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Innovation mit Luft nach oben

Wie innovativ ist Deutschland? Jahr für Jahr sucht eine sechsköpfige Sachverständigenkommission mit Kieler Beteiligung Antworten auf diese Frage und überreicht der Bundeskanzlerin ein Gutachten, das mit vielen Vorschlägen gespickt ist. Gar nicht so wenige davon werden sogar übernommen.

Glühbirne
© istock/Sergey Nivens

Professor Till Requate von der Uni Kiel gehört seit Mai 2020 der Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) an. Dieses Gremium zählt nach den sogenannten fünf Wirtschaftsweisen zu den einflussreichsten Gremien der Politikberatung auf Bundesebene. Mitglied in diesem Kreis zu sein, betrachtet der Wirtschaftswissenschaftler deshalb »schon als eine gewisse Anerkennung«, die er seinem weithin guten Ruf als Umwelt- und Ressourcenökonom verdanken dürfte. Verbindliche Richtlinien zur Besetzung der Kommission gibt es zwar nicht, Requate ist aber Nachfolger seines an der Uni Oldenburg tätigen Kollegen Christoph Böhringer, der im selben Bereich tätig ist.

Interessante Ausflüge in fremde Fachgebiete, Berührung mit neuen Technologien sowie Austausch mit Politik und Wirtschaft, das macht für den Wissenschaftler, der an der Uni Kiel den Lehrstuhl für Innovations-, Wettbewerbs- und Neue Institutionenökonomik innehat, den Reiz dieses Postens aus. Und nicht zuletzt hat er auch aus der Geschichte der seit dem Jahr 2006 präsenten EFI den Eindruck gewonnen: »Wir werden schon gehört und ernst genommen.«

Jüngstes Beispiel dafür ist das vor einem Jahr von der Bundesregierung aufgelegte Zukunftspaket, das 60 Milliarden für Bildung, Forschung und Entwicklung vorsieht. Die darin aufgeführten Schwerpunkte wie Künstliche Intelligenz, Quantentechnologie und Aufbau einer europäischen Datenstrategie entsprechen exakt den Anregungen der EFI, die von dem Volkswirt Professor Uwe Cantner (Friedrich-Schiller-Universität Jena) geleitet wird. Auch die Gründung der Agentur für Sprunginnovationen geht auf einen Vorschlag der Kommission zurück, die sich davon erhofft, dass kreative Ideen schneller umgesetzt werden und auf den Markt gelangen. Erfreulich ist für Requate und Co. auch die Tatsache, dass nach jahrelang beständigem Unterschreiten der Messlatte immerhin schon seit 2016 das Ziel erreicht wird, mindestens drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Forschung und Entwicklung auszugeben.

Was die jüngere Entwicklung betrifft, führt das 160-seitige Gutachten, das Ende Februar aus gegebenem Anlass virtuell an Bundeskanzlerin Angela Merkel übergeben wurde, Licht und Schatten auf. Viel zu tun gibt es demnach in der beruflichen Aus- und Weiterbildung. Besonders in den kleinen und mittleren Unternehmen sind die für diesen Bereich Verantwortlichen »oftmals selber nicht auf dem aktuellen Stand der Digitalisierung«, beschreibt Requate das Kernproblem. Soll also verhindert werden, dass Jobs und ganze Betriebe auf der Strecke bleiben, müssen aus Sicht der Kommission in diesem für Deutschland so wichtigen Segment mehr Hilfen und auch Anreize geboten werden.

Allenthalben sieht die EFI außerdem bürokratische Hürden für Innovation. Ausdrücklich genannt wird das Beispiel der Nobelpreisträgerin Emmanuelle Charpentier, die in Berlin mit großem Erfolg zum sogenannten CRISPR/Cas-System forscht, das besser als »Genschere« bekannt ist. Ihre klinischen Studien nimmt sie jedoch in einer eigens dafür gegründeten Firma in der Schweiz vor. Die Verfahren zur Genehmigung solcher Studien sind dort nach Darstellung von Requate nämlich nicht unbedingt laxer, aber schneller. Während in Deutschland das Paul-Ehrlich-Institut und dazu noch das jeweilige Bundesland ihren Segen erteilen müssen, genügt in der Schweiz eine Instanz.

Insgesamt, so sieht es Professor Requate, würde Deutschland derzeit für seine Innovationskraft vielleicht die Schulnote drei plus erhalten. Der kurz gefasste Befund lautet: Weiterhin (oder immer noch) stark bei hochwertigen Technologien wie Fahrzeug- und Maschinenbau, hintendran jedoch bei Spitzentechnologien, insbesondere dem Digitalen, der Gentechnik und trotz sehr guter Grundlagenforschung bei den medizinischen Anwendungen. Ähnlich wie im Fußball, wo Geld entgegen vieler Behauptungen eben doch Tore schießt, verhält es sich dabei nach Till Requates Einschätzung in der Forschung und Entwicklung: »Unsere Universitäten sind finanziell einfach nicht so gut ausgestattet wie die in den USA oder China.«

Eine weitere Baustelle ist – auch in Schleswig-Holstein – der Wissenstransfer zwischen Hochschulen und Wirtschaft. Sinnvoll wäre für Requate viel mehr Kooperation etwa bei der Brennstoffzellentechnik, die im Kieler U-Boot-Bau Weltruf erlangt hat, aber eben auch für Autos und vor allem für Lastwagen große Perspektiven haben könnte. Für eine Verzahnung mit der Wissenschaft fehlt es aber schlicht an einem entsprechenden Lehrstuhl und überhaupt an einem Konzept, meint Requate. Und sieht dabei in erster Linie die (Hochschul-)Politik gefordert.

Autor: Martin Geist

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