeit. Weil sich diese Vorstellungen sehr häufig über Sprache äußern, ist das Thema ein schönes Spielfeld für die Linguistik beziehungsweise speziell an der Uni Kiel für den Masterstudiengang Migration und Diversität. Unter diesem organisatorischen Dach bietet Dr. Nadenicek regelmäßig eine Lehrveranstaltung unter dem Titel »Deutsche und slavische Höflichkeitsstrategien im Vergleich« an. Der Fokus liegt dabei erst einmal auf der Sprachwissenschaft. Petr Nadenicek lenkt dazu die Aufmerksamkeit der Studierenden unter anderem auf die vier Konversationsmaximen, die Paul Grice vor etwa 50 Jahren aufgestellt hat. Kommunikation soll dieser sprachphilosophischen Theorie nach den Geboten der Qualität, der Quantität, der Relevanz und der Modalität folgen. Was gesagt wird, sollte also wahr sein, so knapp wie möglich formuliert werden, es sollte von Bedeutung und letztlich auch verständlich sein. Wer jedoch den Menschen beim Reden zuhört, stellt laut Nadenicek fest: »Wir verstoßen zu 80 bis 90 Prozent gegen diese Regeln. Und wenn sich das so verhält, ist es natürlich interessant zu wissen, warum wir dies tun.«

Portraitbild Petr Nadenicek
© Geist

Petr Nadenicek beschäftigt sich mit Sprache und Höflichkeit.

Weithin einig sind sich die Fachleute wie George Lakoff, Geoffrey Leech sowie Penelope Brown und Stephen C. Levinson, dass Höflichkeit eine entscheidende Rolle spielt. Was sich nicht erst daran zeigt, wie etwas gesagt wird, sondern oft schon daran, dass überhaupt etwas gesagt wird. »Über das aktuelle Wetter zu reden, hat in der Regel keinen informativen Zweck, es sei denn, wir haben es gerade mit einer Sturmflut zu tun«, nennt der Kieler Slavist ein Beispiel. Im Prinzip hat also derlei Allerweltskommunikation aus Sicht des Experten hauptsächlich diese eine Funktion: »Wir halten Kontakt zu anderen Menschen und signalisieren, dass wir nichts Böses im Sinn haben.«

Es geht also um Höflichkeit als wesentliche Voraussetzung für ein konfliktarmes Zusammenleben. Wie bei der Bestellung eines Schnitzels gibt es in dieser Hinsicht vielerlei Situationen und eben unterschiedliche Arten, um Wohlgesonnenheit zu demonstrieren. Betritt etwa in Polen oder Russland jemand ein Büro und bekommt etwas zu trinken angeboten, gilt es als höflich, abzulehnen. Man tut kund, keine Umstände bereiten zu wollen und sagt vielleicht erst nach dem zweiten oder dritten Nachhaken ja. Deutsche empfinden dieses kleine Ritual hingegen eher als nervig, wenn nicht gar unhöflich. Denn es lässt sich ja auch so interpretieren, als ob die ablehnende Antwort partout nicht ernstgenommen wird.

Anreden bieten ebenfalls viel Raum für die Analyse von Höflichkeitsstrategien. Akademische Titel gehören im tschechischen Sprachraum selbstverständlich dazu und wirken in Deutschland eher gestelzt. Auch geduzt wird in anderen Ländern verhaltener und wenn, dann differenzierter. Nadenicek: »In Russland ist es gut möglich, dass sich zwei Universitätsdozenten duzen und zum Sie übergehen, sobald Studierende dabei sind. In Deutschland oder auch in Tschechien muss man sich der Konsequenz bewusst sein, dass einmal Du immer Du bedeutet.«

Mit seiner Lehrveranstaltung will der Kieler Sprachwissenschaftler in erster Linie Sensibilität für die feinen Unterschiede in der Kommunikation wecken. Und für Toleranz plädieren, denn seine feste Überzeugung lautet: »Nichts ist besser oder schlechter, es ist einfach anders.«

Autor: Martin Geist

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